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David Guetta im Gespräch : „Unsere Musik ist der neue Pop“

  • Aktualisiert am

Alter! David Guetta wurde erst nach seinem vierzigsten Geburtstag zum Star-DJ. Bild: Getty

David Guetta ist der erfolgreichste DJ der Welt. Woran liegt das? Ein Gespräch über Lautstärke, Mitsingen, das große Geld, seine Heimat Frankreich und das Abfeiern.

          Keiner hätte gedacht, dass jemand mit dieser Musik die amerikanischen Charts knacken würde. Immerhin sind die Vereinigten Staaten ein Markt, an dem sich schon Popstars wie Robbie Williams die Zähne ausgebissen haben. Dabei hätte es Williams leicht gehabt, jedenfalls im Vergleich zu Techno- und House-Musikern. Die machten in Amerika keine großen Sprünge - bis David Guetta kam. Seitdem ist elektronische Tanzmusik auch auf der anderen Seite des Atlantiks ein Riesending.

          Bei uns gibt es kaum jemanden unter dreißig, der nicht irgendwo mal „Sexy Bitch“ oder „Sweat“ gehört hat, den Hit aus Guettas Album „Nothing but the Beat“, das in Deutschland im Jahr 2011 auf Platz eins stand. Mit seinen 47 Jahren ist der Franzose der erfolgreichste DJ der Welt. Deshalb klopfen all die Rihannas und Britneys an seine Studiotür - und werden höflich hereingebeten. Kürzlich erschien Guettas sechstes Album „Listen“. Ohne Gastauftritte von Rihanna und Konsorten kam es in fünfzig Ländern in die Charts.

          Heute ist Guetta kurz in Berlin, er wird später bei einem Fernsehsender auftreten. Davor empfängt er uns müde, aber freundlich in seinem Garderobenraum. Im Gespräch genehmigt er sich Denkpausen, trinkt Wasser und ist viel leiser als seine Musik.

          David, was ein DJ heutzutage auf der Bühne macht, ist nicht sonderlich schwer. Trotzdem jubeln Ihnen die Leute zu, als ob Sie den Impfstoff gegen Ebola gefunden hätten.

          Wenn man jemandem zujubelt, der ein Lied singt, das er weder selbst geschrieben noch produziert hat - warum sollte man dann nicht jemandem zujubeln, der das Lied geschrieben und produziert hat?

          Aber letztlich feiern die Leute jemanden, der Geräte bedient, über die vorgefertigtes Material abgespielt wird.

          Es geht darum, verschiedene Platten, verschiedene Tonspuren zu kombinieren. Wenn ich zum Beispiel den Gesang einer Platte mit der Musik einer anderen Platte zusammenbringe, erschaffe ich etwas Einzigartiges. Das ist auch der Grund, warum ich meine eigenen Auftritte besuchen würde: Was ich auflege, kann man nicht im Radio oder im Club hören, denn jeden Song, den ich spiele, habe ich bearbeitet oder neu arrangiert. Ich mag es auch nicht, wenn eine Rockband ihre Lieder so spielt, wie sie im Radio laufen. Lieber will ich eine einzigartige Version hören, mit einem besonderen Gitarrensolo zum Beispiel. Für einen guten DJ-Auftritt gilt genau dasselbe.

          Egal wo, egal welcher DJ: Es ist grundsätzlich zu laut.

          Das sehe ich anders. Die Maximallautstärke bestimmen aber nicht wir DJs, sondern der Veranstalter. Der hat in vielen Ländern Gesetze einzuhalten, wie laut er aufdrehen darf. Das ist in manchen Ländern sogar zum Problem geworden, weil die Grenzwerte dort sehr niedrig liegen; teilweise unter 96 Dezibel. Eine Explosion im Kinosaal ist dann lauter als das Maximum, das dort bei Tanzveranstaltungen zulässig ist. Ich finde das lächerlich.

          Backstage mit Rihanna

          Sie sind den hohen Pegeln regelmäßig ausgesetzt. Schon mal Probleme mit den Ohren gehabt?

          Ich arbeite jeden Tag im Studio und trete nachts auf, aber ich höre Sie gut.

          Zwei prominente DJ-Kollegen hatten schon heftige Ohrprobleme.

          Das überrascht mich nicht. Einige Kollegen drehen die Bühnen-Lautsprecher viel zu sehr auf. Das sind die Lautsprecher, die vom Publikum wegzeigen. Sie sorgen dafür, dass sich der DJ selbst hören kann. Wenn ich nach einem anderen DJ die Bühne betrete, drehe ich als Erstes diese Lautsprecher runter.

          Die meisten Ihrer Hits sind Mitsingnummern. Bestimmt haben Sie schon oft gehört, wie unmusikalische Menschen mitgrölen.

          Weil ich selbst ein furchtbarer Sänger bin, ist das absolut in Ordnung.

          Sie haben etwa 140 Auftritte im Jahr und gerade Ihr sechstes Album produziert. Vermutlich ist Schlaf derzeit nicht so im Programm.

          Schauen Sie sich meine Augenringe an, ich schlafe nicht genug - oder eigentlich schlafe ich genug, aber ich gehe nie zur selben Zeit ins Bett. Das kommt auch daher, dass ich ständig zwischen den Zeitzonen pendle.

          Im Sommer waren Sie jeden Montag und Donnerstag zum Auflegen auf Ibiza; an den restlichen Tagen haben Sie Festivals in Europa abgeklappert, und im August und September sind Sie regelmäßig nach Las Vegas geflogen. Können Sie das weiterempfehlen?

          Nein, so was werde ich nicht mehr tun. Das Reisen und die Zeitunterschiede machen mich fertig. Die Zeitunterschiede sind das Einzige, was ich an meinem Beruf nicht mag. Gerade ist es aber kompliziert: Ich bin abwechselnd in London, L.A., auf Ibiza und in Dubai.

          Wird man bei dem Dauerstress nicht dauerkrank?

          Ich trete auch krank auf. In meiner ganzen Karriere musste ich nur einmal einen Auftritt sausenlassen - allerdings nicht, weil es mir übel ging, sondern weil ich meinen Flug verpasst hatte.

          Meistens fliegen Sie im Privatjet.

          Aber das gilt für alle in meiner Liga - und sogar auch noch für die darunter. Anders kam man den Beruf gar nicht machen. Unsere Gagen sind höher als die Kosten für den Privatjet. Wer auf den Privatjet verzichtet, muss auf Auftritte verzichten, und damit auf Gagen.

          Manche DJs nutzen den Privatjet, um in einer Nacht in verschiedenen Ländern aufzutreten.

          Das hasse ich und mache das höchstens einmal im Jahr. Es fällt mir schwer, an einem Abend an verschiedenen Orten die gleiche Energie auszustrahlen.

          Guetta in Las Vegas

          Stimmt es, dass Sie im Flugzeug Musik produzieren?

          Ja, gerade gestern wieder. Die ruhigsten Momente meines Lebens verbringe ich im Flieger, das ist einer der besten Orte, um Musik zu machen.

          Angeblich gibt es einen bestimmten Grund, wieso Sie mit Rihanna oder Britney Spears immer nur ein, zwei Lieder aufnehmen.

          Für mein neues Album habe ich drei Jahre gebraucht, und genauso lange bräuchte ich wohl, um ein ganzes Album für jemanden auf dem Niveau von Rihanna zu produzieren. Ich könnte mehr für solche Leute machen, aber ich kann keine drei Jahre meines Lebens an jemand anderen geben.

          Es ist noch nicht lange her, dass Techno und House weder im Radio noch in den übrigen Medien Beachtung fanden. Das hat sich völlig geändert - und man sagt, dass Sie großen Anteil daran haben.

          Ich war wohl einer von den Leuten, die das möglich gemacht haben, gerade in Amerika. In Europa hatte es diese Art von Musik immer leichter.

          Trotzdem denken immer noch viele Menschen bei Techno an „bumm, bumm, mumm“.

          Das ändert sich gerade, weil unsere Musik die neue Popmusik ist. Mit meinen Songs können vermutlich sehr viele Leute etwas anfangen. Das gilt aber auch für die Songs meiner Kollegen Avicii und Calvin Harris. Anders sieht es natürlich aus, wenn wir über deutschen Underground-Techno sprechen, den ich aber auch liebe. Es gibt viele großartige Musikproduzenten bei euch in Deutschland.

          Wie viel müsste man bezahlen, um Sie für eine Geburtstagsparty zu buchen?

          Nichts, weil ich so was nicht mache.

          Es gibt Popstars aus Ihrer Liga, die sogar für Diktatorensöhne aufgetreten sind, und Sie haben mal gesagt, dass Sie schon jede Art von Auftritt gemacht haben.

          Ja, das war zu Beginn meiner Karriere, mit 16 Jahren.

          Damals hätten Sie wohl nicht gedacht, dass Sie mal 30 Millionen Dollar im Jahr verdienen werden.

          Diese Zahl hat das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ verbreitet, ich verdiene allerdings keine dreißig Millionen Dollar pro Jahr. Das ist ein Schwindel. DJs legen ihre Einnahmen in aller Regel nicht offen. Die „Forbes“-Leute rufen dich an, fragen danach; du sagst nein, und dann wird eben wild geschätzt. Interessant war, dass viele Medien diese Zahl übernommen haben, obwohl „Forbes“ in einem kurzen Satz darauf hinweist, dass sie bloß geschätzt ist.

          Selbst die Hälfte wäre stattlich für jemanden, der mal gesagt haben soll, dass er nie einen Ferrari oder eine Yacht kaufen würde.

          Ich glaube nicht, dass ich gesagt habe, dass ich das nie machen würde. Allerdings ist es weder mein Stil, noch reizt mich so was. Ich würde mein Geld viel eher in ein schönes Haus investieren.

          Gilt: Mehr Geld, weniger Probleme?

          Kommt drauf an, aber in meinem Fall stimmt das - doch wenn du damit die große Yacht kaufst, stimmt es eben nicht.

          Im Duett mit Fergie

          Wer ist zu Recht reicher und erfolgreicher als Sie?

          Beyoncé, mit ihr habe ich übrigens noch nicht gearbeitet, finde sie aber erstaunlich.

          Um Ihr Heimatland Frankreich ist es schlecht bestellt. Wie sehen die Landsleute Ihren Erfolg?

          (Überlegt.) In Frankreich haben die Leute eher Schwierigkeiten mit dem Erfolg der anderen. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten bekommt man bei uns nicht so viel Anerkennung dafür, und wir sind so erzogen, nicht über Geld zu sprechen oder zu zeigen, dass man welches hat. Trotzdem glaube ich, dass viele Franzosen stolz auf mich sind, weil es eher wenige Menschen aus Frankreich gibt, die international erfolgreich sind.

          Schon mal gehört, dass Sie nicht sonderlich französisch wirken?

          Meine Musik ist wenig französisch, ich aber schon, wobei ich schwer sagen könnte, was an mir den Franzosen ausmacht. Ich war viel in den Vereinigten Staaten und habe dort die französische Kultur vermisst. Einige Jahre lang war mir mein Land eigentlich egal, aber mittlerweile habe ich Heimatgefühle, wenn ich in Frankreich bin. Ich mag Kultur und, genau wie Deutschland ist Frankreich ein altes Land mit sehr viel Kultur. Das merkt man dort besonders in der Mode und der Architektur.

          Das geht jetzt vielleicht gegen Ihr französisches Empfinden von Bescheidenheit, aber welches ist das größte Kompliment, das Sie je bekommen haben?

          Nun, es gibt viele Leute, die eine Platte von mir mit einem glücklichen Moment ihres Lebens verknüpfen. Für mich ist es das Größte, wenn jemand sagt, dass meine Musik lief, als er zum Beispiel seine Freundin kennengelernt hat oder zum ersten Mal tanzen war.

          Wie lautet das häufigste Vorurteil gegenüber DJs?

          Vielleicht, dass jeder DJ Drogen nimmt. Das ist absolut nicht wahr.

          Was war die größte Dummheit, die über Sie verbreitet wurde?

          Dass bei meinen Auftritten ein komplett vorproduzierter Mix läuft, ich also nicht live mischen würde. Ich mache das DJ-Ding, seit ich 14 bin, deshalb ist es dämlich, so was in die Welt zu setzen.

          Der deutsche Kult-DJ Westbam ist auch schon seit Jahrzehnten dabei, sagte aber in einer kürzlich gesendeten Fernsehreportage, dass er die Gerätschaften im Studio nicht bedienen kann. Was soll man davon halten?

          Über andere DJs und Musiker möchte ich eigentlich nichts sagen, das habe ich mir zur Regel gemacht. Ich will keine Polemik in Umlauf bringen, aber ein paar Worte zu der Frage: Niemand kann alles bedienen. Natürlich beherrsche ich das Studiohandwerk und kann auf meinem Computer einen Song mischen, aber mit einem riesigen Mischpult bin ich auch überfordert und brauche Hilfe von einem Toningenieur.

          Die Botschaft Ihrer Musik lautet: Geh feiern, geh ab! Doch ist die große Party tatsächlich so wichtig, wie uns eingehämmert wird?

          Es tut gut, Druck abzubauen. Einige Leute leben ein bisschen wie Roboter, hin und wieder sollte man den Alltag vergessen. Manchen gelingt das beim Sex oder mit Literatur, und manche gehen eben feiern.

          Viele Menschen gehen auch feiern, um jemanden kennenzulernen. Bei Ihnen dürfte es umgekehrt sein: Wie viele Frauen mussten Sie schon abblitzen lassen?

          (Lacht.) Das passiert, doch normalerweise lasse ich es gar nicht erst zum Gespräch kommen.

          Ein Lied auf Ihrem Album heißt „What I did for Love“. Was haben Sie schon Verrücktes für die Liebe getan?

          Ich war über 20 Jahre verheiratet.

          Das ist verrückt?

          Ziemlich verrückt, ja.

          Die Fragen stellte Jonas Hermann.

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