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Nach der Flut im Ahrtal : Der improvisierte Alltag von Familie Klees

Josef Klees füttert im Dezember den kleinen Sohn, Annette Klees kocht mit ihrer Mutter im Hintergrund. Bild: Michael Braunschädel

Seit der Flut begleiten wir Familie Klees aus Ahrweiler. Wie geht es ihr inzwischen? Über das Leben in zwei Welten und die täglichen Provisorien.

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          Im achten Monat nach der Flut gewinnt Familie Klees langsam Boden unter den Füßen. „Es ist so ein bisschen, ich glaube, man kann sagen: improvisierter Alltag“, sagt Annette Klees. Alles sei provisorisch. „Die ­Kinder gehen in die improvisierte ­Schule oder in den improvisierten ­Kindergarten, die Leute gehen in improvisierte Geschäfte einkaufen, oder man geht in improvisierte Arzt­praxen“, sagt sie. Sogar improvisierte Restaurants gebe es. Fast alles sei irgendwie wieder da, „aber nicht so wie vorher, nicht normal“.

          Tobias Schrörs
          Politikredakteur.

          Die ersten Schuhe etwa für den kleinen Sohn haben Annette und ihr Mann Josef Klees in einem improvisierten Geschäft gekauft. Seit einigen Wochen läuft der Kleine schon. „Es ist ein Provisorium, aber es waren zumindest bekannte Gesichter“, sagt Annette Klees. Die Boutique in der sogenannten Pop-up-Mall von Bad Neuenahr-Ahrweiler gehört zu einem alteinge­sessenen Schuhhaus, bei dem Familie Klees schon vor der Flut einkaufen ging. ­Vertraute Gesichter sind viel wert, wenn eine Welt zusammengebrochen ist.

          Der Einkauf lief ein bisschen anders ab als vor der Flut, da wäre Annette Klees einfach in den Laden gegangen und hätte gesagt: „Wir hätten jetzt ­gerne Schuhe für unseren Sohn.“ Dieses Mal rief sie vorher an, weil zu dem ­Zeitpunkt noch Restbestände verkauft wurden, die die Flut überlebt hatten. Ein passendes Paar für den Sohn war zum Glück dabei, mit dem er nun seine ersten beschuhten Schritte macht.

          Schuhgeschichten nach der Flut

          Es gibt so viele Geschichten zu erzählen von Schuhen und der Flut. Eine handelt von den Stiefeln, mit denen Josef und Annette Klees die ­ersten Schritte durch den Schlamm machten, als das Wasser wich. Familie Klees hatte die Gummistiefel glück­licherweise griffbereit im Treppenhaus. Bei anderen waren sie im Gartenhaus und gingen unter. Eine andere Geschichte ist jene von einem Kollegen, der Josef Klees ungefragt die Schuhe von der Arbeitsstelle in die Notunterkunft brachte. Und weil Klees das so rührte, handelt die Geschichte eigentlich nicht von Schuhwerk, sondern von einem aufmerksamen Menschen. Wer diese Serie über Familie Klees verfolgt, kennt auch schon die dritte Geschichte: jene von den Sneakern, die Josef in einem Spendenlager fand und die er zur Taufe seines Sohns trug.

          Für eine Nebensächlichkeit kann ein Paar Schuhe nur halten, wem noch nie eines fehlte. Zum ersehnten Alltag gehört, dass die Dinge an ihrem Platz sind und nicht alles zum Problem wird. Das zerstörte Haus an der Ahr kann jeder als Problem erkennen, die tausend Nebensächlichkeiten, die den Alltag ausmachen, nicht. Annette und Josef Klees fühlen sich außerhalb der Flut­region darum oft nicht verstanden. „Man lebt in zwei Welten“, sagt Annette Klees. „Man fühlt sich den Leuten, die selber betroffen sind, zwangsläufig näher, weil man dieselben Probleme hat, dieselben Erlebnisse.“ Außerhalb des Ahrtals könne eines niemand nachvollziehen, sagt Josef Klees: „Du fährst auf die Arbeit und lebst in einer heilen Welt.“

          Zwei Dinge erinnern die beiden daran, dass sie immer noch in einem Ausnahmezustand leben mit ihrer Tochter, dem Sohn und der Schwiegermutter in der Notunterkunft. Das eine ist der Wechsel zwischen den Welten, wenn sie zur Arbeit fahren, und das andere der Moment, wenn sie einen Text wie diesen für die Serie über ihr Leben nach der Flut lesen. „Ich muss sagen, wenn ich es lese, kommt es mir schlimmer vor, als wenn ich es erlebe, weil wir ja nicht die Einzigen sind“, sagt Annette Klees. „Alle Nachbarn, alle Freunde, alle, die wir kennen, haben dasselbe Problem.“ Das sei etwas ­anderes, als wenn man in einem Ort lebe und das eigene Haus als einziges abbrenne, „dann fühlst du dich viel mehr als Opfer, als wenn alle um dich herum dasselbe erleben“.

          Die Katastrophe verbindet. So sei die Nachbarschaft in Ahrweiler stärker zusammengewachsen, sagt Annette Klees. Da bleibt es nicht aus, dass sie oder ihr Mann Josef schon mal „auf ein Bierchen verhaftet“ werden, wenn sie an der Baustelle sind. Man steht zusammen.

          Familie Klees aus Ahrweiler berichtet in dieser Serie darüber, wie sie die Flutkatastrophe bewältigt. Zuletzt ging es um die das erste Weihnachtsfest, die Taufe des kleinen Sohns und die Anfänge der Sanierung des Hauses. Im F.A.Z. Podcast für Deutschland wird Familie Klees in dieser Folge vorgestellt.

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