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David Safier : Ein Zeichen hin zum Leben

Mit Hilfe der geliebten Frau gelang es ihm, den seine Erlebnisse zum Trinker gemacht hatten, seine Alkoholsucht zu überwinden, und mit 52 Jahren wurde er Vater eines Sohnes. Seine Geburt, sagt David Safier, sei für den Vater „ein Zeichen hin zum Leben“ gewesen: „Wenn man so viel Schreckliches erlebt hat und dennoch ein Kind in die Welt setzt, dann zeigt das eine Haltung, die beeindruckend ist.“ Die Bindung zum Vater, der 1997 starb, sei eine besondere gewesen, sagt Safier und hält kurz inne. „Er ist noch sehr präsent.“

Latente Unsicherheit bleibt

Gesprochen wurde im Hause Safier wenig über den Krieg und den Holocaust, und der Sohn hat, selbst als er schon Journalist geworden war, kaum je gefragt: „Der Respekt war so groß. Man merkt es ja, wenn jemand etwas nicht erzählen möchte.“ Heute, da die Eltern tot sind, ärgert ihn das. Wüsste er mehr über die eigene Familie, dann könnte er manche Dinge besser einordnen, glaubt Safier: „Da ist vielleicht das eine oder andere nicht geheilt.“

Im Wissen, welch unerhörte Begebenheit seine Existenz für die Familie bedeutete, fühlte Safier sich stets verpflichtet, und als er bei Radio Bremen anfing, merkte er, wie stolz der Vater war, der ihn gern als Moderator des dortigen Regionalfernsehens gesehen hätte. Safier hat es wesentlich weiter gebracht, doch der Erfolg hat ihm nicht die latente Unsicherheit genommen. „Ich fühle mich überall sehr wohl“, sagt er. „Doch nach wie vor spüre ich: Ein bisschen gehöre ich da noch nicht dazu.“ Es gebe in seinem Leben nur wenige Dinge und Menschen, denen er vertraue, „dann aber komplett“.

Sein, wie er sagt, „komisches Sicherheitsbedürfnis“ hält ihn bis heute dort verankert, wo er geboren wurde: in Bremen. Es erklärt auch seine Faszination fürs Religiöse, das so viel Trost und Geborgenheit schaffen kann. Zwar hat Safier seit dem Tod des Vaters keine Synagoge mehr betreten, sein Werk jedoch ist durchzogen von spirituellen Begebenheiten. Im Roman „Mieses Karma“ durchläuft die Protagonistin einen aberwitzigen Reinkarnationskreislauf, in der Serie „Zwei Engel für Amor“ wird der römische Liebesgott lebendig, im Buch „Jesus liebt mich“, kürzlich von und mit Florian David Fitz verfilmt, tritt der Heiland persönlich auf.

Was für ein Mensch willst du sein?

Ob jedoch Gläubiger, Atheist oder Zweifelnder - ein jeder muss für sich jene Frage beantworten, die sich Mira in „28 Tage lang“ stets aufs Neue stellt: Was für ein Mensch willst du sein? Denn auch im schier unvorstellbaren Schrecken, von dem sein Buch berichtet, gab es laut Safier Momente, „in denen man Glück und Barmherzigkeit“ und „menschliche Größe“ erlebte. Verkörpert etwa durch den Pädagogen und Schriftsteller Janusz Korczak, der die todgeweihten Kinder des von ihm geleiteten Waisenhauses bei ihrem Gang nach Treblinka nicht im Stich ließ.

Scheinbar simple moralische Urteile freilich spart sich das Buch. Es beißt sich fest am praktisch unauflösbaren Konflikt, ob man sich fügen oder kämpfen soll, Letzteres auf die Gefahr hin, das Leid zu verlängern. Ihm selbst, glaubt er, hätte zu jedwedem Heldentum die Kraft gefehlt, doch mit seinen Mitteln hält er die Erinnerung an diejenigen, die sich aufopferten, wach: indem er von ihnen erzählt.

Im allerengsten Kreis der jungen Leserschaft, um die er sich mit „28 Tage lang“ besonders bemüht, ist er damit schon auf offene Ohren gestoßen: Safiers älterer Sohn hat das Buch mit Begeisterung gelesen und unter seinen Freunden verteilt. Beim zweiten Sohn, sagt Safier, der nun, am Ende dieser kurzen, doch schmerzlichen Reise in die Vergangenheit, wieder lachen kann, ist er noch nicht so weit, aber vorsichtig optimistisch: „Er wartet auf das Hörbuch.“

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