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Ausnahmezustand in Davos : So fern und doch so nah

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Davos in der Schweiz: Während des Weltwirtschaftsforums wird das Dorf zur Hochsicherheitszone. Bild: AFP

Wenn Weltwirtschaftsforum ist, ist im Schweizer Dorf Davos nichts normal. Viele nehmen sich die Woche frei, um sich etwas dazuzuverdienen, andere begeben sich auf Promijagd.

          Drei Grundschulkinder purzeln kichernd durch den Schnee und bewerfen sich vor dem Eingang des Open Forum mit Schneebällen. Hinter ihnen stehen acht schwerbewaffnete Soldaten, die sichtlich angespannt versuchen, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, und deren Blick immer wieder über das Gelände und die vorbeifahrenden verdunkelten Limousinen schweift. Terrorgefahr? Nur das normale Neun-Millionen-Franken-Sicherheitsprozedere beim World Economic Forum (WEF) in Davos? Beides. Während abgeschirmt in Hochsicherheitsräumen die Wichtigen und Mächtigen der Welt über „responsible leadership“ sprechen und in Hinterzimmerverhandlungen über die Wirtschaft der Zukunft beraten, sind die Menschen, die das alles betreffen wird, fern vom Geschehen – trotz unmittelbarer Nähe.

          In der Schulaula der Schweizerischen Alpinen Mittelschule findet an diesem Morgen ein öffentlich zugänglicher Vortrag des WEF statt zum Thema: „Was bedeutet es, Mensch zu sein in der vierten industriellen Revolution?“ Die zwölfjährige Aimee, eben noch fröhlich Schneebälle werfend, geht derweil zurück ins Schulgebäude. Seit Wochen und Monaten lernt sie für die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium. Nachts braucht sie Beruhigungsmittel, um schlafen zu können, tagsüber ist sie oft unkonzentriert und fahrig. Schweizer Schüler sind laut jüngsten Studien traurige Spitzenreiter, wenn es um den internationalen Vergleich der psychischen Belastung geht.

          Beim „Znüni“ im Lehrerzimmer, dem traditionellen Schweizer Plausch am Vormittag, interessieren die aktuellen Debatten und Reden kaum jemanden: „Wisst ihr noch, damals, als ich Ban Ki-moon beim Spaziergang getroffen habe?“ Im 11.000-Seelen-Dorf Davos, wo sonst jeder jeden kennt, man sich auf der Straße grüßt, herrscht alljährlich Begeisterung ob der schlummernden Möglichkeiten, die das WEF mit sich bringt. „Promi Hunting“ nennt das die Internatsmitarbeiterin Ingrid Noordhoek und zählt die Persönlichkeiten auf, denen sie begegnet ist.

          Ein ganzes Dorf richtet sich nach dem Weltwirtschaftsforum

          Viele Davoser nehmen sich eine Woche frei, um – sei es aus Neugier oder aus finanziellem Interesse – beim WEF zu arbeiten. Tina Kuhn zum Beispiel. Die restlichen 51 Wochen des Jahres bringt sie entweder Davoser Kindern und Touristen aus aller Welt das Skifahren auf einer der zwei berühmten Pisten bei oder engagiert sich in der Jugendarbeit. Diese Woche fährt sie die Gäste aus Wirtschaft und Politik in einem der vielen verdunkelten Shuttlebusse durch das Dorf, in dem eigentlich alles zu Fuß zu erreichen ist. „Es ist total hektisch heute, ich habe erst wieder in acht Stunden eine kurze Pause“, sagt sie am Telefon. Verraten, wer bei ihr im Auto sitze, dürfe sie laut Vertrag sowieso nicht.

          Facebook hat sich für rund eine Millionen Dollar ein eigenes Gebäude bauen lassen. Nach dem Weltwirtschaftsforum wird es wieder abgerissen.

          Auf der Davoser Promenade vermieten viele (manche müssen laut Mietvertrag sogar) ihre Ladenflächen an eine der vielen internationalen Beratungsfirmen, die – so erzählt man sich – horrende Summen zahlen für die Chance, sich für fünf Tage dem Who’s who der Finanzbranche präsentieren zu können. Wer die Zeit vor und nach dem WEF in Davos erlebt hat, wundert sich in dieser Woche nicht schlecht. War ein Pilzrisotto im berühmten Thomas-Mann-Schatzalp-Restaurant am vergangenen Freitag noch für 20 Franken zu haben, kostet das gleiche Risotto nun 38 Franken.

          Konzerne wie Google, IBM, Salesforce, HSBC, Tata, Aberdeen oder Generali mieten sich in die Läden an der Promenade ein oder ziehen wie Facebook ein temporäres Gebäude hoch. Eine Million Franken kostet das „Alpenchalet“ den Social-Media-Riesen am Tag. Am Freitag wird es wieder abgerissen. Viele Hotels und Ladenbesitzer machen in dieser Woche ihren Umsatz des Jahres. „Ich habe mir auch schon überlegt, mein Haus für 10.000 Franken zu vermieten und einfach in die Karibik zu fliegen“, sagt die Internatsbetreuerin Noordhoek.

          Salvatore De Falco lässt sich von all dem Trubel nicht beeindrucken. Seine Cafeteria „Sessanta“ in zentraler Lage vermietet er nicht. Gewohnt unaufgeregt und vergnügt stehen er und seine Frau hinter der Theke ihres Lebenstraum-Cafés, das sie vor rund einem Jahr eröffnet haben. De Falco ist vor vielen Jahren als Maurer von Rom nach Davos gezogen. Den beliebten Schweizer Abendumtrunk „Apéro“ gibt es bei De Falco diese Woche in italienischer Aperitivo-Variante. Ansonsten? „Tranquillo, eh! Alles beim Alten.“ Ein paar mehr Gäste als unter dem Jahr kämen schon, sagt er. Viel mehr Umsatz mache er allerdings nicht in dieser Woche. Aber das sei auch egal. Seine wichtigsten und liebsten Gäste, das seien sowieso die Davoser, die ihn so herzlich in ihrem Dorf aufgenommen hätten vor Jahren und die jetzt als Stammgäste täglich auf einen Espresso und ein Cornetto vorbeikommen – vor, nach und während des World Economic Forum.

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