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Aviciis erster letzter Song : SOS – kann mich jemand hören?

Tim Bergling aka. Avicii starb im April 2018. Bild: AP

Der erste Song vom vermutlich letzten Album des verstorbenen Star-DJs Avicii ist erschienen. Er erzählt von einer zerrissenen Seele.

          SOS, can you hear me? – deutlicher kann man einen Hilferuf wohl kaum formulieren, und angesichts des tragischen und frühen Todes von Tim Bergling, besser bekannt als Avicii, kommt er nicht überraschend. Posthum wurde nun, ein Jahr später, die erste Single aus dem wohl letzten Album Aviciis veröffentlicht. Mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Familie Bergling soll das Album im Juni folgen. Alle Erlöse werden an eine in Berglings Namen gegründete Stiftung zur Suizidprävention gespendet. Die Familie des Star-DJs geht davon aus, dass Bergling sich das Leben nahm. Es war bekannt, dass er psychische Probleme hatte.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Gesungen wird der Song von Aloe Blacc, der auch den Gesangspart in Aviciis größtem Erfolgssong „Wake Me Up“ übernommen hatte. Und der Song? Ist in klassischer Avicii-Manier perfekt durchproduziert, wohl strukturiert, ein glänzendes Stück Mainstream-Pop. Einige an die Liebe glaubende Zeilen „ I can feel your touch/Pickin' me up from the underground/And I don't need my drugs/We could be more than just part-time lovers”, dazu lebensbejahender, nach Urlaub und Strand (und ein bisschen auch nach Ballermann-Party) klingender Sound, Electronic Dance Music eben. Das wäre Aviciis Song ohne das Wissen um seinen Tod.

          Posthum erhalten allerdings Zeilen wie „I get robbed of all my sleep/As my thoughts begin to bleed/I’d let go but I don’t know how” eine anders aufgeladene Bedeutung. In der 2017 erschienen Dokumentation „Avicii True Stories” wurde immer wieder deutlich gezeigt, wie sehr Avicii unter dem Stress des DJ-Lebens, den Hunderten von Auftritten, dem stetigen Unterwegs-sein litt. Wie er trank, um durchzuhalten. Am Ende der Doku stieg er schließlich aus dem DJ-Leben aus, wollte einfach nur noch seine Ruhe.

          „Es ist ein unglaublich wichtiges Thema“

          Auch das Video zu „SOS“ gibt kaum Anlass, an Party und Strand zu denken – auch wenn es für viele Fans sicher toll ist, dass ihr Star ihnen noch mehr Musik hinterlassen hat als zunächst angenommen. Vor schwarzem Hintergrund werden Erinnerungen an Tim Bergling von Fans eingeblendet, Beileidsbekundungen, Momente, die er Menschen mit seiner Musik bescheren konnte. „Die Welt ist ein besserer Ort mit seiner Musik“, steht da etwa, oder „Als ich acht war, haben meine Mutter, meine Oma, mein Bruder, meine Schwester und ich oft Ausflüge mit dem Auto unternommen. Und unser Lieblingslied zum Mitsingen war ‚Wake Me Up‘. Ruhe in Frieden, Bruder.“

          Zusätzlich zu dem Video von „SOS“ wurde auf dem offiziellen Youtube-Account des DJs ein Making-of-Video zum neuen Song veröffentlicht. Darin erzählen die beiden Co-Produzenten und Co-Schreiber des Songs von der Zusammenarbeit mit Bergling, den sie als bescheidenen und warmherzigen Menschen beschreiben, „der einen gleich durchschaute“. Sie berichten von der akribischen, auf Perfektion ausgelegten Arbeitsweise Berglings, dessen großer musikalischer Feinsinn selbst in massentauglichen Party-EDM-Songs oft zum Vorschein kommt. „Er hat sehr genaue Vorstellungen davon, wie man bestimmte Sätze singen sollte“, erzählen die Produzenten. „Er ließ dich einen Satz wieder und wieder singen, 50 Mal.“ Am Anfang hätten sie das nicht verstanden. Warum gerade diese Zeile? „Doch als wir das Endergebnis hörten, war alles klar.“ Die beiden Produzenten erinnern wieder an den Avicii, an den sich viele erinnern mögen: ein feinfühliger Mensch mit außerordentlicher musikalischer Begabung, ein Ausnahmekünstler. Dem das Leben im Rampenlicht zu stark zusetzte, als dass er weiter seinem Talent hätte nachgehen und seine Kunst hätte schaffen können.

          Die Idee, Aloe Blacc den Song singen zu lassen, stammte von Bergling, wie im Video berichtet wird. „Leider sang er es erst nach Tims Tod ein.“ Ihnen sei es aber wichtig gewesen, Aviciis Vision so nah wie möglich zu kommen. Auch Blacc kommt in dem Video zu Wort. „'Wake Me Up‘ definierte den enormen Einfluss, den Tim auf die Musik hatte“, sagt Blacc. Auf SOS angesprochen, muss der Sänger erst einmal tief durchatmen. Er sei geehrt, den Song gesungen zu haben. „Offensichtlich geht es um einige Kämpfe, die Tim hatte. Ich denke, es ist ein unglaublich wichtiges Thema, das angesprochen und mit anderen geteilt werden muss, vor allem von jemandem mit Tims Sichtbarkeit. Und seinem Zugang zu Ohren und Herzen.“ Avicii habe den Leuten die Worte gegeben, die es ermöglichten zu sagen: Ich brauche Hilfe.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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