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Als Expat in Dschidda : So lebt, lernt und feiert es sich in Saudi-Arabien

Für manche war das ein Grund, das Restaurant wieder zu verlassen. Viele begnügten sich mit einem Platz mit Blick zur Wand in der Ecke des offenen Familienbereichs. Oft nahmen die Frauen ihren Gesichtsschleier im Familienbereich ab, teils führten sie einen Strohhalm und kleine Bissen Essen unter dem Schleier zum Mund. Auf der Straße trugen viele Frauen sogar Handschuhe, um die Haut an ihren Händen nicht zu zeigen.

„Man ahnt, dass eine gewisse Scheinheiligkeit herrscht“, sagt Riethmaier heute leicht belustigt. „Dass es mehr geben muss als das, was man sieht.“ Die Bestätigung fand er erst, als sich irgendwann auch einige weltoffene Saudis in seinen Bekanntenkreis mischten. Luden sie ihn mal zum Essen nach Hause ein, saßen die Frauen, egal ob Mütter, Schwestern oder Partnerinnen, unverschleiert mit am Tisch. Unter der Hand gab es auch Alkohol für Saudis: Selbstgebrautes Bier oder selbstgegorenen Traubensaft sowie teure Schmuggelware aus den Duty-Free-Bereichen internationaler Flughäfen.

Er kehrte einfach nicht mehr zurück

Erst in seinem sechsten Jahr in Dschidda lernte Riethmaier, dass er mit diesen Essen in lockerer Atmosphäre und ohne Geschlechtertrennung nur an der Oberfläche von dem kratzte, was im Verborgenen möglich ist. Er war Gast auf illegalen Partys, steuerte selbst Essen und Getränke bei und erwies sich in der Szene offenbar als verlässlich und diskret. Die Belohnung: Silvester 2012 feierte er im privaten Stadtpalast eines Ministers und Prinzen aus dem Herrscherhaus. Swimmingpool, DJ, Elektromusik, Feuerwerk, Flaschen voller Whiskey und Wodka, Frauen in Minikleidern, knutschende Pärchen. Es war das rauschendste Fest, das er je erlebt hatte. Daran teilzunehmen hätte ihn hinter Gitter bringen können. Weil alle Gäste, Saudis wie Ausländer, handverlesen und verschwiegen waren, blieb die einzige Folge für Riethmaier zum Glück nur die schöne Erinnerung an diese Nacht. Überhaupt sind seine Erinnerungen an die Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre überwiegend positiv, wie sein Buch „Inside Saudi-Arabien“ zeigt, das gerade erschienen ist.

Vorsicht, Kamele kreuzen! Pflichtfoto für alle Expats und Touristen.
Vorsicht, Kamele kreuzen! Pflichtfoto für alle Expats und Touristen. : Bild: privat

Pressefreiheit, Peitschenhiebe, Todesstrafe? Das war nie Thema in seinem Bekanntenkreis, sagt Riethmaier. „Wenn man sich damit befasst, kann man in dem Land nicht mehr leben.“ Am Ende ging er auch nicht wegen der Menschenrechtslage, wegen der Hitze oder des ständig aus sämtlichen Ritzen kriechenden Wüstensands. Sondern weil das Restaurant, das er geleitet hatte, mit einem neuen Geschäftsführer in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war. Die Stimmung war schlecht, sein Gehalt bekam er nur noch unpünktlich.

Aber einfach so kündigen? Das traute Riethmaier sich nicht. Das Land verlassen dürfen Expats nur mit der Erlaubnis ihres Arbeitgebers. Personalbüros schließen Pässe in Tresore und geben sie nur bei genehmigtem Urlaub heraus, oder wenn sie verlängert werden oder das Arbeitsverhältnis einvernehmlich beendet wurde. Zwei Bekannte von ihm saßen unfreiwillig im Land fest. Auch Riethmaiers Arbeitgeber, an den er von einem Headhunter vermittelt worden war, hatte seinen Pass einbehalten. Langsam begann er damit, bei jedem Urlaub ein paar Sachen nach Hause zu schaffen. Nach seinem letzten Urlaub, der ihm nur nach langem Hin und Her genehmigt worden war, kehrte er nicht zurück. Schwer fiel es ihm nicht: Er hatte sich zwar irgendwann wohlgefühlt in Dschidda, aber nie heimisch.

In Deutschland genießt er es, dass nicht alle Männer Weiß tragen und nicht alle Frauen Schwarz. Dass er ins Kino gehen kann oder ein Bier trinken und Nachrichten hören, die mehr sind als bloß staatliche Verlautbarungen. In seiner Heimatstadt Nürnberg verkauft der gelernte Hotelfachmann jetzt Karten für Stadtrundfahrten – und wartet auf das nächste Angebot, als „Expat“ in die Welt hinauszuziehen.

Eine Halloweenparty in einem abgeschlossenen Wohn-Compound in Dschidda im Jahr 2012
Eine Halloweenparty in einem abgeschlossenen Wohn-Compound in Dschidda im Jahr 2012 : Bild: Toni Riethmaier

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