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Liebe : „Mädchen, ich komme wieder!“

2016: Seit 79 Jahren sind Charlotte und Ludwig Piller ein Paar, seit fast 77 Jahren sind die beiden verheiratet. Bild: Jan Roeder

Charlotte und Ludwig Piller sind vermutlich das Paar in Deutschland, das am längsten verheiratet ist. Was ist das Geheimnis ihrer Liebesbeziehung?

          6 Min.

          Das erste Mal geflogen ist er schon als kleiner Junge. Es war kurz nach dem Ersten Weltkrieg oder vielleicht auch etwas später, in den frühen zwanziger Jahren. Genau weiß er es nicht mehr, nur dass ein Gewitter aufzog und er einen großen Schirm von der Wirtschaft seines Vaters in Sicherheit bringen sollte. „Der Wind war so stark, dass ich zehn Meter weit durch die Luft flog“, erzählt Ludwig Piller. „Danach wollte ich unbedingt Pilot werden.“ Und er wurde Pilot.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zum ersten Mal richtig geflogen ist er 1935 in einer Focke-Wulf Fw44 „Stieglitz“, zum letzten Mal 70 Jahre später mit einem einmotorigen Wasserflugzeug von de Havilland. 90 Jahre war Ludwig Piller alt, als er 2005 in Kanada noch einmal als Pilot in die Lüfte stieg. Durfte er denn in dem Alter noch fliegen? Piller lächelt.

          Hochzeit 12 Tage nach Kriegsbeginn

          An Mut und Tollkühnheit hat es dem einstigen Kampfpiloten, der im Zweiten Weltkrieg Hunderte Einsätze flog und gleich zweimal über Russland abgeschossen wurde, nie gefehlt. Auch nicht, als er 1937 seiner heutigen Frau zum ersten Mal begegnete. Charlotte war damals 16, ihr Vater in Memmingen Polizist. „Alle sechs Wochen bekam er sonntags einmal frei und ging mit uns spazieren“, erzählt sie. „Ich habe es gehasst.“ An jenem 18. Juli endete der Ausflug in einer Gartenwirtschaft bei Tanz und Musik. Am Tisch der Familie waren noch zwei Plätze frei, auf die sich zwei Soldaten setzten. Als der eine die Tochter zum Tanzen aufforderte, wies sie ihn ab. Sie sei erst 16 und könne nicht tanzen. „Mit mir hat noch jede Dame tanzen können“, lautete die Antwort des Zweiundzwanzigjährigen. „So ging’s los“, sagt Charlotte Piller.

          Einfach war es nicht für die beiden. Sie hatte ihm zwar verraten, wo sie wohnte. Doch in der Kleinstadt Memmingen miteinander auszugehen war nahezu unmöglich. Die Lokale wie das „Klösterle“, in denen sich die Piloten gerne mit ihren Mädchen trafen, wurden oft von der Polizei kontrolliert. „Mein Vater hätte es sofort erfahren.“ Ihnen blieb nur das Kino – letzte Reihe. Als Ludwig schließlich nach ein paar Monaten die Liebelei offiziell machen wollte, war ihr das gar nicht recht. Er ging trotzdem mit Blumen in der Hand zum Vater und warb um sie. „Die ist noch zu jung für Sie“, meinte er. Darauf Ludwig: „Die wird jeden Tag älter.“

          Fortan durfte er wenigstens mit ihr ins Kino gehen. „Wenn der Film um 22 Uhr aus war, musste Ludwig mich um Viertel nach zehn zu Hause abliefern.“ Als dann der Krieg ausbrach, stimmte der Vater der Hochzeit zu. Am 12. September 1939, zwölf Tage nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen, heiratete die noch nicht volljährige Charlotte ihren Ludwig in Memmingen.

          „Die jungen Leute wollen so etwas ja nicht mehr haben.“

          In wenigen Wochen werden die beiden ihren 77.Hochzeitstag feiern. Fünf Tage später wird Ludwig Piller 102. Er ist, wie er am 20.Juni, an ihrem 95. Geburtstag, vom Bürgermeister beiläufig erfuhr, der älteste männliche Einwohner Memmingens. Und vermutlich sind Charlotte und Ludwig Piller sogar Deutschlands am längsten verheiratetes Paar.

          Seit 18 Jahren wohnen die beiden in einem siebenstöckigen Hochhaus in Memmingen. „Es ist einfach bequemer mit dem Fahrstuhl“, sagt Frau Piller. Schweren Herzens hätten sie ihr Einfamilienhaus verlassen, in dem sie mehr als 40 Jahre lebten. Doch auch die Wohnung im dritten Stock steckt voller Erinnerungen. Ludwig Piller hat für die fünf Enkel zudem sein Leben zu Papier gebracht – mehrere hundert Seiten dick ist das Werk geworden.

          An der Wand im Wohnzimmer hängt ein gut 50 Jahre altes Gemälde seiner Frau, links und rechts je ein Kinderporträt der beiden Söhne. In einer gläsernen Vitrine stehen Hummelfiguren und Meissener Porzellantassen. „Das wandert bald alles in den Müll“, meint Charlotte Piller. „Die jungen Leute wollen so etwas ja nicht mehr haben.“ Über dem Sofa gibt ein Stammbaum Auskunft über die Familie, der mit Antonius Piller von Bistrzicz im Jahr 1585 wurzelt und mit der Geburt der jüngsten Enkeltochter 1992 endet. Die älteste, Marie-Christine, hat im Mai geheiratet. Natürlich waren die stolzen Großeltern bei der Feier in Aying dabei.

          Im Cockpit eines zweisitzigen Doppeldeckers

          Von Ludwigs acht Geschwistern lebt noch der Bruder Josef, Jahrgang 1918, und die drei Jahre jüngere Schwester Anna. Charlotte Piller ist eine gebürtige Memmingerin, ihr Mann stammt aus Vohburg an der Donau, wo gleich mehrere Piller Bürgermeister waren. Am 3. Juni 1937 habe er sich von seinem Standort Hamburg nach Memmingen versetzen lassen, erzählt Ludwig Piller. „Ich hatte Sehnsucht nach Leberkäs’ und dunklem Bier.“ Wenige Tage bevor er seine Charlotte zum ersten Mal traf, war er der erste Pilot, der auf dem neuen Fliegerhorst in Memmingen landete – mit einer Do 17 von Dornier.

          Zwei Söhne haben Ludwig und Charlotte Piller, der ältere, Ludwig Wolfgang, der unter anderem persönlicher Referent von Franz Josef Strauß, Amtschef der Bayerischen Staatskanzlei und zuletzt Vorstand und Aufsichtsrat der DaimlerChrysler Aerospace AG (Dasa) war, kam im November 1945 zur Welt. „Er war das Ergebnis des Spritmangels“, sagt Charlotte Piller, die ihren Mann im Krieg ansonsten nur selten zu Gesicht bekam. „Ich war überall dabei, wo geschossen wurde“, sagt Ludwig Piller. Dabei sei schon 1940 der größte Teil der Luftwaffe zerstört gewesen.

          1938: Charlotte fliegt erstmals mit Ludwig in einer Ju 52 „Heinrich Gontermann“.

          Piller war Flugausbilder und saß zehn, zwölf Stunden täglich am Steuerknüppel. Er musste den Nachwuchs auf die neuen Flugzeugtypen umschulen. Was fliegerisch in ihm steckte, hatte wohl schon Ernst Udet erkannt. Ohne den großen Jagdflieger aus dem Ersten Weltkrieg, der unter Hitler zuletzt „Generalluftzeugmeister“ der Wehrmacht war, hätte der gelernte Spenglerinstallateur Piller vielleicht weiterhin nur Flugzeugmotoren im Fliegerhorst Lechfeld in Lagerlechfeld bei Augsburg repariert. Doch eines Tages hieß es: „Udet fliegt!“ Das Idol aller Piloten stand plötzlich auch vor ihm. „Ich durfte zehn Tage lang sein Kofferträger sein“, erzählt Piller. Bald danach wurde er nach Braunschweig an die Fliegerschule und nach Magdeburg versetzt. Dort saß er dann zum ersten Mal selbst im Cockpit eines zweisitzigen Doppeldeckers.

          „Nicht eine Sekunde habe ich gedacht, er könnte im Krieg fallen“

          Mindestens 58 verschiedene Flugmuster und ihre Versionen ist er zwischen 1939 und 1945 geflogen – darunter die Heinkel HE 111, die Junkers Ju 52 und Ju 88, die Messerschmitt Bf 108 und Bf 109 sowie die Focke-Wulf Fw 190. Auch mit „Hitlers schnellster Wunderwaffe“, der Messerschmitt Me 262, dem ersten zweistrahligen Düsenjäger der Welt, startete er nach der Zerstörung fast aller Flugplätze noch von der Autobahn in Holzkirchen.

          Seine Einsätze führten ihn in die Luftschlachten über England, Frankreich und Russland, die Übungsflüge mit seinen Schülern nach Möglichkeit nach Memmingen. Doch wenn die Sehnsucht zu groß wurde, riskierte Piller auch einen Abstecher, der ihn Kopf und Kragen hätte kosten können. Nach einem Angriff im Juli 1940 auf englische Schiffe und Docks in Plymouth flog er nicht nach Orly zurück, sondern einfach weiter ins Allgäu. Die Kameraden waren eingeweiht, im Gepäck hatte er ein Paar Schuhe als Mitbringsel für seine Charlotte. „Es gab zur Feier des Wiedersehens Wiener Schnitzel“, erinnert sich seine Frau. Viel hatte sie nicht von ihm, er schlief im Sitzen ein, weil er so müde war. Zum Abschied sagte er wie stets: „Mädchen, ich komme wieder!“

          Daran glaubte sie fest. „Nicht eine Sekunde habe ich gedacht, er könnte im Krieg fallen“, sagt sie. Oft hörte Charlotte Piller, die damals bei der Staatsanwaltschaft in Memmingen arbeitete, monatelang nichts von ihm. Auch nach Kriegsende blieb sie lange ohne Nachricht. Erst kurz nachdem ihr erstes Kind zur Welt gekommen war, traf eine Karte vom Roten Kreuz ein: „Ich lebe! Ludwig.“

          Pilotenkarriere beendet

          Ihr Mann war von den Amerikanern gefangen gehalten worden. Er war, wie andere Piloten auch, für ein Geheimprojekt nach Méricourt in Frankreich gebracht worden. „Wir sollten, wie es hieß, noch gegen Japan zum Einsatz kommen“, sagt Ludwig Piller. Die deutschen Kampfpiloten, handverlesen und nach ihrem Können ausgewählt, sollten in den Krieg im Pazifik zugunsten der Vereinigten Staaten eingreifen. Der Pilot Piller lehnte das Ansinnen ab, die ganze Aktion kam letztlich auch nicht zustande, da Japan bereits im August 1945 kapitulierte – nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

          Oberleutnant Piller blieb in Gefangenschaft in Frankreich und verpasste die Geburt des Sohns. „Meine Mutter drängte mich damals, das Heidenkind endlich taufen zu lassen“, erzählt Charlotte Piller. So wurde schließlich der 14. Februar 1946 als Termin festgelegt. Doch als ihr eine Astrologin aus den Sternen vorhersagte, dass ihr Mann Mitte März zurück sein würde, sagte sie die Taufe wieder ab. Am 15. März stand Ludwig Piller vor ihrer Tür.

          1939: Zwölf Tage nach Kriegsbeginn wird Hochzeit gefeiert.

          Am Weihnachtstag 1950 kam Tochter Ursula zur Welt, doch sie starb schon neun Wochen später. Im Dezember 1952 wurde der zweite Sohn Gerhard Klaus geboren. Die Familie musste versorgt werden, doch als Pilot fand Ludwig Piller keine Anstellung. Für die Lufthansa, 1953 neu gegründet, war er schon zu alt, und zur Luftwaffe der Bundeswehr wollte er nicht. Über eine Annonce in der Zeitung kam er zur Firma Ruff & Co., einem Unternehmen für Milchwerke und Brauereien, und wurde selbständiger Handelsvertreter. Fortan vermarktete er nicht nur Reinigungsmittel, mit denen zum Beispiel Melkmaschinen gesäubert wurden, indem er zunächst im Allgäu und zuletzt in ganz Süddeutschland von Bauernhof zu Bauernhof fuhr. Er entwickelte auch sehr erfolgreich neue Produktlinien unter dem Motto: „Billig – Besser – Bequem“.

          Noch einmal in die Lüfte steigen

          Eine seiner Ideen: die Kontrareinigung. Morgens werden die Leitungen mit einer Lauge, abends mit einer Säure durchgespült. Er ist sich fast sicher, dass ein Großunternehmen das Konzept später auf die zweifache Zahnreinigung morgens und abends mit jeweils einer anderen Zahnpasta übertrug.

          Noch bis vor drei Jahren spielte Ludwig Piller jede Woche Tennis. Mit 99 aber hatte er einen Unfall mit seinem neu gekauften E-Bike, bei dem er sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog. Danach kam er für sein Alter schnell wieder auf die Beine. „Die Ärzte meinten, ich habe die Knochen eines Achtundsechzigjährigen.“ Trotzdem muss er seither etwas kürzertreten. Untätig ist er nicht. Mit 98 hat er zum Beispiel noch eine Diebesbande zur Strecke gebracht. Ihm war aufgefallen, dass in zwei eigentlich leer stehenden Wohnungen der Wohnanlage, für die er auch im Verwaltungsbeirat sitzt, Pakete angeliefert und wieder abgeholt wurden. Zugleich tauchten immer wieder andere Namensschilder an den Wohnungstüren auf. Mit zwei viel jüngeren Nachbarn, 75 und 78 Jahre alt, begann er die Vorgänge genau zu dokumentieren. Wie sich herausstellte, handelte es sich um Identitätsklau in großem Stil. Die Bande bestellte mit gestohlenen Namen Waren im Wert von 36.000 Euro, ohne sie zu bezahlen. Die Polizei konnte die Gauner schließlich dingfest machen. Piller und seine Helfer wurden für ihre Zivilcourage ausgezeichnet.

          Anfang Juli konnte Ludwig Piller auch noch einmal in die Lüfte steigen. Eineinhalb Stunden schwebte er über das Allgäu. Die Ballonfahrt hatte er sich zu seinem 100. Geburtstag gewünscht.

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