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Einhorn-Trend : Botschafter vom Ende des Regenbogens

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Einhornmütze auf, und alle Sorgen sind verschwunden. Das suggeriert jedenfalls die kindliche Optik. Bild: Getty

Das Einhorn hat jetzt echt magische Kräfte: Egal, was es ziert, ob Bratwürste oder Pyjamas, die Teile verkaufen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit anschließend absurd gut. Woran liegt das?

          Wenn sie am Morgen in ihrem Einhorn-Ganzkörper-Schlafanzug, flauschig und rosa, zum Frühstückstisch tapst, verziehen die Brüder der 18 Jahre alten Nele Platte aus Schriesheim keine Miene. Die Abiturientin trägt den Anzug mit Würde – und Überzeugung, auch im Sommer, bei eher pyjamaunfreundlichen Temperaturen. Nichts sehnlicher als genau dieses Outfit wünscht sich auch Conny Ritter, 15 Jahre alt. Die Münchner Schülerin spart gerade für diesen Traum. Eine Einhorn-Lampe und ein Shirt mit dem Motiv hat sie bereits gekauft, bezeichnet sich selbst als des Einhorns größter Fan.

          Auch vor der Erotikbranche macht der Trend keinen Halt:  Glühweinstand auf dem „Santa Pauli Weihnachtsmarkt“ auf der Reeperbahn in Hamburg 2016.

          Diesen Titel würde ihr die 38 Jahre alte Daniela Nething allerdings absprechen. Die Mutter und bekennende Einhornanhängerin aus Walldorf hat erst vergangene Woche, zum Geburtstag ihrer Tochter, Schokomuffins mit weißen Einhornköpfen und bunter Regenbogen-Mähne aus Zuckerguss verziert, ganz sorgfältig.

          Wohin man auch schaut, es gibt kein Entrinnen. Die kitschigen, rosa glitzernden, traditionell seltenen Fabelwesen sind seit Ende vergangenen Jahres überall: auf Handyhüllen, Schlüsselanhängern, Pantoffeln, Bratwurst- und Kondom-Verpackungen. Innerhalb weniger Monate hat das Einhorn die Herzen Hunderter junger Erwachsener sowie Verkaufsläden und die sozialen Netzwerke erobert. Aber warum eigentlich?

          Die scheuen Fabelwesen mögen plötzlich Techno: Einhorn auf dem „World Club Dome Festival“ in Frankfurt Anfang Juni.

          „Sie sind halt unheimlich süß“, sagt Annika Kipper, eine 22 Jahre alte Einhorn-Liebhaberin aus Dorfen bei München. Das allerdings erkläre noch nicht hinreichend, warum Menschen Geld für rosafarbene Einhorn-Bratwürste ausgeben, gibt die Erzieherin zu. Sie beschreibt, was für sie die Faszination des Fabelwesens ausmacht: „Einhörner erinnern an eine Welt, in der es noch keine Probleme gab.“

          When dance is cancelled... #belike #unicorn #unicornday #nodance #unicornparty #🦄 #🔥

          Ein Beitrag geteilt von Nicolette Durazzo / NICA (@nica_dancer_wc_) am

          Für die 22-Jährige und viele andere verkörpert das Einhorn unschuldige Kindheitsträume, eine heile Welt, in der alles möglich ist – auch Zauberei. Die Assoziation liegt nahe, schließlich glitzert das Einhorn und verfügt über magische Fähigkeiten. Außerdem ist das Wesen am Ende des Regenbogens zu Hause. An jenem Sehnsuchtsort also, an dem kühne Träume Wirklichkeit werden – spätestens, seit Judy Garland in dem Filmmusik-Hit „Over the Rainbow“ mit großen Augen „dreams that you dare to dream really do come true“ trällerte.

          Ein Konterpart zur Realität

          Eskapismus, also Realitätsflucht, nennen Experten solches Denken. Es ist eine plausible Erklärung für die akute Einhorn-Manie. Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien, Anhängerin dieses Deutungsansatzes, beschreibt, das Einhorn sei ein „Konterpart zur Realität“ und stehe für den Wunsch einer Alternative zur Konkurrenz- und Ellenbogengesellschaft. Das Bedürfnis nach „Sicherheit, Harmonie und Idylle“, das im Alltag nicht gestillt werde, äußere sich in der Beliebtheit des Einhorns.

          Schön schaurig: Ein Einhorn auf Rädern im April bei der „Houston Art Car Parade 2017“

          Noch einen Schritt weiter geht der Soziologe und Trendforscher Sacha Szabo. Er deutet das Einhorn nicht nur als Flucht aus der Wirklichkeit, sondern als Protest; als Mittel einer gewissen Gruppe, sich politisch zu artikulieren. Einhorn-Anhänger setzten, so Szabo, ein Zeichen für Offenheit, Toleranz und Buntheit. Auch eine Solidarisierung der Trendträger mit der LGBT-Community – via Regenbogen – sei durchaus denkbar. Auf jeden Fall aber gelte: „So banal, wie das Einhorn zunächst daherkommt, ist es bei weitem nicht.“

          Katalysator für den Einhorn-Boom in Deutschland war der Schokoladehersteller Ritter Sport. Im Herbst 2016 landete die Marke mit ihrer Einhorn-Schokolade einen echten Coup. Kurz nach Ankündigung der limitierten Edition auf Facebook am internationalen Einhorn-Tag am 1. November – ja, den gibt es wirklich – waren sämtliche Tafeln vergriffen. Auch eine Nachproduktion der Glittersport-Schokolade, wie sie in den sozialen Netzwerken gehandelt wird, konnte der Nachfrage nicht gerecht werden, die extra aufgerüsteten Server des Webshops brachen zusammen. Auf Ebay wurden die begehrten Tafeln für bis zu 100 Euro angeboten. Ritter-Sport-Produktmanagerin Meike Heitker sagte, sie hätten zwar „mit großer Begeisterung gerechnet, aber einen solchen Ansturm dann doch nicht erwartet“.

          Die Kaffeehauskette Starbucks brachte erst vor wenigen Wochen in Amerika einen Einhorn-Frappuccino auf den Markt, für kurze Zeit, versteht sich.

          Nach der Glittersport-Schokolade überrannten Einhorn-Horden den Markt. Edeka und der dm-Drogeriemarkt boten Einhorn-Duschgel an, Lidl einen Einhorn-Joghurt und das kürzlich umbenannte Kultgetränk Capri-Sun gibt es nun in der Geschmacksrichtung „Einhorn-Saft“. Mittlerweile sind die Tiere wirklich überall in deutschen Kaufhäusern vertreten. „Einhorn draufklatschen und für den doppelten Preis verkaufen“ – so funktioniere Marketing 2017, heißt es, der Witz kursiert seit geraumer Zeit in den sozialen Netzwerken. Kein Wunder bei den Unsummen, die Fans des Fabelwesens wissenden Auges für die Einhorn-Produkte ausgeben.

          Bald wird sich das Phantasiepferd ausgeglitzert haben

          Doch nicht nur in Deutschland hat das gehornte Pferd seinen Durchbruch geschafft. In Graz wurde jüngst ein Einhorn-Parkplatz eröffnet. Auf Mallorca werden den Badegästen in dieser Saison riesige aufblasbare Einhorn-Schwimminseln angeboten. In New York hat jüngst ein ganzer Einhorn-Shop eröffnet, der vor allem eins verkauft: Hörner. Und die Kaffeehauskette Starbucks brachte erst vor wenigen Wochen in den Vereinigten Staaten einen Einhorn-Frappuccino auf den Markt, für kurze Zeit versteht sich. Das Getränk konnte seine Farbe und seinen Geschmack wechseln – richtig magisch also.

          Einhorn-Hörner in einem Laden in Brooklyn: Die Hörner kosten je nach Größe zwischen 14 und 30 Dollar (etwa 13 bis 27 Euro).

          Doch bald wird sich das Phantasiepferd ausgeglitzert haben, zumindest in Deutschland hat der Einhorn-Trend seinen Höhepunkt wohl schon überschritten. „In zirka einem Jahr wird das Einhorn wieder in seine Märchenwelt verschwinden“, behauptet Szabo, der Markt sei übersättigt. Einige echte Anhänger, wie etwa die Schauspielerin Pia Tillmann, Einhorn-Tattoo auf dem Rippenbogen, werden dem Tier wohl weiterhin treu bleiben. Doch selbst Tillmann ist froh, wenn der Hype um das Fabelwesen endlich vorbei ist. Von dem ist die Schauspielerin, so erzählt sie, nämlich richtig genervt – wie viele andere mittlerweile auch.

          Es geht noch süßer: Das Einhorn-Design scheint gerade überall Berechtigung zu haben.

          Das zeigt sich auch an der ironischen Haltung, mit der sich Hersteller die Einhorn-Manie zunehmend zunutze machen. Die Folge: Produkte, die sich auf dem Markt mehren, zeugen von einer Perversion des unschuldigen Trend-Motivs ad absurdum. So verkaufte Edeka im Mai Einhorn-Toilettenpapier mit Zuckerwatteduft und bewarb es mit den Worten: „Es war noch nie so leicht einen süßen Arsch zu bekommen.“ Auch Einhorn-Pups wird mittlerweile als Toiletten-Duft verkauft – und bei einem anderen Hersteller als Marshmallow, rosa natürlich. Auf Facebook und Pinterest mehren sich kotzende Einhörner und spöttische Bemerkungen. „Meine Freunde sagten, ich lebe in einer Phantasiewelt. Vor Schreck wäre ich fast von meinem Einhorn gefallen“, schreibt eine Nutzerin. Derartige Sprüche zeigen, dass auch die Einhorn-Liebhaber eine durchaus ironische Perspektive auf den Hype haben – zumindest mittlerweile.

          Das Einhorn ist bei weitem kein modernes Fabelwesen

          Wie so ein Trend entsteht oder woher er kommt, weiß hinterher oft niemand so richtig. Zuvor war es die Eule, dann der Flamingo, jetzt das Einhorn. Dieses war dank Serien wie „My little Pony“ und der Buchverfilmung „Das letzte Einhorn“ in den vergangenen Jahren wohl immer latent im Bewusstsein vorhanden. Auch Fantasy-Romane, so etwa Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ oder J. K. Rowlings „Harry Potter“, haben wohl zur Popularität des pinken Pferdes unter jungen Erwachsenen beigetragen. In diesen Erzählungen haben die Tiere stets magische Fähigkeiten, können etwa fliegen, Krankheiten heilen oder Tote auferwecken. Auch in Cornelia Funkes „Reckless“-Trilogie kommen Einhörner vor, allerdings in böser Variation, ein klarer Bruch mit einer jahrhundertealten Symbolik. Denn das Einhorn ist bei weitem kein modernes Fabelwesen.

          Schon Aristoteles und Plinius der Ältere erwähnten das Einhorn, besonders ausführlich ist auch eine Beschreibung im „Physiologus“, einem Buch über Wundertiere aus der Spätantike. Die Schilderungen sind überraschend detailliert, beinahe so, als handele es sich nicht um einen Mythos, sondern ein reales Wesen. Was natürlich die Frage aufwirft, ob es das Einhorn wirklich einmal gegeben hat?

          Anruf bei Ursula Göhlich, Kuratorin für Wirbeltierpaläontologie am Naturhistorischen Museum Wien. Obwohl diese Tiere nicht so aussehen, wie sich das die Trend-Träger vorstellen, gehen die Beschreibungen wohl auf Sichtungen des indischen Panzernashorns zurück. Auch schlichte Fehldeutungen hätten dazu beigetragen, den Mythos um das Einhorn zu etablieren, sagt Göhlich. Tiere mit zwei Hörnern, auf Reliefs und Bildern seitlich dargestellt – Auerochsen etwa, sähen schließlich wie Einhörner aus. Letztlich gelte: „Das gehornte Pferd, das aktuell so sehr im Trend liegt, ist ein reiner Mythos.“

          Übrigens gibt es noch ein weiteres Tier, das einhornähnliche Züge trägt: den Narwal. Dessen weit vorstehendes, spiralförmig gewundenes „Horn“ ist jedoch eigentlich ein Eckzahn. Und richtig zauberhaft sieht das Tier damit nicht aus. Sieht die Einhornliebhaberin Annika Kipper auch so: „Sie sind nicht pink“, sagt sie. Für eine Narwal-Schokolade extra Geld ausgeben würde sie nicht.

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