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Nachruf auf Jesper Juul : Der Lieblings-Erziehungsberater der Deutschen ist gestorben

  • -Aktualisiert am

Am 25. Juni 2019 ist Jesper Juul gestorben. Bild: Roger Hagmann

Wenn Kinder nicht weiter wissen, fragen sie ihre Eltern – und wenn die nicht weiter wussten, fragten sie Jesper Juul. Nun ist der Familientherapeut und Autor im Alter von 71 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

          Er sprach von „Gleichwürdigkeit“. Was das heißen sollte, war nicht so ganz leicht zu verstehen. Aber Jesper Juul hat auch nie behauptet, dass Elternsein im 21. Jahrhundert eine einfache Sache wäre. Warum sonst hätte er ein Buch nach dem anderen veröffentlicht und die Elternschule „Familylab“ gegründet?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Besonders in Deutschland waren die Vorträge und Seminare, die der dänische Familientherapeut vor seiner schweren Autoimmunerkrankung im Jahr 2012 gehalten hatte, mitunter so gut besucht, dass das Geschehen auf dem Podium per Kamera in einen zweiten Saal übertragen werden musste.

          Für eine Generation verunsicherter Eltern stand Juul für eine Art dritten Weg. Ein demokratisches Miteinander, in dem Erwachsene und Kinder gleichberechtigt übers Zähneputzen und über Urlaubsziele entscheiden, hielt er für schädlich. Die autoritäre Alternative, das Loblied auf Gehorsam und Disziplin, lehnte er ebenfalls ab. Sein Ausweg aus den Erziehungsfallen der Gegenwart hatte mit Respekt, Führung und Beziehung zu tun.

          Immer wenn man zwischen großen Begriffen die Orientierung verlor, hatte Juul ein Beispiel. Viele seiner Anekdoten hatten den Charakter kleiner Wundergeschichten, so unerwartet und unvorstellbar gut lösten sich typische Eltern-Kind-Konflikte auf. Trotzdem halfen sie dabei, eine Haltung für den Alltag zu entwickeln, mit der man ein bockiges Kind tatsächlich dazu bringen konnte, den Spielplatz zu verlassen. Juul lehrte weder Techniken noch Tricks. Er erinnerte vielmehr an das Wesentliche – nämlich dass es darum geht, sowohl das Kind als auch die eigenen Bedürfnisse als Vater oder Mutter ernstzunehmen. Daraus kann ein persönlicher Erziehungsstil reifen.

          Der Mann, der nach dem Realschulabschluss als Hilfskoch zur See fuhr, als Bauarbeiter arbeitete und Lehrer werden wollte, bevor er sich in Dänemark, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten zum Familientherapeuten ausbilden ließ, hat oft gesagt, er sei ein miserabler Vater gewesen. In seiner vor gut einem Jahr erschienenen Autobiographie beschrieb er sich selbst als verhaltensauffälliges Kind aus belasteten familiären Verhältnissen.

          Vielleicht hat auch diese Menschlichkeit ihn zum Lieblings-Erziehungsberater der Deutschen werden lassen: weil er ihnen erlaubte, Fehler zu machen. Man kann sich schließlich auch bei den eigenen Kindern mal entschuldigen. Und im Zweifelsfall rief er seinem Publikum zu, es möge sich entspannen: nichts schlimmer als Eltern, die versuchten, um jeden Preis perfekt zu sein. Am Donnerstag nun ist Jesper Juul im Alter von 71 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.

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