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Günter Franzen Anfang November vor dem Porsche einer jungen Dame an der Wicker-Klinik in Bad Homburg. Bild: Victor Hedwig

Die Liebe der Senioren, Teil 2 : Achtzig Tage Haltbarkeit

  • -Aktualisiert am

Autor Günter Franzen erzählt in unserer Reihe von seiner Online-Suche nach der letzten großen Liebe. Im zweiten Teil bleibt ihm die Luft weg: Die Momentaufnahme der Frau, die er trifft, stimmt mit dem im Internet eingestellten Werbefoto völlig überein. Schafft er das Rendezvous?

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          Was bisher geschah: Wegen eines idiotischen Versprechens folgte Herr Franzen, ein leidenschaftlicher Minigolfer, seiner Gespielin in den Ostblock, wo die Beziehung zerbrach. Eingeschweißt in einen alten Sack, beschloss Franzen, fortan auf „FinalDate“ für teuer Geld nach einer neuen Frau zu suchen. Er lud Bilder hoch, gab sich als Golfspieler aus und ging zu Bett. Allein. 

          Die Sonne schien, ein Schwalbenpärchen überflog mein in der Nähe der A661 gelegenes Dachstübchen, die Rotorblätter der in der Wetterau installierten Kraftanlage muteten aus der Ferne an wie friesische Windmühlen, und als ich meinen Posteingang öffnete, kam ich mir vor wie ein kleiner Junge, den man nach Ladenschluss versehentlich in der Schokoladenabteilung des Kaufhofs eingesperrt hat: Sage und schreibe 509 Partnervorschläge hatten die Heinzelmännchen von „FinalDate“ über Nacht auf meinen Computer gezaubert, Zahlen, von denen ein islamistischer Märtyrer nach seiner Ankunft im Himmel nur träumen kann.

          Um der Fülle des Angebots Herr zu werden, versenkte ich zunächst einmal alle Studienrätinnen i.R. im virtuellen Papierkorb, ein brutaler Akt der Auslese. Doch seit meinem Gastspiel in einem humanistischen Gymnasium des Jahres 1957 hatte mir der vom Staat mit dem höheren Lehramt betraute Personenkreis unabhängig vom Geschlecht mit seiner Pingeligkeit mein junges Leben zur Hölle gemacht; eine Verletzung, die bei Kontakten in der Phase der postschulischen Sozialisation immer wieder zu Retraumatisierungen führte. Die Vorstellung, mich als Liebhaber des Ungefähren in meiner Restlaufzeit an eine Frau zu binden, die drohte, all meine spontanen Lebensäußerungen in roter Tinte zu ertränken, war ein Albtraum.

          Mein Misstrauen gegenüber dem Berufsstand der Erzieherinnen ist nicht so stark ausgeprägt, aber leider vorhanden. Sie müssen integrieren, inkludieren, Windeln wechseln, Tränen trocknen, den ganzen Tag lieb und gut sein und sich nach Feierabend auf Elternabenden der Attacken hysterischer Sorgeberechtigter erwehren. Aber welche Folgen hat dieses unter Umständen 45 Jahre währende Hantieren mit Schippchen, Förmchen, Eimerchen und anderen Niedlichkeiten für das verbleibende Triebleben der RuheständlerInnen? Lauschen wir an langen Winterabenden im Schein einer selbstgebastelten Martinslaterne in Löffelchenstellung aneinandergeschmiegt den Klängen von Kuschelrock 12, und ich nenne sie Lillifee und sie mich Mäusebär? Gott bewahre!

          Es überraschte mich, dass das durchaus ehrenwerte Gewerbe der Friseusen und Kosmetikerinnen auf der Vorschlagsliste an prominenter Stelle rangiert, weil die im Bereich der Körperpflege tätigen Frauen beziehungsökonomisch ausgedrückt ja eigentlich aus dem Vollen schöpfen können. Die ihrer textilen Rüstung und ihres verbalen Blendwerks beraubte männliche Kundschaft ist den kritischen Blicken dieser Handwerkerinnen hilflos ausgeliefert, und welcher Altersgenosse weit jenseits der Lebensmitte kann von sich behaupten, dass er im unbedeckten Naturzustand auf der Gegenseite einschlägt wie eine Bombe? Eine unerbittliche Selektion. Die Türkin, der ich meinen Körper alle vier Wochen für die üblichen Wartungsarbeiten anvertraue, übt beide Berufe seit dreißig Jahren in Personalunion aus. Ich unterhalte zu der fülligen Schönheit, die mein aus Köln stammender Vater in seinem unverblümten rheinischen Sprachgebrauch sicher als lecker Mädche bezeichnet hätte, eine entspannte Arbeitsbeziehung, die durch gelegentliche Entgleisungen nicht zu erschüttern ist.

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