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Demographie : Neun Frauen auf zehn Männer

Die populäre Annahme, Armut würde dazu beitragen, Jungen gegenüber Mädchen vorzuziehen, läßt sich statistisch nicht belegen. In den oberen 20 Prozent der Gesellschaft ist das Verhältnis noch ungünstiger als im unteren 20-Prozent-Segment, hat Unicef errechnet. Auch das oft vorgetragene Argument, auf dem Land würden mehr Mädchen abgetrieben als in den Städten, hält einer Überprüfung nicht stand. Ausgerechnet Süd-Delhi, der wohlhabendste Teil der Hauptstadt, wartet mit einer der ungünstigsten Statistiken im ganzen Land auf. Mridu Garg ist in dieser Gegend groß geworden. "Die Ungleichgewichte gibt es hier schon seit langer Zeit", sagt sie und erinnert sich an ihre Schulklasse, in der 22 Jungen und acht Mädchen saßen. An der Universität sah es später kaum anders aus: 14 zu fünf.

„Allgegenwärtige Diskriminierung der Frau“

"Der einzige überwölbende Faktor, der sich finden läßt, ist die allgegenwärtige Diskriminierung der Frau", meint die Unicef-Expertin. "Bis heute gilt die Hausfrau und Mutter in Indien als Kostgängerin, deren Arbeit nicht als wirtschaftlich relevanter Beitrag zur Gesellschaft betrachtet wird." Tatsächlich wird die Frau in weiten Teilen des Landes nicht nur als unproduktiv, sondern sogar als handfeste finanzielle Belastung wahrgenommen. Vor allem die Phase der Hochzeit bringt manchen Brautvater an den Rand des Ruins. Schuld sind nicht nur horrende Mitgiften, die noch immer von den meisten Familien eingefordert werden - eine Rolle spielt auch die indische Sitte, das Hochzeitsfest mindestens eine Nummer größer auszurichten, als es der Geldbeutel eigentlich zuläßt.

Der Männerüberschuß prägt das gesellschaftliche Klima in Indien inzwischen auf unvorteilhafte Weise. Nicht wenige führen das oft gestörte männliche Verhalten gegenüber Frauen auf deren schlichten Mangel zurück. Indische Zeitungen haben Delhi bereits zur "Hauptstadt der Vergewaltigung" ausgerufen. Im vergangenen Jahr veröffentlichten die Politikwissenschaftlerinnen Valerie Hudson und Andrea den Boer ein Buch, in dem sie die Entwicklung einer kollektiv aggressiven Männergeneration voraussagten, die das Niveau der Kriminalität systematisch heben würde. In einigen Jahren, so die Autorinnen, könnten Indien und China gezwungen sein, die neuen Aggressionspotentiale in ihren Massenarmeen zu binden, was die allgemeine Kriegsgefahr erhöhe.

Zum „sozialen Problem“ geworden

Solche Prognosen mögen übertrieben sein. Aber auch der indische Gesundheitsminister Anbumani Ramadoss ist der Meinung, daß die Abtreibung weiblicher Föten längst nicht mehr als bloßes Diskriminierungsmerkmal zu behandeln sei, sondern als "soziales Problem". Er sagte das anläßlich einer Aufklärungsaktion, die von - an dieser Frage traditionell uninteressierten - Hindu-Führern angestoßen worden war. Unter der Ägide des populären Priesters Swami Agnivesh hatten sich am 6. November Hunderte Aktivisten auf einen "Marsch" durch die am schlimmsten betroffenen Bundesstaaten, von Gujarat über Rajasthan, Haryana und Delhi bis in den Punjab, gemacht. Im Rahmen der Aktion warf der Swami einen durchaus selbstkritischen Blick auf die eigene Zunft: "Wir sind verantwortlich dafür, daß einige falsche Werte auf die Agenda gesetzt wurden, weshalb wir nun damit anfangen, die Fehler wiedergutzumachen."

Mridu Garg, die bald niederkommen soll, verfolgt diese Diskussionen interessiert, aber auch mit einem gewissen Abstand: "Ich sehe all diese Probleme, habe mich aber persönlich als Frau in Indien nie benachteiligt gefühlt." In ihrer Familie - sie zählt zur oberen Mittelschicht - seien Männer und Frauen immer gleich behandelt worden, und auch die Eltern ihres Mannes hätten zur Hochzeit keinerlei Mitgift verlangt. Sie setzt dem anderswo im Land grassierenden Männerwahn ihren eigenen kleinen Protest entgegen: "Ich hoffe von Herzen, daß ich ein Mädchen zur Welt bringe", sagt sie. "Jungs sind so schwierig im Umgang."

Am wenigsten Mädchen in Punjab

Schockiert nahmen die Inder nach dem letzten Zensus zur Kenntnis, daß die Zahl der Mädchen im Vergleich zu den Jungen in nur zehn Jahren merklich gesunken ist. Kamen im Jahr 1991 auf tausned Jungen (bis sechs Jahre) noch 945 gleichaltrige Mädchen, waren es zehn Jahre später nur noch 927. Das demographische Drama, das in erster Linie auf die zunehmenden Abtreibungen weiblicher Föten zurückgeführt wird und sich zu einem großen Problem der indischen Gesellschaft auswachsen könnte, variiert dabei von Bundesstaat zu Bundesstaat. Die amtliche Statistik aus dem Jahr 2001 ergab, daß sich das Geschlechterverhältnis besonders in den wohlhabenderen Bundesstaaten ungünstig entwickelt hat.

Im Punjab fiel die Quote sogar unter die Achtzig-Prozent-Marke. Dort kamen auf tausend Jungen nur 793 Mädchen - zehn Jahre zuvor waren es noch 875 Mädchen gewesen. Auch in Haryana, Gujarat und in der Hauptstadt Delhi liegt die Zahl der Mädchen merklich unter neunhundert. Über dem indischen Durchschnitt liegen unter anderem die südindischen Bundesstaaten Karnataka, Andhra Pradesh und Tamil Nadu sowie die Armenhäuser Orissa, Jarkhand und Chhattisgarh. Aber auch hier sinkt die Zahl der Jungen tendenziell. Ein Trend zum Positiven verzeichneten allein Mizoram, Kerala, Tripura, Sikkim und (mit einem Jungen-Plus von 33 auf tausend Mädchen an der Spitze) die südwestindische Inselgruppe Lakshadweep. Auf ihr leben allerdings nur etwa sechzigtausend Menschen.

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