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Abschied von Merkel : Jetzt ist sie weg – weg. Und wir sind wieder allein – allein

Freunde, es wird Zeit für mich zu gehen: Merkel bei Pressekonferenz, Oktober 2018 Bild: Imago

Angela Merkel hat uns Gelegenheit gegeben, eine Trainingseinheit in einer menschlichen Grunderfahrung zu absolvieren: Dem Abschied. Wer das kann, kann alles.

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          Abschied muss man üben, sagt der Dichter (Heinz Rudolf Kunze). Mit ihrem angekündigten stufenweisen Verzicht auf Partei- und Staatsämter hat Angela Merkel uns Gelegenheit gegeben, eine Trainingseinheit in einer menschlichen Grunderfahrung zu absolvieren. Einige der Reaktionen auf ihre Erklärung lasen sich wie Fragmente einer Sprache der Liebe, in diesem Fall natürlich: einer Liebe, deren Ende nahe ist. Die „taz“ titelte: „Wir werden uns noch nach ihr sehnen.“ So können wir am Beispiel der Kanzlerin emotionale Muskeln ertüchtigen, die wir in schlimmeren Schlussmomenten ebenfalls brauchen. Abschied muss man üben, sonst fällt er viel zu schwer.

          Bertram Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wäre es empirisch haltbar, zu sagen, der Mensch habe im Laufe des Lebens zunächst vor allem Begegnungen, um später dann vor allem Abschiede zu erfahren? Wenn nicht, dann kommt es einem verdammt noch mal so vor. Die Ahnung indes, dass die Abschiede schmerzhafter werden, trügt vermutlich nicht.

          Das „Schlussmachen“ sei Teil des Lebens, notiert die kluge „Psychologie heute“; von einer Kompetenz sprechen die Seelenfachleute, von „Trauerarbeit“ die Populärpsychologie. Im Film „Der englische Patient“ sagt der Liebhaber (Ralph Fiennes) zu seiner verheirateten Geliebten (Kristin Scott Thomas), nachdem die beiden eben erst die Trennung beschlossen haben: „Ich will, dass du weißt: Ich vermisse dich noch nicht.“ Sie entgegnet: „Das wirst du.“

          Interessanterweise, einfach „sich verabschieden“, das geht auch mit Dingen, deren Abwesenheit einen nicht oder nicht unbedingt schmerzt: Kilos, schlechten Gewohnheiten, Lebenslügen. Im Gegensatz dazu: „Abschied nehmen“, die Verfestigung im Substantiv suggeriert es, ist ein Akt, oft ein Kraftakt, und immer: Entzug. Verlust. Was im Substantiv ebenfalls mitschwingt: Der Verlust ist sozusagen offiziell, wie die Kündigung des Beamtenverhältnisses – irreversibel. Natürlich vornehmlich in den Fällen, in denen Menschen, wie man dann sagt, von uns gegangen sind. (Wenn wir selbst gehen, das ist noch mal ein anderes Spiel; davon reden wir heute nicht.)

          „Ich nehme den Goldfisch, du das Goldfischglas“

          Gerade für diesen endgültigsten aller Abschiede – aber nicht nur für ihn – gibt es auch ein Protokoll, eine Abfolge von Räumen und Ritualen, die dafür sorgen, dass wenigstens die äußere Form gewahrt bleibt, und die der Emotion wenigstens sozusagen eine Spur vorschlagen, in der sie verlaufen kann – was die Angelegenheit aber ebenfalls nur marginal erträglicher macht.

          Die Verlustempfindung macht sich nicht nur an Personen fest, sondern auch an Objekten, ob es nun Schallplattensammlungen sind oder Briefe oder Kronkorken aus Silvesternächten, oder an Orten, zumeist Häusern oder Nachbarschaften. Wenn wir sie verlieren oder verlassen, ahnen wir: So, wie wir waren, werden wir nie mehr sein. Wenn wir Abschied nehmen, so selbstredend auch immer von uns selbst, einem Stück von uns selbst wenigstens. Der französische Chansonier Jean-Jacques Goldman beispielsweise hat in dem Lied „Reprendre, c’est voler“ („Zurücknehmen ist Stehlen“) in den achtziger Jahren einen ganzen Katalog der Dinge aufgemacht, über den ein Paar bei der Trennung verhandelt: „Ich werde die Schallplatten behalten, und du den Plattenspieler. Ich die Vorwörter der Bücher, dir überlasse ich die Schlusskapitel. Ich nehme den Goldfisch, du das Goldfischglas. Du kriegst den großen Tisch, ich die vier Stühle. Alles soll sehr klar sein und vor allem sehr gerecht. Man teilt die Sachen auf, wenn man die Träume nicht mehr teilt.“

          Merkel beim „World Health Summit“ in Berlin im Oktober: „Die Kunst zu enden – wer das kann, kann alles“, wusste Hugo von Hofmannsthal.

          Eine theatertaugliche Tragik haben Abschiede, bei denen, um es mit dem Höchstwillen an Abstraktion zu sagen, das Wissen um ihre Abschiedhaftigkeit asymmetrisch verteilt ist. Gerade bei Beziehungen: Er hat noch nicht gemerkt, dass die Liebe schal geworden ist; sie weiß schon Bescheid – und hat sich innerlich auch schon verabschiedet. (Prinzipiell übrigens die angenehmere Position, wenn es denn sein muss.) Tragikkomisch kann es werden, wenn eine Ablösung als „überfällig“ gilt, am Arbeitsplatz, in der Politik, der Betroffene aber nicht loslassen mag. „Die Kunst zu enden – wer das kann, kann alles“, wusste Hugo von Hofmannsthal.

          Eine Sorte Abschiede gibt es, die mehr oder weniger tief in sich eine Süße tragen: die vorläufigen. „Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu gehen. Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehen.“ Das will sagen: Aber wir sehen uns ja wieder, keine Sorge. Es ist dieser Trost, mit dem – auf größerer Leinwand – die Religionen arbeiten. Im Diesseits lässt er sich jeden Sonntagnachmittag und -abend auf einem Bahnhof Ihrer Wahl beobachten: wenn sich Paare verabschieden, die in Fernbeziehungen leben und gerade das Wochenende gemeinsam verbracht haben. Denn der nächste Freitag ist noch immer gekommen.

          Als Lebewohl aus diesem Text sei gesagt: Manche Abschiede, die man sich wünschen würde, stellen sich nicht oder zumindest lange nicht ein. („Horst, es ist Zeit.“ – Peter Gauweiler.) Das aber sind die wenigsten. Die meisten sind unausweichlich, vor allem der allerletzte, der auf uns alle wartet. Alles vorher ist – in der Tat – nur Übung. „Preserve your memories“, singen Simon and Garfunkel. „They’re all that’s left you.“

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