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Labia Theatre in Kapstadt : Kino der heimlichen Rekorde

Auf Zeitreise: Der Verkaufsschalter ist genauso alt wie das Kino selbst, und für viele Filmfans ein Grund mehr das Labia zu lieben. Bild: Lien Botha

Das Labia in Kapstadt ist ein besonderes Lichtspielhaus. Filme laufen hier auch mal fast ein Jahr lang. Das Kino, in dem jeder Besuch zu einer kleinen Zeitreise wird, behauptet sich seit 70 Jahren – gerade deswegen.

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          Ein Kino in Afrika? Die auf dem Festival in Cannes versammelten Filmproduzenten staunten Anfang dieses Jahres nicht schlecht, als die Anfrage von Ludi Kraus eintrudelte. Da wollte der Besitzer eines kleinen unabhängigen Lichtspielhauses namens Labia den Elton-John-Film „Rocketman“ zeigen, und zwar mehrere Wochen vor dem offiziellen internationalen Kinostart. Der Grund war ganz einfach: Das Kapstädter Kino feierte seinen 70. Geburtstag.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Große Hoffnungen habe er damals nicht gehabt, gibt Kraus zu. Normalerweise würde man auf so eine Anfrage noch nicht einmal eine Antwort erhalten, denn über Filmstarts verhandeln die Mächtigen der Branche ungern. Doch er hatte Glück: Kurz vor dem Geburtstag, als er schon fast nicht mehr mit einer Zusage gerechnet hatte, kam „Rocketman“ an. Und das Labia war möglicherweise das erste Kino, das den Film nach seiner Weltpremiere in Cannes zeigte. Kraus’ geladene Gäste freuten sich.

          Es ist eine von vielen Anekdoten, die der Unternehmer im Jubiläumsjahr aus der Geschichte des „ältesten unabhängigen Programmkinos in Südafrika“ gerne erzählt. Das Labia ist heute nicht nur eine Institution in Kapstadt. Es ist auch ein Beispiel, wie ein traditionsreiches Kino den Herausforderungen der Moderne trotzt: erst dem Fernsehen, dann den internationalen Kinoketten, dem Internet, der Filmpiraterie und jüngst den Streaming-Diensten wie Netflix.

          Ein Kinobesuch wie eine Zeitreise

          Ein Besuch in dem Kino in der Nähe des Mount-Nelson-Hotels ist auch eine Zeitreise. Der Verkaufsschalter für die Karten ist aus Massivholz und genauso alt wie das Kino, ein Projektor in einer Ecke stammt aus den sechziger Jahren, und auf einer wandhohen Sponsorentafel finden sich Persönlichkeiten, von denen die meisten vor langer Zeit in Vergessenheit geraten sind.

          Seinen Namen verdankt das Kino einer Prinzessin Labia. Ida Robinson, die Tochter eines südafrikanischen Bergbaumoguls, hatte in den zwanziger Jahren den Grafen Natale Labia, einen nach Südafrika versetzten italienischen Diplomaten, geheiratet. Er wurde von Mussolini später zum „Ersten bevollmächtigten Minister“ ernannt und soll vergeblich versucht haben, den Diktator von einem Einmarsch in das heutige Äthiopien abzuhalten. Nach seinem Tod verlieh ihm König Viktor Emanuel III. als Anerkennung den Prinzentitel, den auch seine Gattin tragen durfte. Auch aus Dankbarkeit, dass die Familie während des Zweiten Weltkriegs in Südafrika nicht in Gefangenschaft geraten war, spendete die Prinzessin großzügig und eröffnete 1949 das Labia Theatre neben dem damaligen Sitz der italienischen Botschaft. Es wurde zunächst als Theater, Kino und wohl auch als Ballsaal für rauschende Feste genutzt.

          Die Filmwelt im Blick: Ludi Kraus, dessen Vorfahren aus Deutschland stammen, hat das Labia Theatre 1989 übernommen.

          Von diesem Glamour sei nicht mehr viel übrig gewesen, als er das Kino 1989 übernommen habe, erinnert sich Kraus. Dunkel und muffig sei es gewesen. „Am Eingang stand ein kaputtes rotes Sofa, aus dem Hühnerknochen herausfielen.“ Die Leinwand war so weit von den Zuschauern entfernt, dass man ein Opernglas benötigte. Untertitel konnten nur die Besucher auf den Außenplätzen entziffern. Es gab auch nur einen Lautsprecher. Wenn Mäuse das dünne Kabel anknabberten, fiel der Ton aus.

          Doch die Mängel hatten Kultcharakter. So stieß der neue Eigentümer auf ungeahnten Widerstand, als er beispielsweise die Sandauffahrt zum Kino teeren ließ. Auch den Einbau einer Damentoilette hielten viele für überflüssig. Bis heute sei Perfektion in diesem Kino unerwünscht, sagt Kraus. „Die Leute sagen, es müsse nett sein, aber bitte nicht zu nett.“

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