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Demographie : Neun Frauen auf zehn Männer

„Die Diskriminierung der Frau in Indien ist allgegenwärtig” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

„Familienplanung“ der unmenschlichen Art ist in Indien kein neues Phänomen: Noch immer werden dort weibliche Embryonen häufig abgetrieben - selbst in Regierungskreisen hält man dies mittlerweile für „ein soziales Problem“.

          5 Min.

          Jedesmal, wenn Mridu Garg zur Ultraschall-Untersuchung geht, legt ihr Dr. Dugal ein amtliches Formblatt vor: Sie muß dann unterschreiben, daß sie nicht nach dem Geschlecht ihres Kindes fragen wird. Frau Garg findet das eher ärgerlich. "Ich würde natürlich gerne wissen, ob ich ein Mädchen oder einen Jungen bekomme", sagt sie. Andererseits ist die 29 Jahre alte Sprachwissenschaftlerin eine studierte Frau und versteht die Maßnahme der Regierung. Die Patientinnen, die das nicht verstehen, werden vor der Klinik aufgeklärt: "Save the girl child" steht auf den Plakaten, die ein kleines Mädchen mit großen, bittenden Augen zeigen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Mädchen sind in Indien zu einer schützenswerten Gattung geworden. Das Geschlechterverhältnis hat sich in den vergangenen Jahren so ungünstig entwickelt, daß im ganzen Land auf zehn Männer nur noch neun Frauen kommen. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert, errechnete ein Regierungszensus im Jahr 2001, fehlten dem Land 35 Millionen Frauen. Der Grund dafür ist grausam: Inderinnen treiben in großem Stile weibliche Embryonen ab.

          „Familienplanung“ der unmenschlichen Art

          "Familienplanung" der unmenschlichen Art ist in Indien kein neues Phänomen. Über Jahrtausende tradierte sich der Brauch, Neugeborene zu töten, wenn sie sich als Mädchen entpuppten. In manchen Regionen des Landes lag der Frauenanteil zur Hälfte unter dem männlichen. Noch heute hält sich mancherorts die barbarische Sitte, die unter Strafe steht, aber nicht überall energisch verfolgt wird. Im Distrikt Salem etwa, einer ländlichen Gegend im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, werden nach Angaben des örtlichen Wohlfahrtsamts fast 60 Prozent aller neugeborenen Mädchen in den ersten drei Tagen nach der Entbindung getötet.

          Bild: F.A.Z.

          Mit der Verbreitung der Ultraschalltechnik eröffnete sich den Eltern eine neue Möglichkeit: Abtreibung. Skrupellose Ärzte im Bundesstaat Gujarat, berichtete vor kurzem eine Aktivistin auf einem Seminar in Delhi, eröffneten den Müttern mit einer feststehenden Redewendung, daß sie ein Mädchen erwarten: "Jai Mata ki Puja karo" - "Bete zu der Göttin". Das bedeute soviel wie: Töte den Fötus!

          „Viele Frauen versuchen, den Arzt zu überlisten“

          Seit 1971 ist Abtreibung in Indien erlaubt. Für umgerechnet etwas mehr als hundert Euro nehmen Ärzte den Eingriff vor. Nichtregierungsorganisationen schätzen, daß von 1000 Abtreibungen nur fünf männliche Föten betroffen sind. Seit bald 15 Jahren wird über diese Praxis öffentlich geredet. Es war der populäre nobelpreisgekrönte Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen, der den Begriff der "fehlenden Frauen" Anfang der neunziger Jahre in die indische Debatte einführte. Seither bemühen sich Regierungsstellen und private Organisationen, das Problem in den Griff zu bekommen. 1994 stellte die Regierung in Delhi die pränatale Diagnose unter Strafe. Ärzten, die Auskunft geben, drohen Gefängnis, Bußgeld und der Entzug der Approbation. Vor drei Jahren wurde das Gesetz noch einmal verschärft. Aber der Erfolg läßt weiter auf sich warten.

          Von vielen Ärzten wird das Gesetz schlicht unterlaufen, für einige soll es sogar zu einer besonders sprudelnden Einkunftsquelle geworden sein, weil sie sich die gefährliche Information teuer unter dem Tisch bezahlen lassen. "Hätte ich es unbedingt wissen wollen", sagt Frau Garg, "wäre ich einfach um die Ecke meiner Klinik in eine der schmierigeren Praxen gegangen." Aber selbst in den gut geführten Privatkrankenhäusern versuchen viele Frauen, den Arzt zu überlisten. "Sie fragen mich dann auf die beiläufige Weise: Doktor, soll ich rosa oder blau kaufen?" berichtet Dr. Dugal, Mridu Gargs Arzt.

          Indien steht mit seinem Problem nicht allein

          Über die Motive der Eltern und die kulturellen Hintergründe ist viel spekuliert worden - auch viel Unsinn. Weder wurzelt die Verachtung des Weiblichen, gar der Kindsmord, im vedischen Kulturerbe, noch steht Indien mit seinem Problem allein. Besonders China klagt über ähnliche Ungleichgewichte in seiner Bevölkerung. "Das sich verschlechternde Verhältnis weiblicher zu männlichen Geburten widerspricht jeder allgemeingültigen Erklärung", meint Karuna Bishnoi vom UN-Kinderhilfswerk in Delhi. "Die Gründe variieren von Ort zu Ort."

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