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David Garretts Schwester : „Ich falle irgendwie durchs Raster“

  • -Aktualisiert am

„Frauen werden oft als Ware angesehen, die ein Verfallsdatum hat“: Elena Bongartz nach dem Gespräch in Berlin Bild: Andreas Pein

Stets nur die zweite Geige: Die Sängerin Elena Bongartz ist die Schwester des Stargeigers David Garrett. Wie ist es, an der Seite eines Wunderkindes aufzuwachsen? Und wie sexistisch ist das Musik-Business?

          Frau Bongartz, wurden Sie heute schon auf Ihren Bruder angesprochen?

          Ich befürchte, Sie tun es gleich (lacht).

          Stimmt! Blöd, oder?

          Ich will meinen Bruder ja gar nicht verschweigen, aber oft merke ich, dass Leute nur mit mir sprechen, um etwas über ihn zu erfahren. Mein Postfach bei Facebook ist voll von solchen Nachrichten. Die Leute schreiben sehr nett, aber man spürt, ihnen geht es nicht um meine Sachen. Das zieht sich durch alle Lebenslagen. Und selbst nach meinen eigenen Konzerten werde ich oft auf ihn angesprochen. Das ist nicht so schön.

          War Ihnen schon immer klar, was es bedeutet, so einen Weltstar – mit Verlaub – an der Backe zu haben?

          David und mich trennen ja sieben Jahre, und als kleine Schwester habe ich ihn schon immer bewundert. Es war damals schon ein krasses Gefühl, bei „Wetten, dass...?“ im Publikum zu sitzen, und dein eigener Bruder tritt da auf. Ich hätte nie geglaubt, dass er ein Star wird. Es war für die ganze Familie wie ein Märchen. Aber gleichzeitig habe ich auch den Druck gespürt, unter dem er stand. Er musste ja immer abliefern.

          David Garrett war ein Wunderkind der klassischen Musik, seine Kinderjahre hat er nach eigener Aussage im „goldenen Käfig“ verbracht. Seine Schwester, ebenfalls musikalisch hochtalentiert, erlebte in Kindheit und Jugend immer wieder Mobbing und musste deshalb sogar die Schule wechseln. Sie studierte in Maastricht Jazz und parallel Kulturwissenschaften. Anders als ihr Bruder, der den Nachnamen der Mutter annahm, trägt sie weiter ihren Geburtsnamen.

          Kindheit im goldenen Käfig: David Garrett, der sieben Jahre ältere Bruder von Elena.

          Ihr Bruder spricht offen darüber, dass seine Kindheit nicht immer ganz leicht war. Wie war es bei Ihnen?

          Ich war viel unter Erwachsenen, da wir David ja immer auf seine Konzerte begleitet haben. Natürlich verändert das einen. Auch ich habe mit sechs Jahren auf dem ersten Wettbewerb gespielt. Meine Schulkameraden dachten deswegen, wir kämen aus einem privilegierten Haushalt, was natürlich Quatsch war. Dadurch war es nicht ganz leicht. Wenn man Klassenkameraden zu einem Geburtstag einlädt und niemand kommt oder vor einem verabredeten Kinobesuch alle plötzlich absagen und man alleine dasteht, ist das für ein Kind wirklich hart. Es prägt fürs Leben.

          Waren Ihre Eltern streng?

          Sie sind keine Altachtundsechziger, das ist klar. Deswegen haben wir Kinder uns schon immer in gewisser Weise über Leistungen definiert. Wenn ich ausschließlich Jazz studiert hätte, hätte ihnen das wohl nicht gereicht. Sie waren sehr fordernd, aber im Nachhinein finde ich das allemal besser, als wenn Eltern gleichgültig sind. Auf jeden Fall haben sie ihr Bestes gegeben.

          Würden Sie Ihre eigenen Kinder anders erziehen?

          Ich würde häufiger Freunde einladen, manchmal waren wir etwas abgeschirmt.

          Sehen Sie Ihren Bruder heute noch häufig?

          Er gibt 300 Konzerte im Jahr, da können wir doch gar nicht dauernd bei einem Käsebrot zusammensitzen. Aber anscheinend ist es der Wunsch der Menschheit, dass wir vereint sind. Das geht mir brutal auf die Nerven.

          Als Sie vor zwei Jahren Ihr erstes Album auf den Markt gebracht haben, hatte man schon den Eindruck, dass Sie bewusst als „Schwester von...“ positioniert wurden: süßer Dutt, gefälliger Pop...

          Irgendwie hatte man den Wunsch, so eine Teenie-Pop-Geschichte aus mir zu machen. Doch damals haben sich Manager in etwas verliebt, das es gar nicht gab. Klar, ich hätte natürlich auch die Welle „die Schwester von“ reiten können. Denn es gibt ja viele, die sich genauso vermarkten und dann als „Schwester von“, „Bruder von“ oder „Frau von“ durch RTL-Shows oder Tanzsendungen tingeln. Aber alles, was in diese Richtung geht, bedeutet, dass man jemanden hat, der ein Skript schreibt und einen als Figur in eine bestimmte Ecke drängt. Und das kann böse enden. Mir ging – und geht – es ausschließlich um die Materie und darum, Ecken und Kanten haben zu dürfen.

          Heute tragen Sie Ihre Haare kurz als Undercut, sitzen nur mit Frischhaltefolie bekleidet am Flügel und singen Zeilen wie „Nur aufpassen mit dem Selbstbewusstsein, das kommt schnell zickig, sagt dein Kollege und meint: Die fick ich!“ Kurz: Aus dem braven Mädchen ist eine Frau mit „Wut im Bauch“ geworden – so heißt auch der dazugehörige Song.

          Das Musik-Business ist hart – und für eine Frau noch einmal mehr. Wenn eine Frau ihre Meinung sagt, gilt sie als schwierig. Ein Mann wäre dagegen durchsetzungsstark. Das gilt aber für alle Branchen, denke ich. Außerdem muss endlich eine gesellschaftliche Debatte über die Altersfixierung bei Frauen beginnen. Wir haben in der Anti-Bodyshaming-Bewegung über unsere Körper gesprochen und die #MeToo-Debatte angestoßen. Beides ist enorm wichtig. Aber jetzt muss es ums Alter gehen!

          Heißt?

          Frauen werden oft als Ware gesehen, die ein Verfallsdatum hat. Deswegen habe ich mich in dem Video auch wie ein Stück Fleisch verpackt. Können Sie sich vorstellen, wie sehr man schwitzt in so einer Folie? Ich sag Ihnen: Die Suppe läuft (lacht)! Aber genau das ist es doch: Hohe Schuhe drücken, man fühlt sich unwohl in seiner Kleidung. Und man nimmt es als Frau in Kauf, um jugendlicher zu wirken. Leider. Als ich mit der Musik angefangen habe, wurde mir auch genau gesagt, was ich bei einem Fotoshooting anziehen soll. Und wie ich die Haare zu tragen habe. Und mir wurde ganz direkt deutlich gemacht, dass ich einen Personal Trainer brauchte, weil ich zu dick fürs Fernsehen sei. Mit Anfang 20 findest du das erst einmal cool, dass du umsonst einen Personal Trainer bekommst. Aber irgendwann merkst du, dass es absurd ist. Nur in der Frischhaltefolie bin ich letztes Jahr übrigens auch auf ein Konzert vom Rapper Marteria gegangen. Ich war nackt, aber nicht sexy. Die Männer auf dem Konzert waren komplett verstört (lacht). Das ist das Problem: Wir Frauen müssen immer mädchenhaft und süß aussehen. Männer werden einfach schrumpelig mit den Jahren, und niemanden kümmert es. Aber als Frau bist du in der Musikbranche schlichtweg nicht mehr vermarktbar, wenn du nicht mehr jugendlich bist und keine frischen Backen mehr hast. Für meinen Bruder ist sein Alter auch ein Thema, aber für sein Umfeld eben nicht. Bei Frauen ist das anders. Sie laufen irgendwann ab.

          „Shit vergangener Tage“: So heißt das aktuelle Album von Elena Bongartz, die unter dem Namen Elena auftritt. Das Album klingt erwachsen, vielschichtig, es experimentiert mit verschiedenen Genres und überzeugt mit intelligenten und charmanten Texten auf Deutsch. Der Interviewerin drückt sie nach dem Gespräch einen Aufkleber mit dem Schriftzug „Mehr Brain als Fame“ in die Hand, mit dem sie ihr Album bewirbt.

          Wie würden Sie Ihren Musikstil selbst beschreiben?

          Die Codes in der deutschen Musikindustrie sind sehr eng gefasst, und genau das ist mein Problem. Ich falle irgendwie durchs Raster. Ich rappe, mache Hiphop, schreibe aber auch mal einen Popsong und passe deswegen nicht in die Indie-Schublade. Und wenn man keinen Schlager macht, hat man es in Deutschland ohnehin schwer. Da die Leute aber immer weniger Zeit haben, wollen sie alles gleich verstehen und einordnen können. Ich irritiere da wahrscheinlich erst einmal.

          Ende Oktober 2017 schippert die „Queen Mary 2“ durch die Ostsee. Mit an Bord sind Elena Bongartz und ihr Bruder David Garrett. Während David jeden Abend ein Konzert im vollbesetzen großen Royal Court Theatre gibt und Frauen aus aller Welt hyperventilieren, spielt Elena im kleinen Saal am anderen Ende des Kreuzfahrtschiffes. Viele der Gäste hören sich das nur an, um einmal „die Schwester“ gesehen zu haben. Ihre Stücke polarisieren: Viele – vor allem jüngere Zuhörer – sind begeistert, andere – vor allem Senioren – fassungslos. Manche stehen während des Konzertes einfach auf und gehen.

          Sie treten nicht oft zusammen mit Ihrem Bruder in Erscheinung, die Kreuzfahrt war eine der wenigen Ausnahmen. Wie war das für Sie?

          Ich hatte ehrlich gesagt ein wenig Angst vor der Reise, weil man schlichtweg nicht wegkann, wenn es nicht läuft (lacht). Aber ich bin stolz, dass ich mich nicht verstellt habe, sondern einfach ich geblieben bin. Viele andere Künstler hätten wahrscheinlich gesagt, ich misch mein Programm jetzt mit gefälligeren Songs, aber irgendwie hab ich gedacht: Ich bin wie ein Schiff. Ich habe meinen Kurs und fertig. Nach meinem ersten Konzert kam der Veranstalter auf mich zu und hat mich gelobt. So dicke Eier müsse man erst einmal haben, um das Ding so durchzuziehen. Das ist doch ein schönes Kompliment.

          Also authentisch sein um jeden Preis?

          Authentizität ist eigentlich ein Scheißbegriff, er ist so sinnentleert. Ich würde lieber Integrität sagen. Ich will einfach Musik machen, die alles ist, Hauptsache nicht banal. Aber natürlich, Überzeugungen können auch ein Fluch sein. Mit Mainstream wäre es leichter.

          Während Ihr Bruder in New York ein Penthouse bewohnt, suchten Sie vor kurzem über Facebook ein WG-Zimmer für maximal 500 Euro warm.

          Ich bin 24 Stunden am Tag Künstlerin, für diesen Beruf muss man eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen und sich durchbeißen. Wenn zu wenig Leute zu einem Konzert kommen, fordern Veranstalter manchmal sogar Rückzahlungen von mir, unglaublich! Aber ich habe gelernt, nicht mehr alles mitzumachen. Für 100 Euro auf einem Bierfest spiele ich nicht mehr.

          Sind Sie manchmal neidisch auf den Erfolg Ihres Bruders?

          Nein, er hat auch Probleme, nur auf einer anderen Ebene. Sein Kalender ist zwei Jahre im Voraus durchgetaktet, er trägt für sein Riesenteam eine irre Verantwortung, muss auch spielen, wenn er krank ist, und kann eigentlich keine feste Beziehung führen. Erfolg kann auch eine Bürde sein. Es hat alles Vor- und Nachteile. Natürlich ist es ein relativ krasses Gefälle, das wir gerade haben, aber das heißt nicht, dass es immer so sein wird. Und gerade fühlt sich mein Leben genau so gut an, wie es ist.

          Elena und David

          Elena Bongartz, geboren im Januar 1988 in Aachen, machte ihr Abitur mit 1,0 und studierte in Maastricht Jazz und Kulturwissenschaften. Die einstige Bundespreisträgerin von „Jugend musiziert“ produziert heute ihre Songs in
          Eigenregie und unterrichtet nebenbei Gesang in Hamburg. Auch für andere Künstler schreibt sie Stücke. Sie lebt in Hamburg.
          David Garrett, geboren im September 1980 in Aachen als David Christian Bongartz, begann mit vier Jahren, Violine zu spielen, und gewann mit fünf seinen ersten Wettbewerb. Seit er acht ist, tritt er mit dem Nachnamen seiner Mutter auf, einer amerikanischen Primaballerina. Erste Alben spielte er mit 13 ein. Vom Klassik-Wunderkind hat er sich zum Superstar des Crossover entwickelt, der mit seiner Musik ein Massenpublikum erreicht.

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