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David Safier : Ein Zeichen hin zum Leben

Er habe, sagt Safier beim Gespräch in der Lounge eines Kölner Hotels, seinen Agenten und die Lektorin gebeten, ehrlich zu ihm zu sein, sollten sie den Eindruck haben, dass er sich bei dem Thema verhebe. Sein eigenes Gefühl beim Schreiben aber sei gut gewesen: „Ich habe eine Figur gefunden, mit der ich durch das Buch gehen kann, und einen Sound, mit dem ich leben kann.“ Ihm schwebte keine nüchterne Geschichtsstunde vor, sondern ein Buch, geschrieben „mit den Mitteln des Spannungsromans“, das man trotz seines entsetzlichen Inhalts „gerne lesen“ sollte.

„Ein Buch, das ich schreiben wollte“

Bislang hat ihm dies niemand übelgenommen. Die ersten Kritiker, deren Zunft Safiers frühere Romane geschlossen links liegenließ, haben „28 Tage lang“ sehr wohlwollend besprochen. Dafür, vermutet Safier, werde das neue Buch sich kaum ähnlich gut verkaufen wie seine leichtgängigen Bestseller. Doch das, behauptet er, sei ihm egal: „Es ist ein Buch, das ich schreiben wollte.“

Und zwar schon seit langer Zeit. Seit 1992, um genau zu sein, als er sich vor einem Gedenkkonzert im Bremer Dom erstmals mit dem Getto-Aufstand beschäftigte, weil man ihn gebeten hatte, eine Rede zu halten. Warum ihn? Weil er, 1966 geboren, im ähnlichen Alter war wie das Gros der Getto-Kämpfer damals, weil er als Radio-Bremen-Mitarbeiter mit seiner angenehmen, warmen Stimme gut reden konnte. Und nicht zuletzt: weil David Safier Jude ist.

Kein Drang, das Judentum auszustellen

In Safiers Schaffen hat sein Judentum bis dato kaum eine Rolle gespielt. Zwar gab es in „Berlin, Berlin“, der von Safier erdachten Vorabendserie, die ihm 2003 den Grimme-Preis und 2004 den amerikanischen Fernsehpreis Emmy bescherte, die Nebenfigur eines jüdischen Kochs, doch kaum jemand seiner Fans oder Verächter wäre auf die Idee gekommen, sein Werk unter „Jüdischer Humor“ zu rubrizieren. Stattdessen scheint sich Safier mit seinen Büchern - Gesamtauflage mehr als drei Millionen - nahtlos einzureihen neben Tommy Jaud, Ralf Husmann oder Timur Vermes, Deutschlands humoristischen Bestsellerautoren, unter denen Safier vermutlich der am wenigsten zynische ist.

Er habe, so Safier, auch nie den Drang verspürt, sein Judentum auszustellen. Als religiös bezeichnet er sich nicht. „Ich habe meine Barmizwa gemacht, aber ich lebe es nicht im Alltag“, sagt er. Safiers Söhne, 18 und 14 Jahre alt, sind christlich erzogen. Für seine Zurückhaltung aber gibt es eine weitere Erklärung, und Safier ist ehrlich genug, sie auszusprechen: „Es hat sicher auch etwas mit Angst zu tun. Mit Ängsten vor Zerstörung, die natürlich völlig irrational sind.“ Denn „objektiv betrachtet“, das weiß Safier, „könnte mein Leben sicherer gar nicht sein. Meine Eltern hingegen hatten überhaupt keine Sicherheit, bei ihnen kam ein Schicksalsschlag nach dem anderen.“ Und das, was seiner Familie widerfahren ist, hat naturgemäß auch das Leben von Safier geprägt.

Besondere Bindung zum Vater

Sein Großvater, der Vater seines Vaters, kam im KZ Buchenwald ums Leben, seine Großmutter starb im Getto von Łódż. Sein Vater war in Wien verhaftet, doch durch eine glückliche Fügung freigelassen worden, ihm gelang 1938 die Flucht nach Palästina. Dort kämpfte er erst im Untergrund, dann im Unabhängigkeitskrieg Israels, bis er es irgendwann leid war, Krieger zu sein. Er wurde Zahlmeister auf einem Schiff, fuhr um die Welt und landete im Hafen von Bremen - wo er sich in eine junge Deutsche verliebte. Zwei versehrte Seelen fanden einander: das Bremer Kriegskind, traumatisiert durch die Bombennächte, und der Holocaust-Überlebende, der sich der Liebe wegen dazu entschloss, im Land der Mörder zu leben.

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