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Einhorn-Trend : Botschafter vom Ende des Regenbogens

  • -Aktualisiert am
Es geht noch süßer: Das Einhorn-Design scheint gerade überall Berechtigung zu haben.

Das zeigt sich auch an der ironischen Haltung, mit der sich Hersteller die Einhorn-Manie zunehmend zunutze machen. Die Folge: Produkte, die sich auf dem Markt mehren, zeugen von einer Perversion des unschuldigen Trend-Motivs ad absurdum. So verkaufte Edeka im Mai Einhorn-Toilettenpapier mit Zuckerwatteduft und bewarb es mit den Worten: „Es war noch nie so leicht einen süßen Arsch zu bekommen.“ Auch Einhorn-Pups wird mittlerweile als Toiletten-Duft verkauft – und bei einem anderen Hersteller als Marshmallow, rosa natürlich. Auf Facebook und Pinterest mehren sich kotzende Einhörner und spöttische Bemerkungen. „Meine Freunde sagten, ich lebe in einer Phantasiewelt. Vor Schreck wäre ich fast von meinem Einhorn gefallen“, schreibt eine Nutzerin. Derartige Sprüche zeigen, dass auch die Einhorn-Liebhaber eine durchaus ironische Perspektive auf den Hype haben – zumindest mittlerweile.

Das Einhorn ist bei weitem kein modernes Fabelwesen

Wie so ein Trend entsteht oder woher er kommt, weiß hinterher oft niemand so richtig. Zuvor war es die Eule, dann der Flamingo, jetzt das Einhorn. Dieses war dank Serien wie „My little Pony“ und der Buchverfilmung „Das letzte Einhorn“ in den vergangenen Jahren wohl immer latent im Bewusstsein vorhanden. Auch Fantasy-Romane, so etwa Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ oder J. K. Rowlings „Harry Potter“, haben wohl zur Popularität des pinken Pferdes unter jungen Erwachsenen beigetragen. In diesen Erzählungen haben die Tiere stets magische Fähigkeiten, können etwa fliegen, Krankheiten heilen oder Tote auferwecken. Auch in Cornelia Funkes „Reckless“-Trilogie kommen Einhörner vor, allerdings in böser Variation, ein klarer Bruch mit einer jahrhundertealten Symbolik. Denn das Einhorn ist bei weitem kein modernes Fabelwesen.

Schon Aristoteles und Plinius der Ältere erwähnten das Einhorn, besonders ausführlich ist auch eine Beschreibung im „Physiologus“, einem Buch über Wundertiere aus der Spätantike. Die Schilderungen sind überraschend detailliert, beinahe so, als handele es sich nicht um einen Mythos, sondern ein reales Wesen. Was natürlich die Frage aufwirft, ob es das Einhorn wirklich einmal gegeben hat?

Anruf bei Ursula Göhlich, Kuratorin für Wirbeltierpaläontologie am Naturhistorischen Museum Wien. Obwohl diese Tiere nicht so aussehen, wie sich das die Trend-Träger vorstellen, gehen die Beschreibungen wohl auf Sichtungen des indischen Panzernashorns zurück. Auch schlichte Fehldeutungen hätten dazu beigetragen, den Mythos um das Einhorn zu etablieren, sagt Göhlich. Tiere mit zwei Hörnern, auf Reliefs und Bildern seitlich dargestellt – Auerochsen etwa, sähen schließlich wie Einhörner aus. Letztlich gelte: „Das gehornte Pferd, das aktuell so sehr im Trend liegt, ist ein reiner Mythos.“

Übrigens gibt es noch ein weiteres Tier, das einhornähnliche Züge trägt: den Narwal. Dessen weit vorstehendes, spiralförmig gewundenes „Horn“ ist jedoch eigentlich ein Eckzahn. Und richtig zauberhaft sieht das Tier damit nicht aus. Sieht die Einhornliebhaberin Annika Kipper auch so: „Sie sind nicht pink“, sagt sie. Für eine Narwal-Schokolade extra Geld ausgeben würde sie nicht.

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