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Mit Bodo Ramelow auf Clubhouse : Der Moderator bin ich

  • -Aktualisiert am

„Gerade unsere Generation, die seit einem Jahr in ihren WG-Zimmern sitzt, sehnt sich nach Austausch.“ Bild: AFP

Journalisten sprechen Tag für Tag mit Politikern und Prominenten. Wir nicht. Für einen Moment hatten wir die Gelegenheit, uns offen auszutauschen. Das ist jetzt vorbei. Intervention eines jungen Clubhouse-Nutzers und Nachwuchsjournalisten.

          3 Min.

          Bodo Ramelow betritt den Raum. Meldet sich mit einem Handzeichen und gesellt sich zu unserer Gesprächsrunde. Meine Freunde und ich reden über seinen Hund Attila, sein tausendseitiges Buch, bei dem er sich zu viel vorgenommen hat. Der Ministerpräsident gibt sich an diesem späten Freitagabend nahbar. Ein Journalist betritt die Bühne, der die gesellige Stimmung auflöst und fragt, ob man die Ministerpräsidentenkonferenz nicht zukünftig im Clubhouse führen sollte. Das eine führt zum anderen. Der Journalist erfährt: Bodo Ramelow spielt während der MPK Candy Crush. Der Raum voll kurzweiliger Gespräche ist zerstört.

          Es war eine spontane Entscheidung: Gerade unsere Generation, die seit einem Jahr in ihren WG-Zimmern sitzt, sehnt sich nach Austausch. Uns fehlt es, auf fremde Menschen zu treffen. Clubhouse ermöglicht das und ist zugleich ein Ort, den wir für neue Formate entdecken können. Unter dem Titel Nachtgespräche – Zwischen Trash und Feuilleton sprechen wir über Heidi Klum, Tom Kaulitz und Jenny Elvers. Drei Tage unterhalten wir uns abends auf dieser Plattform – mit wechselnden, fremden Gästen. Wir moderieren. Immer wieder schauen andere Clubhouse-Nutzer vorbei. Blieben einige Minuten, hörten zu. Einige holen wir nach oben, in die Sprecher-Ebene, reden unbefangen, in bester Laune. Ein Kommen und Gehen.

          Für mich ist es das erste Mal, dass ich mit Politikern so frei und so unverfänglich sprechen kann. Zu distanziert, zu machtvoll wirkt ihre Präsenz in Talkshows im Fernsehen. In unserem Raum können wir uns jenseits der künstlichen Showrooms austauschen. Der Raum füllt sich. Die Politiker sprechen immer wieder über Politik. Wir bemühen uns einzugreifen, sobald es zu politisch wird. Immer wieder lenken wir das Thema auf unsere Ursprungsgedanken zurück. Wir haben das Gefühl, wenn schon nicht in rechtspolitischen, so doch in Trash-Fragen mit ihnen auf Augenhöhe zu sein. Der Raum ist unpolitisch. Wie naiv.

          Ein fragmentiertes Bild

          Ich war naiv, weil ich glaubte, eine Unterhaltung in einem Raum voller Politiker und Journalisten könnte unverfänglich bleiben. Ich dachte: „Was im Clubhouse passiert, bleibt im Clubhouse, wenn es keinen Nachrichtenwert hat.“ Es ging schließlich um Promis. Und doch las ich am nächsten Morgen einen Vorab-Kommentar in der „Welt“, der von Bodo Ramelow und Candy Crush schrieb und uns als Teenager bezeichnete. Ich bin Mitte 20. Ich bin ein Nachwuchsjournalist.

          Im Clubhouse sind Zitate und Kontexte nicht nachprüfbar, Gesprächsthemen werden künstlich überhöht. Dass Politiker dazu kamen, war aber ihre freie Entscheidung. Und ja, Bodo Ramelow hat geplaudert. Es ging nie um Journalismus, sondern um Smalltalk. Wir wurden, ohne es zu wollen, politisiert.

          Ja, Politiker müssen sensibel sein, was Äußerungen in der Öffentlichkeit anbelangt. Aber: Sie müssen sich trotzdem sicher sein dürfen, dass ihre Sätze nicht aus dem Kontext gerissen werden, unabhängig  von der Plattform, auf der sie geäußert wurden – denn dies entspricht nicht der journalistischen Ethik, die man uns in unserer Ausbildung vermittelt. Was passiert ist, ist eine Mahnung an uns. Wir dürfen uns unsere Räume nicht nehmen lassen.

          Wir dürfen uns aber auch nicht aus der Affäre ziehen. Wir haben einen öffentlichen Raum auf Clubhouse moderiert. Wir sind der Verantwortung nicht gerecht geworden. Wir waren von der Dynamik des Abends selbst überrascht.

          Ich lerne in meiner Ausbildung: Der Journalismus muss für Transparenz sorgen und fair bleiben. Die Welt zeigen, wie sie ist. In den Community-Guidelines von Clubhouse steht, dass nichts ohne vorherige Zustimmung aufgenommen oder zitiert werden darf. Nur wenn ein öffentliches Interesse besteht, sollte aus Clubhouse zitiert werden dürfen. Pressefreiheit gegen Community-Guidelines: Wenn schon zitiert wird, dann aber ausgewogen.

          Journalisten sprechen Tag für Tag mit Politikern und Prominenten. Wir nicht. In diesem Raum hatten wir einen Moment lang die Chance, so frei wie nie zuvor mit ihnen zu reden. Das ist jetzt schon wieder Geschichte. Wenn auf Clubhouse bald nur noch diejenigen miteinander reden, die es beruflich und professionell ohnehin tun, wird die App nichts anderes sein als ein digitaler Ort für Pressekonferenzen. Diejenigen, die kritische Fragen stellen, sollten auf Clubhouse ihren Freiraum haben. Aber Clubhouse ist weder ein Ort, an dem man kritisch fragen darf, noch eine Plattform, in der man sich ohne Sorgen vergnügt unterhalten darf. Das muss sich ändern.

          Der Autor war einer der Organisatoren und Moderatoren der beschriebenen Clubhouse-Runde, bei der sich neben vielen anderen Teilnehmern auch Bodo Ramelow und Manuela Schwesig geäußert haben.

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