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Als Expat in Dschidda : So lebt, lernt und feiert es sich in Saudi-Arabien

Weltkulturerbe in der Wüste: Toni Riethmaier bei einem Besuch der antiken Nabatäerstadt Maida Saleh. Bild: PRIVAT

Wie ist es, als Europäer in Saudi-Arabien zu leben? Toni Riethmaier arbeitete als Restaurant-Manager in dem abgeschotteten Land und hat ein Buch geschrieben – über Hitze, Geschlechtertrennung und geheime Partys.

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          Toni Riethmaier hat in Saudi-Arabien gemerkt, dass er sich an alles gewöhnen kann. An Hitze, verrückten Verkehr, Geschlechtertrennung, Verschleierung. Sogar an Hinrichtungsstätten. Zehn Jahre arbeitete er als Restaurant-Manager in dem abgeschotteten Land. Eines Tages schaute er Fotos an, die er in Dschidda gemacht hatte. Auf einem Bild war am Rand der Richtplatz zu sehen mit dem kleinen Podest. Es war ihm beim Fotografieren gar nicht aufgefallen, so alltäglich war der Anblick für ihn schon.

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          Der Achtunddreißigjährige, offenes Gesicht und legere Kleidung, ist zurück in Deutschland. In Singapur, auf den Malediven, in China und Dubai hat er schon gearbeitet, mal ein Hotelrestaurant geleitet, mal ein deutsches Brauhaus. Saudi-Arabien aber war mit nichts zu vergleichen.

          In dem Wüstenstaat gibt es keine Bars und keine Kinos. In den Restaurants essen Männer und Familien in getrennten Bereichen. Im Männerbereich einfach mal jemanden anquatschen? Selbst in der als vergleichsweise liberal geltenden Hafenstadt Dschidda undenkbar. Mal beim Nachbarn klingeln, wenn das Salz alle ist, und hoffen, dass sich ein Gespräch ergibt? Ebenso undenkbar. Für solche Fälle gibt es im Erdgeschoss eines jeden Hochhauses einen Mini-Supermarkt. Saudi-Arabien kennenzulernen ist eine Herausforderung: Wochenendausflüge aufs Land müssen beantragt werden, wenn sie die Grenze eines Bezirks überschreiten, teils werden Reisende von der Autobahnpolizei begleitet und beobachtet.

          Rund die Hälfte der Bewohner von Dschidda und Riad sind ausländische Arbeiter. Den Lebensstil der Saudis sollen sie unter keinen Umständen stören oder beeinflussen. Kontakt zwischen Ausländern und Einheimischen ist deshalb nicht erwünscht. Die Häuser der Saudis sind von Mauern umgeben, die Fenster sind verspiegelt, damit niemand die Frauen sehen kann, die sich innerhalb der eigenen vier Wände unverschleiert bewegen. Die meisten Ausländer leben abgeschottet in geschlossenen Wohneinheiten - Fachkräfte in luxuriösen Ressorts im Zentrum, einfache Arbeiter in eingezäunten Baracken am Stadtrand. Dort bleiben die Staatsbürger eines Landes meist unter sich. Deutsche gibt es aber kaum in Dschidda. Deshalb lebte Riethmaier in einem gewöhnlichen Wohnhaus.

          Zurück zu Hause: Toni Riethmaier genießt wieder Kino und Bier.
          Zurück zu Hause: Toni Riethmaier genießt wieder Kino und Bier. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Zwei Jahre lang bestand sein Leben aus kaum mehr als Arbeit und Schlaf. Dann stand er vor der Frage: zurückkehren oder bleiben und sich etwas aufbauen? Er entschied sich fürs Dableiben. Langsam kam Riethmaier in Expat-Kreise, auch über Veranstaltungen der Botschaften. Viele der ausländischen Fachkräfte waren Ägypter und Libanesen, einige Amerikaner, wenige Deutsche. Riethmaier organisierte Gruppenwanderungen und trank Bier in Wohnsiedlungen, die von Mauern umgeben waren.

          Der Kontrast zu seinem Berufsleben war extrem. Im Restaurant, das er leitete, standen „Malzgetränk“ und „roter Traubensaft“ auf der Speisekarte. Serviert wurden die Getränke zwar in Wein- und Biergläsern. Doch schon die Bezeichnung „alkoholfreies Bier“ gilt in Saudi-Arabien als verpönt. Immer wieder fragten Männer nach, ob man im Familienbereich nicht zusätzlich Trennwände um sie und ihre Frauen herum aufbauen könnte. Immerhin seien dort ja auch andere Männer. Das italienische Restaurant, das Riethmaier leitete, wollte aber möglichst europäisch wirken. Abgesehen davon, dass es keinen Alkohol und keinen Schinken oder Speck gab, gelang das ziemlich gut. Exotische Zutaten wie Gorgonzola wurden nur selten von den Lebensmittelkontrolleuren abgefangen. Es lief sogar Musik im Hintergrund - internationale Stars nehmen teils Instrumental-Versionen oder Songs mit abgeschwächten Texten für den muslimischen Markt auf.

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