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Delhi : Rücke vor bis Connaught Place

  • -Aktualisiert am

Langer Weg auf den Fahrersitz: Sunita Chaudhary in ihrer Autorikscha Bild: Michael Radunski

Sunita Chaudhary ist die erste Rikschafahrerin der indischen Hauptstadt Delhi. Bis es so weit war, hat sie hart kämpfen müssen. Die Behörden verboten ihr sogar, die Führerscheinprüfung abzulegen.

          „Hey! Mach Platz.“ Sunita fuchtelt wild, als wolle sie den Wagen neben ihr wegschieben. „Bleib gefälligst in deiner Spur!“ Es ist früher Abend am Connaught Place, Hauptverkehrszeit im Zentrum Delhis, die Wagen stehen Stoßstange an Stoßstange, grüne Linienbusse neben breiten Luxusautos und schwarzen Taxen der Marke Ambassador. Dazwischen überall Autorikschas, es wird gehupt, gedrängelt, gebrüllt. Sunita Chaudhary ist in ihrem Element.

          In Delhi gibt es 55.000 Auto-Rikschas. Wegen des Motorengeräuschs werden sie „Tuk-Tuk“ genannt. Die grünen Dreiräder mit gelbem Dach sind das beliebteste Fortbewegungsmittel in Indiens Hauptstadt. Sie sind billig, schnell und schmal genug, um sich auch im dichtesten Stau zwischen den Autos hindurchschlängeln zu können. Sunita Chaudhary sticht aus ihren Tausenden Kollegen heraus. Sie ist in Delhi die einzige Frau am Steuer einer Autorikscha.

          Breitbeinig sitzt die Siebenunddreißigjährige auf der Fahrerbank. Sie trägt Lederstiefel, Jeans und eine dünne lilafarbene Jacke. Mit beiden Händen umfasst sie die Lenkstange und schaut konzentriert ins Verkehrsmikado. Im Stau tun sich immer wieder Lücken auf zwischen den Autos. Die muss man nutzen, will man um diese Uhrzeit überhaupt vorankommen. Jetzt schneidet ihr ein weißer Mercedes den Weg ab. Sunita stampft mit dem Fuß aufs grüne Bodenblech: „Du Idiot!“ Der Abendverkehr am Connaught Place bringt selbst sie aus der Fassung. Schon tut sich eine neue Lücke auf. Sofort dreht Sunita den rechten Lenkergriff ihrer Rikscha nach hinten. Ihr Tuk-Tuk schießt nach vorn und passt genau zwischen den blauen Toyota und den schwarzen Ambassador. Wieder ein halber Meter gewonnen. Sie lächelt. „Es gibt keine Regeln. Jeder kämpft für sich.“ Kämpfen hat sie gelernt.

          Sunita Chaudhary wurde in einem Dorf im Bundesstaat Uttar Pradesh geboren. Wie alle Mädchen musste sie im Haushalt helfen. Bildung oder gar ein Beruf sind ungewöhnlich für Frauen auf dem Land. Die meiste Zeit war Sunita zu Hause, putzte, kochte und wusch. Die Eltern suchten einen Ehemann für sie, mit 14 heiratete sie ihn. Zunächst war alles in Ordnung, sagt sie. Sicher, ihr Mann hat sie hin und wieder geschlagen. Sie sagte nichts, sie wollte eine gute Ehefrau sein. Aber ein Jahr später änderte sich ihr Leben von Grund auf. Sie holt tief Luft und beginnt zu erzählen, in sich gekehrt, mit gesenktem Blick: Vier Männer waren es. Ihr Ehemann und drei Freunde.

          Gegen alle Widerstände

          Sie fielen über sie her, schlugen und misshandelten sie. Sunita ballt die Fäuste. „Dann wollten sie mich aufhängen.“ Die Männer legten ihr ein Seil um den Hals. „Hier“, sagt Sunita und drückt mit dem Zeigefinger auf eine Narbe an der Kehle. „Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden. Mein Mann und seine Freunde gruben gerade ein Loch.“ Ihr war sofort klar, was sie da sah - ihr Grab. „Ich rannte los, von Todesangst getrieben.“ In einem Waisenhaus fand sie Unterschlupf. Die Leute fragten nicht viel, und Sunita sagte nicht viel. Keiner sollte wissen, wer sie ist und was ihr angetan wurde.

          Heute ist das anders. Sunita hat gelernt zu kämpfen. Um Erfolg zu haben, müsse man mitunter laut werden. „Keiner hat mir etwas geschenkt, aber ich habe es trotzdem geschafft“, sagt sie. Drei Monate blieb sie in dem Waisenhaus. Sie erholte sich und schöpfte Kraft. „Doch bleiben konnte ich dort nicht.“ Sie war damals gerade 16 Jahre alt und hatte nichts: kein Zuhause, keine Ausbildung, keine Freunde. Nur einen 50-Rupien-Schein trug sie in der Hosentasche. Das war ihr Hab und Gut, umgerechnet 70 Cent. So machte sie sich auf in die Hauptstadt - und hatte Glück. Mitten in der gewaltigen Stadt traf sie ein Mädchen aus ihrem Heimatdorf, das ihr eine Stelle als Putzfrau vermittelte. Mal putzte sie die Wohnungen der Wohlhabenden, mal die Gänge eines städtischen Krankenhauses.

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