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Schauspieler Jonas Dassler : Es ist sein Moment

Jonas Dassler nach dem wohl verrücktesten Wochenende seines Lebens am Montagmorgen in Berlin Bild: Andreas Pein

Diesen jungen Mann sollten Sie sich ansehen: Jonas Dassler, Schauspieler, 22. Eigentlich war er zehn Jahre zu jung für die Rolle des Frauenmörders im Film „Der goldene Handschuh“ – zeigt aber sein unglaubliches Talent.

          7 Min.

          Gerade haben die Journalisten aus aller Welt den wohl umstrittensten Film dieser Berlinale gesehen, knapp zwei Stunden Gewalt gegen Frauen, roh, brachial und so verstörend realistisch, als handelte es sich um die Dokumentation einer exotischen Handwerkskunst. Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“ nach dem Roman von Heinz Strunk bebildert die wahre Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der in den siebziger Jahren in seiner Hamburger Dachwohnung vier Trinkerinnen und Gelegenheitsprostituierte tötete.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist sehr viel Blut und noch mehr Alkohol zu sehen, der brutale Sex ist zum Glück nur zum Teil im Bild. Und während prompt eine Diskussion über die Erträglichkeit oder Notwendigkeit eines solchen Films einsetzt, wird der Hauptdarsteller als Kandidat für einen Silbernen Bären gehandelt. Denn mindestens genauso abstoßend wie das Geschehen ist der vor Anstrengung keuchende und verschwitzte, sabbernde Honka selbst: ein verlebtes Geschöpf mit hängenden Schultern, schiefem Gang und kleinbürgerlichen Sehnsüchten. Seine Nase ist eine Wulst, das Haar strähnig, die Haut vernarbt. Ein schielendes Auge starrt irre aus seinem Schädel hervor.

          Als nun das Filmteam für die obligatorische Festival-Pressekonferenz das Podium betritt und der Honka-Schauspieler mit einem Extra-Applaus begrüßt wird, entfährt einer russischen Radiojournalistin fast ein kleiner Schrei. „Der ist so jung“, sagt die Frau. „Und so hübsch.“

          Tatsächlich ist Jonas Dassler erst 22 Jahre alt und erinnert ein bisschen an James Dean. Ein markantes Kinn, die Lache breit und ungestüm und dieses charismatische Leuchten aus Träumeraugen. Selbst wenn Dassler nur für die Berlinale-Fotografen posiert, schmiegt er erst den Kopf an die Schulter seines Regisseurs wie ein sanftes Kätzchen, um gleich darauf mit einem Ausfallschritt wie der Held in einem Mantel-und-Degen-Film herausfordernd in die Runde zu blicken.

          Als er gefragt wird, wie er sich seiner fürchterlichen Figur genähert habe, sagt er, Honka sei zwar ein Monster, aber eben auch ein Mensch gewesen, und dass die Maske geholfen habe. Dann muss er vorzeitig weg, weil er gleich noch im Theater auf der Bühne steht. Aber auch vor Publikum lässt er es sich nicht nehmen, sich von jedem Teammitglied mit schnellen Wangenküsschen zu verabschieden.

          „Jonas ist eine tolle Persönlichkeit, die immer das Ensemble mitdenkt“, sagt die Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, Shermin Langhoff. Vor anderthalb Jahren hat sie Dassler von der Schauspielschule weg engagiert. Sie rühmt seine Neugier, seine Energie und seinen Arbeitswillen, seine spielerische Intelligenz und eine Mischung aus innerer Sicherheit und Lust auf Verunsicherung, die für sein Alter bemerkenswert sei. Dann sagt sie diesen Satz der Sätze: „Er ist ein Jahrhunderttalent.“

          Ungeahnte Energien freigesetzt

          Und es ist sein Moment. Zu keinem Zeitpunkt wird das deutlicher als an diesem ersten Wochenende der Berlinale, von dem Dassler später sagen wird, es sei vielleicht das Verrückteste gewesen, das er bisher in seinem Leben gemacht habe. Freitagabend, Gorki-Theater, Premiere von „Ein Bericht für eine Akademie“ nach Motiven von Kafka, in der Hauptrolle, fulminant: Jonas Dassler. Bis nachts um zwei, erzählt der Schauspieler, habe er anschließend auf seiner eigenen Premierenparty gefeiert.

          Samstag dann läuft „Der Goldene Handschuh“ im Berlinale-Wettbewerb. 17.30 Uhr Pressekonferenz. Um 19.30 Uhr wieder Vorstellung im Gorki. 22 Uhr roter Teppich und Filmpremiere. Da kann Dassler nicht überall dabei sein, oder? „Doch“, schreibt die Pressefrau im Vorfeld zurück: „Jonas schafft alles.“ Auf seiner zweiten Premierenparty bleibt er bis nachts um vier. Trotzdem gibt er beide Tage über Interviews, zum ersten Mal in seinem Leben auch der internationalen Presse.

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