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Straßennamen aus DDR-Zeiten : Puschkin zwischen Beimler und Zetkin

Im Stadtteil Südstadt von Güstrow gibt es noch viele Straßenschilder, die Namen aus DDR-Zeiten tragen. Bild: Henning Bode

Im Süden von Güstrow, der siebtgrößten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns, gibt es noch ein ganzes Viertel mit DDR-Straßennamen. Woran liegt das?

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          Von der Ringstraße in der Güstrower Südstadt zweigt die Hans-Beimler-Straße ab. Die Ringstraße war in der DDR-Zeit der Leninring. Die Stadtvertreter beschlossen im Januar 1991, in der Wendezeit, die Umbenennung, auch der Fußgängerzone im Stadtzentrum. Aus der Straße des Friedens wurde der Pferdemarkt. Aus der ebenfalls zum Markt führenden Wilhelm-Pieck-Straße, benannt nach dem ersten und einzigen DDR-Präsidenten, wurde wieder die Hageböcker Straße.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bei Hans Beimler im Plattenbaugebiet Südstadt aber blieb es. Kleine Umfrage in der Straße: Wer war Hans Beimler? Ein 13 Jahre altes Mädchen auf dem Weg zur Freundin, mit ihrem Smartphone beschäftigt, zuckt die Schultern. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“ Ein junger Mann antwortet: „War das nicht dieser Sportler, Boxer oder so?“ Nein, der Sportler war Werner Seelenbinder, ein Ringer.

          Auch die W.-Seelenbinder-Straße zweigt von der Ringstraße ab. Auch dort der Versuch. Eine Gruppe von Frauen sitzt in der Arbeitspause auf einer Treppe. W. steht für Werner – das sagt die eine sogleich. Aber wer das war? Die Frauen wissen es nicht. So wenig wie die ältere Frau, die eben auf dem Fahrrad daherkommt: „Ich wohne nicht in dieser Straße.“ Das sagt wortgleich auch eine Frau, die gerade Berge von Pflaumen aus ihrem Kleingarten ins Auto lädt, und zwar auf der August-Bebel-Straße, nur ein paar Schritte von der Werner-Seelenbinder-Straße entfernt. Nein, sie habe keine Ahnung, wer August Bebel gewesen sein könnte. Sie fragt ihren Freund, der ihr die Pflaumeneimer über den Zaun gereicht hat. Er weiß es auch nicht.

          Nur wenige Straßennamen wurden in der Südstadt verändert

          Etwas anders fällt das Ergebnis aus auf der Clara-Zetkin-Straße, zwischen Hans-Beimler-Straße und Friedrich-Engels-Straße gelegen. Dort ist ein kleiner Markt aufgebaut. Die „Eierfrau“, die stets mit ihrem lustig angemalten Trabi anreist, weiß angeblich, wer Clara Zetkin war – will es aber nicht sagen: „Sind Sie jetzt wirklich von der Zeitung?“

          Die Güstrower Südstadt ist eines der typischen „Neubaugebiete“ aus der DDR-Zeit. Gebaut in drei Etappen, begonnen in den sechziger Jahren und mit der Industrialisierung der Stadt in den Siebzigern erweitert. Die letzten Häuser kamen ganz am Ende der DDR in den Achtzigern hinzu. Nur wenige Straßennamen wurden in der Südstadt verändert. Der Platz in der Mitte des Wohngebietes mit einem Einkaufszentrum heißt noch immer Platz der Freundschaft. Aber wer weiß noch, dass auch das ein Relikt aus der DDR-Zeit ist und die stets beschworene Völkerfreundschaft meinte? Oder vielleicht doch nur die Freundschaft zur Sowjetunion? Die Befragten auf dem Platz wissen es jedenfalls nicht.

          Der Freundschaft zur Sowjetunion freilich ist noch eine besondere Straße gewidmet, die Straße der DSF. Was bedeutet DSF? Eine junge Frau, die gerade auf den Bus wartet: „Straße der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft. Ist noch ein Relikt aus der DDR.“ Überhaupt alle in der Straße der DSF Befragten wissen, was die Abkürzung bedeutet. Im März 1991 beschlossen die Stadtvertreter, dass es in der Südstadt keine weiteren Namensänderungen geben solle. Vorausgegangen waren Unterschriftenaktionen der Mieter, die forderten, alles solle beim Alten bleiben.

          Der jüngste neue Straßenname ist ein Neubau

          Bürgermeister Arne Schuldt (parteilos), 2004 ins Amt gekommen, erklärt das damit, dass in der Südstadt noch viele wohnen, die nichts Schlechtes an der DDR finden können. Für die Beibehaltung der Straßennamen sei damals vor allem die PDS, die heutige Linkspartei, eingetreten, so Schuldt. 1999 gab es aber doch noch einmal den Versuch, die Straße der DSF umzubenennen. Die Stadtvertreter wollten das aber nicht, bei 17 Nein-, neun Ja-Stimmen und sechs Enthaltungen.

          Von der Straße der DSF gehen übrigens auch der Tolstoi- und der Gorkiweg ab. Der Puschkinweg gleich um die Ecke umfasst drei Plattenbaublöcke zwischen Zetkin- und Beimlerstraße. Auch das war schon in der DDR so. Merkwürdigerweise überlebt hat im Güstrower Stadtzentrum eine Ernst-Thälmann-Straße. Und, etwas weiter entfernt, die kleine Doktor-Külz-Straße. Külz-Straßen gibt es noch viele in Ostdeutschland. Das Merkwürdige: Sie heißen nicht schlicht Wilhelm-Külz-Straße, sondern der Vorname wird durch den Doktor ersetzt. Am Rand der Doktor-Külz-Straße machen Arbeiter Zigarettenpause. Wer war Doktor Külz? „Keine Ahnung, wir sind hier nur zur Maßnahme.“ Sie finden ihre Antwort so lustig, dass sie noch eine Weile darüber lachen müssen.

          Straßenumbenennungen wären theoretisch auch heute jederzeit möglich, sagt Bürgermeister Schuldt. Jeder Bürger kann das beantragen. Die Ausschüsse der Stadtvertretung beraten dann darüber, die Stadtvertretung hat das letzte Wort. Allerdings muss nach einer Umbenennung die Stadt die Folgekosten tragen und hält sich schon deshalb zurück. Der jüngste neue Straßenname in der Stadt ist auch keine Umbenennung, sondern ein Neubau, der durch eine Eigenheimsiedlung führt. Inselseeblick heißt die Straße jetzt. Zur Wahl stand auch Marga-Böhmer-Straße, benannt nach der Lebensgefährtin von Ernst Barlach, dem berühmtesten Güstrower. Aber Personennamen haben es bei Straßenbenennungen inzwischen schwer. In gewisser Weise dürfte auch das ein DDR-Erbe sein.

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