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Royals in Bremen : Der König und der Esel

Das niederländische Königspaar auf dem Bremer Marktplatz. Bild: David Hacker/EPA

Das niederländische Königspaar besucht Bremen – und schaut sich Firmen, Forschungseinrichtungen und Stadtmusikanten an. Doch sie nutzen ihren Aufenthalt auch für einen politischen Appell.

          Der Stand mit Käse präsentiert sich patriotisch. Vor den Gouda-Laiben weht die niederländische Flagge. Trotzdem ist die norddeutsche Unaufgeregtheit von Verkäufer und Kundin zu keiner Zeit ernsthaft in Gefahr. Ein „büsch’n rumlaufen“ werden sie wohl auf dem Markt, aber mehr dann ja auch nicht. So klingen die Kommentare knapp zwei Stunden, bevor König Willem-Alexander und Königin Máxima am Mittwoch am Rathaus der Hansestadt Bremen eintreffen.

          Mindestens ein deutsches Bundesland besucht das Königspaar der Niederlande in jedem Jahr, um, wie es offiziell heißt, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Nachbarländern zu pflegen. Auch am Mittwoch reisen die beiden darum nicht allein an, sondern bringen die niederländische Außenhandelsministerin Sigrid Kaag samt Wirtschaftsdelegation mit.

          Es ist kein Staats-, sondern ein Arbeitsbesuch. Und so schauen sich König und Königin gleich nach ihrer Landung am Morgen das europäische Modul der Internationalen Raumstation (ISS) auf dem Airbus-Gelände an. Danach geht es nach Bremerhaven zu den Offshore-Anlagen des Fraunhofer-Instituts und zum Alfred-Wegener-Institut, in dem Wissenschaftler das Meer und die Polarregion erforschen.

          Ein Besuch im Zeichen des Klimawandels

          Der Handel und besonders das Wasser gehören zur Seele der Hansestadt – so wie zur niederländischen, wie der 51 Jahre alte Willem-Alexander, der seit fast sechs Jahren auf dem Thron sitzt, in fast akzentfreiem Deutsch sagt. Die Verbundenheit mit dem Meer präge die Identität beider Länder. Auch wenn das nicht immer leicht aufrechtzuerhalten sei. „Baggern, baggern, baggern“, sagt Willem-Alexander.

          Das Reiben an den Vorderfüßen des Esels bringt sprichwörtlich Glück: König Willem-Alexander und Königin Maxim ließen sich die Chance nicht nehmen.

          Das müssten vor allem die Niederländer, weil die Gezeiten der Nordsee beständig an ihren Stränden knabberten. Der König nutzt seine Rede auch für einen klimapolitischen Appell. Der Besuch in Bremen stehe nicht umsonst im Zeichen des Klimawandels und des Übergangs zu einer nachhaltigen Energieversorgung. „Dem Meer haben wir viel zu verdanken“, sagt er. Nun müsse man alles dafür tun, es zu schützen. „Damit schützen wir auch uns selbst.“

          Dabei hat Bremen, bei aller gemeinsamen Liebe für die See, traditionell ein gespaltenes Verhältnis zur Monarchie. Mal wollte sich die Krone Schwedens die Weserstadt einverleiben, ein anderes Mal die französische Monarchie. Beide Besetzungen blieben von kurzer Dauer. Seit jeher sind die Bürger der Stadt freiheitsliebend. So sehr, dass sie ihrer hanseatischen Freiheit gleich zwei Denkmäler rund um das Rathaus gesetzt haben. Dort steht zum einer der Bremer Roland. Der Heerführer und angebliche Neffe Karls des Großen trotzt steinern und stur seit 600 Jahren dem grauen Wetter des Nordens und ist ganz offiziell das „Symbol der Stadtfreiheit“.

          Ohne norddeutsche Kühle

          Und zum anderen, natürlich, die berühmteste Tier-Quadrille der Märchengeschichte: Esel, Hund, Katze und Hahn, die sich aus ihrer Knechtschaft befreiten und in der kleinsten Hütte ihre Freiheit fanden. Vor Gerhard Marcks’ Bronzeskulptur der Stadtmusikanten hat sich schon mittags eine kleine Schar Schaulustiger versammelt.

          Dabei sitzen Willem-Alexander und Máxima mit ihrer Delegation und Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) noch im Kaminsaal des Rathauses bei der Vorspeise beisammen. Kinder warten mit orangefarbenen Filzkronen und Blumenketten. Unermüdlich stimmen sie ihr Lied an, das sie extra für den Besuch gedichtet haben. Seit 13.15 Uhr sind sie dort, kraxeln singend über die Absperrgitter und schwenken Fähnchen – gut eine Stunde, bevor das Königspaar überhaupt vor die schwere Rathaustür tritt.

          Die Kinder der niederländischen Schule in Bremen freuen sich seit einer Woche auf den Besuch. Lehrerin Venna Van Foreest hat mit ihnen Filme geschaut, Referate vorbereitet, Briefe geschrieben und Bilder gemalt. In den Niederlanden wäre sie vielleicht gar nicht gekommen, um Willem-Alexander und Máxima zu sehen, sagt Van Foreest. Doch wenn man im Ausland lebe, dann sei das auch für ihre Kinder spannend – ein Erlebnis, das sie mit ihrer zweiten Heimat verbinde.

          Europas beliebteste Monarchen

          Auch Familie Vermeer wollte unbedingt dabei sein. Vater Pascal ist Niederländer, Mutter Claudia Deutsche. Vom Königspaar, das sich nach einem kurzen Spaziergang über den Marktplatz wieder verabschiedet, sind sie begeistert. „Beide waren unglaublich nahbar“, sagt Claudia Vermeer. Besonders Máximas Reaktion habe sie gefreut. Die Königin habe die Kinder sofort begrüßt und allen die Hand gegeben – sodass Töchter Emma und Sophie ihr selbstgemalte Bilder übergeben konnten.

          Ein bisschen wie Kinder haben sich auch Jiska Engelke und Daniel Goldman gefreut, die sich nach dem kurzen königlichen Zusammentreffen strahlend umarmen. Seit 20 Jahren lebt Engelke in Bremen. Ihre orangefarbene Hose verrät aber, woher sie eigentlich kommt. „In meiner Heimat wäre ich nie so nah an die beiden herangekommen“, sagt sie. Nur ein Meter lag zwischen ihr und ihrem Königspaar. Und auch sie ist ein Máxima-Fan. Die 47 Jahre alte Königin gehört ohnehin zu den beliebtesten Monarchen Europas. Engelke weiß, warum. Nicht nur weil sie nett und bodenständig sei. „Sie hat ein riesiges Opfer erbracht“, sagt sie und meint damit, dass Máxima ohne ihre Eltern heiraten musste.

          Ihr Vater, Jorge Zorreguieta war Minister in der argentinischen Militärregierung unter Jorge Rafael Videla. Damit das niederländische Parlament der Ehe zwischen Willem-Alexander, der damals noch Thronfolger war, und Máxima zustimmen würde, sagten ihre Eltern die Teilnahme an der Zeremonie ab. Diese Geste habe die heutige Königin der Bevölkerung sehr nahe gebracht, sagt Engelke. Die Holländer hätten das nie vergessen. Und die Bremer?

          Als Willem-Alexander die blanken Fesseln des Esels packt, dieses Glücksversprechen für jedermann, fest mit beiden Händen – in dem Moment können auch die unaufgeregten Bremer nicht anders. Sie jubeln und applaudieren und haben das Königspaar wenigstens für ein paar Minuten ins Herz geschlossen.

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