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Dechiffrierung im Zweiten Weltkrieg : Die Ehre der Codeknacker

  • -Aktualisiert am

„Immer ist nur von den Briten die Rede!“: Theo Ophoven zu Beginn seiner Karriere. Bild: Archiv Henning Sietz

Auch auf deutscher Seite wurde im Krieg fleißig dechiffriert – wenngleich das weitgehend unbekannt blieb. Einer der vielen Codeknacker war Theo Ophoven.

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          Die Enigma, die Chiffriermaschine der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, ist ein Mythos, der sorgsam gepflegt wird. Bis heute wird darum gerungen, wem die Ehre gebührt, ihren Code geknackt zu haben. Bei jedem Anlass, sei es ein neuer Spielfilm über die Schlacht im Atlantik oder der 100. Geburtstag des Mathematikers und wohl bekanntesten Dechiffrierers Alan Turing in diesem Jahr, geht es gleich um die nationale Ehre. Mal fühlen sich die Polen zurückgesetzt, die bis 1939 wichtige Vorarbeiten leisteten, mal die Briten, die in Bletchley Park mit 9000 Mitarbeitern den Code knackten, mal die Amerikaner, weil sie die schnelleren Dechiffriermaschinen bauten.

          Doch auch die Deutschen trugen ihren Teil bei. Einer von ihnen war der Funker Theo Ophoven: „Immer ist nur von den Briten die Rede! Mir platzt jedes Mal der Kragen, wenn ich das höre.“ Ophoven war 1940 in Husum bei der Wetterfunk-Empfangsstelle 22 (W-22) eingesetzt. „Mit Wetter hatte das nichts zu tun. Wir hörten den Funkverkehr der Royal Air Force ab und kannten alle Standorte der Luftwaffe in England, jeden Flughafen, welche Maschinen sie hatten, ihre Rufzeichen“, erzählte Ophoven vor einigen Jahren, als in Deutschland der amerikanische Spielfilm „U-571“ anlief, der die Dechiffrierung des Enigma-Codes durch die Alliierten thematisiert. „Wir hörten die Unterhaltungen zwischen den Flugzeugbesatzungen ab, wir kannten ihren Slang.“

          Dass auch die Wehrmacht in den verschlüsselten Funkverkehr der Briten einbrechen konnte, ist noch immer so gut wie unbekannt. Geläufiger ist der Erfolg des B-Dienstes, des Dechiffrierdienstes der deutschen Kriegsmarine, der die britische Royal Navy abhörte. „Die Erfolge der Wehrmacht sind weitaus weniger ruhmvoll als die Enigma-Geschichte“, sagt der Kryptologe Frode Weierud aus der Schweiz. „Die Errungenschaften der Verlierer sind eben schnell vergessen, wenn sie überhaupt je erwähnt werden.“

          „Der war bombensicher“

          Auch für die Wetterfunk-Empfangsstelle der Luftwaffe war zunächst Glück im Spiel. Nach dem Absturz eines britischen Flugzeugs konnte die Wehrmacht Unterlagen über „Syko“ bergen, den Code der Royal Air Force. Es war der Anfang der deutschen Entschlüsselungserfolge der Luftwaffe. „Nach einem halben Jahr war der Schlüssel komplett da - für jeden Tag“, erzählte Ophoven. „Der Funker, der den Durchbruch schaffte, wurde danach befördert.“ Im Jahr 1940 wurde Theo Ophoven als Funker nach Norwegen versetzt, um weiter Nachrichten abzufangen und zu entschlüsseln. Die Kommunikation mit Deutschland lief über den Geheimschreiber, den Siemens T 52, einen Fernschreiber mit Verschlüsselung.

          Über dieses Gerät konnte Ophoven noch 60 Jahre nach Kriegsende schwärmen: „Den konnte man nicht abhören, der war bombensicher. Sobald sich jemand in die verschlüsselte Fernschreibverbindung einschaltete, brach sie zusammen.“ Ophoven brach erst 2001, als der Film „U-571“ in die Kinos kam, sein Schweigen, was nicht untypisch war: Auch die Informationen über Bletchley Park waren jahrzehntelang geheim; die Dechiffrierstelle der Briten nördlich von London, hatte es gewissermaßen nie gegeben. Erst 1974 packte einer der britischen Kryptologen aus. Doch während die Erfolgsgeschichte der britischen Mathematiker bekannt wurde, blieben die Errungenschaften der Wetterfunk-Empfangsstellen auch weiterhin meist nur den ehemaligen Mitarbeitern bekannt.

          Geheim bleibt geheim: Sein Schweigen brach Theo Ophoven erst 2001, als der Film „U-571“ in die Kinos kam.
          Geheim bleibt geheim: Sein Schweigen brach Theo Ophoven erst 2001, als der Film „U-571“ in die Kinos kam. : Bild: Archiv Henning Sietz

          Dabei hatten Briten und Amerikaner schon nach Kriegsende genau nachgeforscht, in welche Codes die Wehrmacht hatte einbrechen können. Ein Bericht der Army Security Agency von 1946 mit dem Titel „The German Air Force Signal Intelligence Service“ bestätigt denn auch Ophovens Bericht. Demnach war im September 1939 bei Wilhemshaven ein britisches Flugzeug abgestürzt, die geborgenen Unterlagen erlaubten der W-22 in Husum den Einbruch in Code Syko. „Syko wurde laufend entschlüsselt, im November 1942 wurde er gewechselt“, heißt es in dem Bericht der Alliierten. Auch der „Aircraft Reporting Code“, der auf Syko folgte, wurde in Husum entschlüsselt. Er erlaubte der Wehrmacht, die Bombenflüge der Royal Air Force nach Deutschland von Beginn an zu verfolgen. Besonders erfolgreich sei die Nachrichtenerfassung in Norwegen gewesen, heißt es in dem erst 2009 freigegebenen Geheimbericht.

          Der 144-Seiten-Bericht der Amerikaner bestätigt Ophoven. In einem Punkt aber lag er falsch: Der Geheimschreiber T52 war so geheim nicht. Es waren schwedische Kryptologen, die sehr früh in das System der deutschen Nachrichtenlinien einbrechen konnten, wobei sie den Umstand nutzten, dass die Verbindungen von Norwegen nach Deutschland über schwedisches Hoheitsgebiet liefen. Schweden, obwohl neutral, informierte Großbritannien, woraufhin in Bletchley Park das Unternehmen „Fish“ anlief, die Entschlüsselung des Geheimschreibers, den die Briten „Sturgeon“ nannten. Es war Ophoven, der nie an der Front kämpfte, nicht vergönnt, den Geheimbericht der Amerikaner zu lesen. Er starb im Jahr 2006.

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