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Eremitenleben : Einer, der hierher passt

Einsiedler Stan Vanuytrecht aus Belgien Bild: dpa

Per Internet wurde für eine österreichische Einsiedelei ein neuer Bewohner gesucht. Jetzt ist er eingezogen. Wer ist der Mann, der die Einsamkeit sucht?

          3 Min.

          Ein Bart erleichtert dem Eremiten das Leben, weiß Thomas Fieglmüller. Zum einen, weil in der Einsiedelei das Wasser knapp und Wichtigerem vorbehalten ist als der Rasur. Zum anderen, weil die Pilger erwarten, dass der Geistliche ihren romantischen Vorstellungen entspricht. Fieglmüller tat das nicht; als Einsiedler war er glattrasiert und zog lieber Jeans an als eine Kutte. „Das gefiel nicht jedem, insofern hat es mein Nachfolger vielleicht etwas leichter als ich“, sagt der 69 Jahre alte Pfarrer aus Wien.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Dieser Nachfolger heißt Stan Vanuytrecht, ist Belgier und stammt aus Dienst westlich von Brüssel. Er trägt einen weißen Vollbart, raucht Pfeife und könnte nicht nur als Mönch durchgehen, sondern auch als Seebär. An diesem Sonntag tritt der katholische Diakon einen der ungewöhnlichsten Posten an, den Österreich zu vergeben hat. In Saalfelden südlich von Salzburg empfängt er den Segen als Eremit für die Sankt-Georgs-Kapelle, eine der ältesten bis heute bewohnten Einsiedeleien Europas.

          Eine buddhistische Nonne aus Thailand

          Seit dem 16. Jahrhundert pilgern Gläubige zu der Höhle mit dem Standbild des Heiligen Georg auf gut 1000 Höhenmetern. Der erste Eremit am steilen Hang des Palfen war 1664 der Bauernsohn Thomas Pichler. Wenn am Sonntag beim feierlichen Georgi-Fest Fieglmüller den Stab an Vanuytrecht weitergibt, dann setzt sich einerseits eine lange Tradition fort. Andererseits nimmt ein höchst ungewöhnliches Bewerbungsverfahren sein Ende. Denn erstmals seit mehr als 350 Jahren hatten die Stadtgemeinde und die Pfarrei Saalfelden die Stelle ausgeschrieben – und zwar im Internet.

          Nachdem in aller Welt Medienberichte über die skurrile Vakanz erschienen waren, gingen 65 Bewerbungen per Post ein. Mehr als ein Dutzend davon stammten aus dem Ausland, aus Kanada, der Ukraine, Spanien, Südafrika. Eine einzige Frau hatte sich gemeldet, eine buddhistische Nonne aus Thailand. „Solch einen Andrang hatten wir nicht erwartet. Früher lief es meist so, dass der alte Einsiedler den neuen vorschlug“, sagt Bürgermeister Erich Rohrmoser. Acht Personen kamen in die nähere Auswahl, wurden in den Pinzgau eingeladen und wanderten 300 Höhenmeter von Saalfelden hinauf bis zur Eremitage.

          Kinder mit den Mägden der Almhöfe

          Was sie vorfanden, war äußerst spartanisch. Hier oben gibt es keinen Strom, keinen Fernseher und nur ein Plumpsklo. Zum Kochen und Heizen muss der Einsiedler Holz hacken, jeden Liter Wasser schleppt er vom Schloss Lichtenberg hinauf, das auf halbem Weg nach Saalfelden liegt. Vanuytrecht scheint dem Bürgermeister und dem Pfarrer der rechte Mann dafür. „Wir waren uns einig, dass er am besten hierher passt“, sagt Dechant Alois Moser. Der Belgier ruhe in sich selbst, habe ein offenes Ohr, eine solide christliche Prägung, und er hat angekündigt, mehrere Sommer zu bleiben. Im Winter ist die Einsiedelei wegen Kälte und Lawinengefahr geschlossen.

          Das alte Heim: Die Einsiedelei am Palfen bei Saalfelden; 1964 lebte der erste Eremit hier.
          Das alte Heim: Die Einsiedelei am Palfen bei Saalfelden; 1964 lebte der erste Eremit hier. : Bild: AFP

          Fieglmüller war nur eine Saison lang hier oben, sein Vorgänger hielt zwölf Jahre durch. Gründungsvater Pichler brachte es auf 35 Jahre, bevor er sich aus unbekannten Gründen aus dem Fenster des Dechanthofs in den Tod stürzte. Überhaupt ranken sich manche Absonderlichkeiten um das Amt. Einer der Einsiedler verkaufte die Eremitage und machte sich mit dem Geld aus dem Staub, ein weiterer ging regelmäßig wildern. Ein dritter zeugte Kinder mit den Mägden der Almhöfe. Ein vierter trat in der Ratesendung „Was bin ich?“ auf, woraufhin ein Neider acht Schüsse auf die Klause abgab.

          „Ich bin froh, dass die Roaming-Gebühren abgeschafft wurden.“

          Stan Vanuytrecht fechten solche Anekdoten nicht an. Er ist in seinem Leben oft gestolpert und aufgestanden. Er brach ein Ingenieursstudium ab und wurde Artillerieoffizier. Seit seiner Stationierung in Köln spricht er Deutsch, zumindest etwas. Später studierte er Topographie, arbeitete als Landvermesser, Fluglehrer, Sanitäter, Trauerbegleiter. Als Diakon kümmerte er sich um Obdachlose und Süchtige. Mit 56 Jahren ging er in den Vorruhestand. Seine Ehe zerbrach, er war finanziell am Ende. Bis heute, sagte er vor Antritt seines unbezahlten Amtes der belgischen Presse, komme er mit wenig Geld aus und fahre einen alten Trabant aus der DDR. Der Achtundfünfzigjährige ist spirituell und kontemplativ, aber auch praktisch und gesellig. Das ist wichtig, denn an der Klause kommen viele Besucher vorbei.

          Beim Georgi-Fest am Sonntag, wenn im Namen des Schutzheiligen auch die Pferde des Ortes gesegnet werden, lernen die Saalfeldener ihren neuen Bergbewohner endlich persönlich kennen. Danach müssen erst einmal alle zur Ruhe kommen, vor allem der Eremit. Sollte es ihm allzu einsam werden, hat er sein Mobiltelefon samt Solar-Ladegerät dabei, um seine Kinder und Enkel anzurufen. „Ich mag jetzt ein Einsiedler sein“, sagt er, „aber ich bin froh, dass die Roaming-Gebühren abgeschafft wurden.“

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