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David Safier : Ein Zeichen hin zum Leben

David Safiers neues Buch erzählt vom Aufstand im Warschauer Getto. Bild: Kaufhold, Marcus

David Safier wurde als Schrifsteller mit lustiger und leichter Lektüre populär. Sein neues Buch erzählt vom Aufstand der Juden im Warschauer Getto. Der Stoff berührt ihn persönlich.

          6 Min.

          Am Ende unseres Gesprächs an diesem Vormittag wirkt David Safier ein wenig angeschlagen. Am Abend zuvor hier in Köln, wo er auf einem Rheinschiff vor 700 Zuhörern aus seinem neuen Buch gelesen hat, ist es spät geworden, und Safier hat - für seine Verhältnisse - leicht über die Stränge geschlagen und ein bisschen getrunken; eigentlich meidet er Alkohol und Zigaretten und joggt jeden zweiten Tag, weshalb er etliche Kilos verloren hat.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch nicht nur der ungewohnte Alkohol hat Safier ein wenig mitgenommen, sondern wohl auch das Gespräch selbst, das uns in die Abgründe der deutschen Geschichte geführt hat und tief hinein in seine eigene Familiengeschichte, die mit ihren dramatischen und tragischen Momenten selbst Stoff für ein Buch böte.

          Safier ist erst noch dabei, sich daran zu gewöhnen, dass sich ein Interview in eine solche Richtung dreht. Zwar ist er selbst als gelernter Journalist und Autor von fünf sicheren Bestsellern hinreichend routiniert im Mediengeschäft. Allerdings erzählten seine früheren Romane skurrile Geschichten etwa über ein paar friesische Kühe auf dem Weg nach Indien („Muh!“) oder eine Familie, die sich plötzlich in ein Horrorfigurenkabinett mit Werwolf, Vampir und Mumie verwandelt sieht („Happy Family“). Und da lagen Fragen, inwieweit das alles etwas mit Safier selbst zu tun hat, nicht eben nahe. Nun aber, bei Safiers neuem Buch, ist alles anders. Auch seine Stammleser werden sich umstellen müssen.

          Sein neues Buch erzählt vom Aufstand im Warschauer Getto

          „28 Tage lang“ erzählt vom Aufstand im Warschauer Getto, bei dem sich im Frühjahr 1943 rund 750 zumeist junge Juden mit dem Mut der Verzweiflung gegen die übermächtigen deutschen Besatzer erhoben. Es war ein bewundernswerter Kampf auf verlorenem Posten, der damit endete, dass die SS die Häuser niederbrannte und das Getto mitsamt seinen Bewohnern nahezu vollständig vernichtete; einigen wenigen Menschen gelang wie durch ein Wunder die Flucht.

          Trotz des verheerenden Ausgangs wurde der Aufstand, der den Deutschen erhebliche Verluste beibrachte, zum glanzvollen Symbol des jüdischen Widerstands und zu einem Gründungsmythos des Staates Israel. In Deutschland hingegen ist, was damals geschah, vielen unbekannt; am meisten erfahren hat man hierzulande durch die Memoiren Marcel Reich-Ranickis, der das Getto gemeinsam mit seiner Frau Tosia überlebt hat.

          Fiktive Protagonisten erzählen historische Fakten

          David Safiers Roman hält sich eng an die historischen Fakten, die durch Zeitzeugenberichte und Forschung umfassend dokumentiert sind, er lässt reale Figuren auftreten und schildert das Geschehen doch aus der Perspektive eines fiktiven Protagonisten. Es ist, wie eigentlich stets bei Safier, eine Frau: die bald 17 Jahre alte Mira, die versucht, ihrer kleinen Familie durch Schmuggelgeschäfte ein erträgliches Leben zu erhalten, und sich irgendwann den Kämpfern anschließt. Mit Miras Augen blicken die Leser, Safier möchte vor allem auch die jungen ansprechen, auf das Grauen im Getto und die zaghaft glimmenden Hoffnungsschimmer, die allzu oft brutal niedergetrampelt werden.

          Es gibt schockierende Momente in diesem Buch, das Safier ohne Pathos, sondern in typisch knapper, aufs Wesentliche konzentrierter Sprache erzählt, und es fehlt fast völlig das, was seine bisherigen Werke zuvorderst ausgemacht hat: die Komik.

          Er habe, sagt Safier beim Gespräch in der Lounge eines Kölner Hotels, seinen Agenten und die Lektorin gebeten, ehrlich zu ihm zu sein, sollten sie den Eindruck haben, dass er sich bei dem Thema verhebe. Sein eigenes Gefühl beim Schreiben aber sei gut gewesen: „Ich habe eine Figur gefunden, mit der ich durch das Buch gehen kann, und einen Sound, mit dem ich leben kann.“ Ihm schwebte keine nüchterne Geschichtsstunde vor, sondern ein Buch, geschrieben „mit den Mitteln des Spannungsromans“, das man trotz seines entsetzlichen Inhalts „gerne lesen“ sollte.

          „Ein Buch, das ich schreiben wollte“

          Bislang hat ihm dies niemand übelgenommen. Die ersten Kritiker, deren Zunft Safiers frühere Romane geschlossen links liegenließ, haben „28 Tage lang“ sehr wohlwollend besprochen. Dafür, vermutet Safier, werde das neue Buch sich kaum ähnlich gut verkaufen wie seine leichtgängigen Bestseller. Doch das, behauptet er, sei ihm egal: „Es ist ein Buch, das ich schreiben wollte.“

          Und zwar schon seit langer Zeit. Seit 1992, um genau zu sein, als er sich vor einem Gedenkkonzert im Bremer Dom erstmals mit dem Getto-Aufstand beschäftigte, weil man ihn gebeten hatte, eine Rede zu halten. Warum ihn? Weil er, 1966 geboren, im ähnlichen Alter war wie das Gros der Getto-Kämpfer damals, weil er als Radio-Bremen-Mitarbeiter mit seiner angenehmen, warmen Stimme gut reden konnte. Und nicht zuletzt: weil David Safier Jude ist.

          Kein Drang, das Judentum auszustellen

          In Safiers Schaffen hat sein Judentum bis dato kaum eine Rolle gespielt. Zwar gab es in „Berlin, Berlin“, der von Safier erdachten Vorabendserie, die ihm 2003 den Grimme-Preis und 2004 den amerikanischen Fernsehpreis Emmy bescherte, die Nebenfigur eines jüdischen Kochs, doch kaum jemand seiner Fans oder Verächter wäre auf die Idee gekommen, sein Werk unter „Jüdischer Humor“ zu rubrizieren. Stattdessen scheint sich Safier mit seinen Büchern - Gesamtauflage mehr als drei Millionen - nahtlos einzureihen neben Tommy Jaud, Ralf Husmann oder Timur Vermes, Deutschlands humoristischen Bestsellerautoren, unter denen Safier vermutlich der am wenigsten zynische ist.

          Er habe, so Safier, auch nie den Drang verspürt, sein Judentum auszustellen. Als religiös bezeichnet er sich nicht. „Ich habe meine Barmizwa gemacht, aber ich lebe es nicht im Alltag“, sagt er. Safiers Söhne, 18 und 14 Jahre alt, sind christlich erzogen. Für seine Zurückhaltung aber gibt es eine weitere Erklärung, und Safier ist ehrlich genug, sie auszusprechen: „Es hat sicher auch etwas mit Angst zu tun. Mit Ängsten vor Zerstörung, die natürlich völlig irrational sind.“ Denn „objektiv betrachtet“, das weiß Safier, „könnte mein Leben sicherer gar nicht sein. Meine Eltern hingegen hatten überhaupt keine Sicherheit, bei ihnen kam ein Schicksalsschlag nach dem anderen.“ Und das, was seiner Familie widerfahren ist, hat naturgemäß auch das Leben von Safier geprägt.

          Besondere Bindung zum Vater

          Sein Großvater, der Vater seines Vaters, kam im KZ Buchenwald ums Leben, seine Großmutter starb im Getto von Łódż. Sein Vater war in Wien verhaftet, doch durch eine glückliche Fügung freigelassen worden, ihm gelang 1938 die Flucht nach Palästina. Dort kämpfte er erst im Untergrund, dann im Unabhängigkeitskrieg Israels, bis er es irgendwann leid war, Krieger zu sein. Er wurde Zahlmeister auf einem Schiff, fuhr um die Welt und landete im Hafen von Bremen - wo er sich in eine junge Deutsche verliebte. Zwei versehrte Seelen fanden einander: das Bremer Kriegskind, traumatisiert durch die Bombennächte, und der Holocaust-Überlebende, der sich der Liebe wegen dazu entschloss, im Land der Mörder zu leben.

          Mit Hilfe der geliebten Frau gelang es ihm, den seine Erlebnisse zum Trinker gemacht hatten, seine Alkoholsucht zu überwinden, und mit 52 Jahren wurde er Vater eines Sohnes. Seine Geburt, sagt David Safier, sei für den Vater „ein Zeichen hin zum Leben“ gewesen: „Wenn man so viel Schreckliches erlebt hat und dennoch ein Kind in die Welt setzt, dann zeigt das eine Haltung, die beeindruckend ist.“ Die Bindung zum Vater, der 1997 starb, sei eine besondere gewesen, sagt Safier und hält kurz inne. „Er ist noch sehr präsent.“

          Latente Unsicherheit bleibt

          Gesprochen wurde im Hause Safier wenig über den Krieg und den Holocaust, und der Sohn hat, selbst als er schon Journalist geworden war, kaum je gefragt: „Der Respekt war so groß. Man merkt es ja, wenn jemand etwas nicht erzählen möchte.“ Heute, da die Eltern tot sind, ärgert ihn das. Wüsste er mehr über die eigene Familie, dann könnte er manche Dinge besser einordnen, glaubt Safier: „Da ist vielleicht das eine oder andere nicht geheilt.“

          Im Wissen, welch unerhörte Begebenheit seine Existenz für die Familie bedeutete, fühlte Safier sich stets verpflichtet, und als er bei Radio Bremen anfing, merkte er, wie stolz der Vater war, der ihn gern als Moderator des dortigen Regionalfernsehens gesehen hätte. Safier hat es wesentlich weiter gebracht, doch der Erfolg hat ihm nicht die latente Unsicherheit genommen. „Ich fühle mich überall sehr wohl“, sagt er. „Doch nach wie vor spüre ich: Ein bisschen gehöre ich da noch nicht dazu.“ Es gebe in seinem Leben nur wenige Dinge und Menschen, denen er vertraue, „dann aber komplett“.

          Sein, wie er sagt, „komisches Sicherheitsbedürfnis“ hält ihn bis heute dort verankert, wo er geboren wurde: in Bremen. Es erklärt auch seine Faszination fürs Religiöse, das so viel Trost und Geborgenheit schaffen kann. Zwar hat Safier seit dem Tod des Vaters keine Synagoge mehr betreten, sein Werk jedoch ist durchzogen von spirituellen Begebenheiten. Im Roman „Mieses Karma“ durchläuft die Protagonistin einen aberwitzigen Reinkarnationskreislauf, in der Serie „Zwei Engel für Amor“ wird der römische Liebesgott lebendig, im Buch „Jesus liebt mich“, kürzlich von und mit Florian David Fitz verfilmt, tritt der Heiland persönlich auf.

          Was für ein Mensch willst du sein?

          Ob jedoch Gläubiger, Atheist oder Zweifelnder - ein jeder muss für sich jene Frage beantworten, die sich Mira in „28 Tage lang“ stets aufs Neue stellt: Was für ein Mensch willst du sein? Denn auch im schier unvorstellbaren Schrecken, von dem sein Buch berichtet, gab es laut Safier Momente, „in denen man Glück und Barmherzigkeit“ und „menschliche Größe“ erlebte. Verkörpert etwa durch den Pädagogen und Schriftsteller Janusz Korczak, der die todgeweihten Kinder des von ihm geleiteten Waisenhauses bei ihrem Gang nach Treblinka nicht im Stich ließ.

          Scheinbar simple moralische Urteile freilich spart sich das Buch. Es beißt sich fest am praktisch unauflösbaren Konflikt, ob man sich fügen oder kämpfen soll, Letzteres auf die Gefahr hin, das Leid zu verlängern. Ihm selbst, glaubt er, hätte zu jedwedem Heldentum die Kraft gefehlt, doch mit seinen Mitteln hält er die Erinnerung an diejenigen, die sich aufopferten, wach: indem er von ihnen erzählt.

          Im allerengsten Kreis der jungen Leserschaft, um die er sich mit „28 Tage lang“ besonders bemüht, ist er damit schon auf offene Ohren gestoßen: Safiers älterer Sohn hat das Buch mit Begeisterung gelesen und unter seinen Freunden verteilt. Beim zweiten Sohn, sagt Safier, der nun, am Ende dieser kurzen, doch schmerzlichen Reise in die Vergangenheit, wieder lachen kann, ist er noch nicht so weit, aber vorsichtig optimistisch: „Er wartet auf das Hörbuch.“

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