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Martin Luther King in der DDR : Und die Stasi nahm die Predigt auf

An der Grenze: Martin Luther King am Potsdamer Platz. Bild: Picture-Alliance

Vor 50 Jahren fuhr Martin Luther King nach Ost-Berlin, um zu predigen. Die Grenzer waren von seiner Ankunft überrascht. So reiste er ein – mit der Kreditkarte als Ausweis.

          Vor dem Checkpoint Charlie hielt eine Limousine. Die Insassen wollten an diesem Sonntagabend vor genau 50 Jahren ohne gültige Ausweise nach Ost-Berlin reisen. Eigentlich war der Fall für die Grenzer klar. Aber im Fond des Wagens saß ein Schwarzer – zu dieser Zeit eher ungewöhnlich. Er forderte vehement, durchgelassen zu werden – zu dieser Zeit sehr ungewöhnlich. Er werde in Ost-Berlin erwartet, sagte er. Die Soldaten zogen sich zur Beratung auf ihren Posten zurück, bis einem von ihnen dämmerte, um wen es sich handelt.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Martin Luther King, Baptist, Bürgerrechtler, begnadeter Rhetoriker und erst im Jahr zuvor vom Magazin „Time“ zum „Mann des Jahres“ gewählt, hatte seinen größten Erfolg, die Aufhebung der Rassentrennung, gerade erst hinter sich – und seine größte Auszeichnung, den Friedensnobelpreis, unmittelbar vor sich.

          Die Staatsführung der DDR versuchte den Aktivisten in ihre sozialistische Schablone zu pressen und feierte ihn als Überwinder „der Slums, des Polizeiterrors und der Ausbeutung auf den Plantagen der amerikanischen Südstaaten“. Über seine Pläne, Ost-Berlin zu besuchen, war man nicht informiert. Auf Einladung von Willy Brandt war Martin Luther King einen Tag vorher, am 12. September 1964, nach West-Berlin gekommen. Dort hatte er anlässlich der Berliner Festwochen auf der Waldbühne vor etwa 20000 Menschen gesprochen und den Todesstreifen besichtigt.

          DDR Sightseeing: Martin Luther King am Todesstreifen

          Ein Stasi-Dokument lässt erahnen, in welcher Zwickmühle sich die Grenzer befanden: Verwehrten sie King die Einreise, beraubten sie die DDR-Propaganda einer einmaligen Möglichkeit. Ließen sie ihn durch, nahmen sie ein unkalkulierbares Risiko auf sich. Schließlich teilte man King mit, dass er passieren könne. Er müsse sich aber ausweisen. King zeigt seine American-Express-Kreditkarte.

          King mit Willy Brandt bei einem Konzert.

          Warum aber fuhr er überhaupt nach Ost-Berlin? Warum wagte er sich ohne seinen Pass, den ihm die Amerikaner in West-Berlin – vermutlich aus Sicherheitsgründen – entzogen hatten, über die innerdeutsche Grenze? Anlass könnte ein Vorfall gewesen sein, der nur wenige Stunden zurücklag: Gerade erst hatte ein junger Mann versucht, über die Mauer zu fliehen. Grenzsoldaten eröffneten das Feuer, der Mann wurde getroffen, ging im Niemandsland zu Boden und drohte zu verbluten, bis ein amerikanischer Sergeant eingriff. Er warf eine Rauchgranate und zog ihn mit einem Seil in die Freiheit. King besichtigte die frischen Einschusslöcher in der Stallschreiberstraße. Anwesenden Journalisten sagte er: „Das ist unfassbar.“

          Der evangelische Probst Heinrich Grüber hatte ihn schon viel früher in den Osten eingeladen. Grüber war stadtbekannt, der einzige deutsche und christliche Zeuge im Eichmann-Prozess und ein Verfechter religiöser Freiheiten gegenüber staatlicher Zwangssozialisierung. Die Einreise nach Ost-Berlin war ihm seit 1961 wegen seiner regimekritischen Haltung verwehrt.

          Besuchermagnet Martin Luther King

          Probst war er nur noch auf dem Papier, seiner Gemeinde drohte die Auflösung. 1963 schrieb er King einen Brief, der einen Spruch von Ephraim aus dem ersten Buch Mose zitiert: „Gott hat mich wachsen lassen im Lande meines Elendes.“ Man könne und dürfe wachsen, auch im Landes des Elends, folgerte Grüber. „In dieser Gewissheit wissen sich viele Christen in Europa mit Ihnen fürbittend verbunden.“

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