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Das Schreckensfoto vom 11. September 2001 : „Dieses Bild strahlt Ruhe aus“

Das Bild ging um die Welt: der „Falling Man“ Bild: Picture-Alliance

Richard Drew fotografierte am 11. September 2001 den „Falling Man“. Das Bild des Mannes, der aus dem World Trade Center springt, wurde zum umstrittensten Dokument der Anschläge. Der Fotograf selbst kann die Aufregung darum nicht verstehen.

          Als er raus war aus dem Katastrophengebiet, ging er zu Fuß die fast fünf Kilometer ins Büro am Rockefeller Center, klappte den Laptop auf, steckte die Speicherkarte hinein – und sah dieses Bild. Der Bildredakteur nickte, und Richard Drews Foto, eigentlich ein Querformat, ging als Hochformat in den internationalen Bilderdienst der Nachrichtenagentur AP. Das Foto, am 11. September 2001 um 9.41 Uhr geschossen, wurde zum umstrittensten Dokument der Anschläge auf das World Trade Center. Wenn man Richard Drew darauf anspricht, zuckt er nur mit den Schultern.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Zu sehen ist ein Mann, der vor den senkrechten Linien der Fassade des World Trade Center kopfüber in die Tiefe fällt, ein Bein angewinkelt, die Arme an den Körper gelegt. An den Stellen, an denen die Flugzeuge um 8.46 Uhr und um 9.02 Uhr in die Zwillingstürme schossen, entwickelte sich schnell eine unglaubliche Hitze. In den Stockwerken über den Bränden war kaum ein Entkommen. Viele Menschen sprangen fast 400 Meter tief in den Tod. Richard Drew ließ die Automatik rattern und riss das Objektiv, den Sturz verfolgend, nach unten. Denn Menschen, das hat er an diesem Tag gelernt, fallen sehr schnell.

          Im neuen „9/11 Museum“ an dem Ort, an dem einst die Türme standen, sind in einem mit Warnhinweis versehenen Raum mehrere Fotos mit Fallenden zu sehen. Aber der „Falling Man“, wie das Bild bald genannt wurde, ist am eindrücklichsten, wegen der fallenden Linien, der kühlen Konstruktion, man muss fast sagen: wegen der Ästhetik. „Und aus noch einem Grund“, meint Richard Drew: „Es strahlt Ruhe aus. Es ist kein brutales Foto.“ Seine weiteren sieben oder acht Bilder von diesem Fall zeigen allerdings, dass der Mann wie all die anderen in unkontrollierten Bewegungen stürzte.

          Überall beschwerten sich Leser über das Bild

          Hunderte von Zeitungen in aller Welt veröffentlichten in den Tagen danach das Bild, und überall beschwerten sich Leser. Die „New York Times“ druckte es am 12.September 2001 groß, danach jahrelang nicht mehr. Darf man einen Menschen abbilden, der in den Tod springt? Richard Drew hat dafür die nüchternste Antwort: „Ich habe ihn abgebildet, als er noch am Leben war.“

          Für andere Berichterstatter war dieser Tag ein Wendepunkt. David Handschuh von den „New York Daily News“ erzählt, er habe am 12. September 2001 seiner Redaktion gesagt, er wolle nie mehr jemanden fotografieren, der stirbt – seitdem konzentriert er sich auf Themen wie Essen, Trinken, Reisen. Richard Drew dagegen machte weiter. „Ich freue mich nicht auf schreckliche Einsätze, ich mache sie.“ Ist das Gleichmut, Zynismus, Berufsethos?

          Richard Drew: Er fotografierte Modeschauen, Sportereignisse, Börsenszenen, Prominenten – und die Anschläge des 11. September Bilderstrecke

          Vielleicht ist es auch Erfahrung. Richards Drew arbeitet seit 44 Jahren bei der Nachrichtenagentur Associated Press mit Sitz in New York. Und er war schon mit Anfang 20 Zeuge eines historischen Ereignisses. Als Robert F. Kennedy in der Nacht zum 5. Juni 1968 in der Küche des Hotels Ambassador in Los Angeles angeschossen wurde (er starb am folgenden Tag), stand er als blutjunger Fotoreporter daneben – und hielt auf den schwer verletzten Senator. Seither hat er bei seinen Einsätzen in New York alles fotografiert, Preisverleihungen, Wahlkämpfe, Börsenszenen, Prominente, Polizeieinsätze.

          Als es aus der U-Bahn stieg, rauchten beiden Türme

          Am 11. September 2001 hatte er gerade zwei Wochen in Flushing Meadows, beim Tennisturnier, hinter sich gebracht. Um halb neun an dem Dienstagmorgen, der die Welt veränderte, fotografierte er backstage, vor der Modenschau von Liz Lange, die mit lauter schwangeren Models Umstandsmode auf den Laufsteg brachte. Es war wahrscheinlich die in den Medien am wenigsten beachtete Schau in der Geschichte der New Yorker Modewoche. Drew lief, als er von seinem Büro um kurz vor neun angerufen wurde, zur U-Bahn und fuhr nach Downtown. Die Modenschau fand dann zwar noch statt, aber die Modewoche wurde eine Stunde später abgesagt.

          Als er an Chambers Street aus der U-Bahn stieg, wunderte er sich, dass nun beide Türme rauchten. Er ging westlich, weil der Wind den Rauch nach Osten trieb und hier die Sicht frei war. Von der Ecke West und Vesey Street hatte er einen guten Blick auf beide Türme, und mit seiner Nikon DCS-620 (Objektiv 70-200) nahm er Hunderte Fotos auf. „Wenn etwas passiert“, meint er trocken, „dann laufen wir halt hin, nicht weg.“

          Die ablehnenden Reaktionen auf sein Foto kann er nicht verstehen: „Wir müssen doch dokumentieren.“ Vor einigen Jahren meldete sich bei ihm ein Mann, dessen Verlobte ebenfalls zu den rund 200 Menschen gehörte, die an dem Tag von den beiden Türmen sprangen oder fielen. „Dieser Mann“, sagt Richard Drew, „war sehr dankbar, dass er meine Fotos durchsehen konnte und seine Verlobte in den letzten Sekunden ihres Lebens noch einmal sehen konnte.“

          Wer war der „Falling Man“?

          Die Frage, wer der Mann eigentlich war, hat ihn nicht so sehr interessiert. Die weiße Jacke schien den Fallenden als Mitarbeiter des Restaurants „Windows on the World“ auszuweisen. Zuerst glaubte ein Reporter herausgefunden zu haben, es handele sich um den ebenfalls ums Leben gekommenen Norberto Hernandez. Drei Familien wiederum behaupteten, es handele sich um ihren Angehörigen. Erst im Jahr 2005 fand man heraus, dass es Jonathan Briley war, 43 Jahre alt, der Bruder von Alex Briley, einem Mitglied der Band Village People. Als Toningenieur war Jonathan Briley in dem Restaurant im 106. und 107. Stock des Nordturms für die Technik bei Veranstaltungen zuständig.

          Richard Drew ist kein Mann der großen Worte – vielleicht macht er deswegen Fotos. Sentimentalitäten, wie sie zum Jahrestag wieder überall aufkommen werden, sind ihm fremd. An diesem Donnerstagmorgen, zum Zeitpunkt der Terroranschläge, wird er zwar wieder unten in der Stadt sein, aber nicht an der Gedenkstätte für die Opfer. Er wird an der Washington Street sein, in den „St. John’s Center Studios“. Für seine Agentur wird er dort die Modenschau von Ralph Lauren mit den Entwürfen für Frühjahr und Sommer 2015 fotografieren.

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