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Das erste Kennenlernen : Wer prüft hier wen?

Robert De Niro (links) prüft seinen Stiefsohn in spe Ben Stiller im Film „Meine Braut, ihr Vater und ich“ sogar mittels eines Lügendetektors. Bild: ddp images

In Komödien gerät der Moment, in dem man seinen neuen Partner den Eltern vorstellt, unweigerlich zur Katastrophe. Doch irgendwann muss da jeder durch. Wie gestaltet man das erste Treffen so, dass alle Beteiligten es heil überstehen?

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          Gleich nach der Geburt seiner Tochter hatten Freunde gefragt, ob er sich ein Gewehr besorgt habe: für den Tag, an dem das Mädchen den ersten Freund mit nach Hause bringen würde. „Ich lass das nicht zu!“, schwadronierten Kumpel, die sich im Rollenklischee des eifersüchtigen Vaters gefielen: „Bei uns zu Hause bleibt die Schlange im Kasten!“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Finanzexperte sah das anders. Schlimmer als ein junger Mann an der Seite seiner jugendlichen Tochter wäre doch, wenn noch die Achtzehnjährige verzweifelt neben dem Telefon säße und keiner riefe an. „Das willst du deiner Tochter nicht missgönnen: dass Jungs verliebt in sie sind“, sagt er. Selbstverständlich sollten die Kerle auch bei ihr übernachten dürfen. Man ist ja liberal und das Elternhaus ein geschützter Raum. Nur der Morgen danach war ihm ein Graus. Das heilige Sonntagsfrühstück. Jahre im Voraus malte er sich und seiner Familie das Desaster in den grellsten Farben aus.

          Wie seine Frau ihn noch im Bett mit bedeutungsvollen Blicken warnen würde. Wie sie ihn nötigen würde, sich anständig anzuziehen, anstatt wie gewohnt in Boxershorts oder Jogginghose an den Frühstückstisch zu schlurfen. Der Affe, der seine Tochter angefasst hatte, säße natürlich ausgerechnet auf seinem Stammplatz. „Ist das Ihr Platz?“, würde er beflissen fragen, und der Finanzexperte spielte vor, wie er durch die zusammengebissenen Zähne herauspressen würde: „Natürlich nicht. Wir sind doch keine Spießer.“ Der Beginn einer quälenden Konversation, von Fettnapf zu Fettnapf. Und daneben das glühende Gesicht des Mädchens, das diesen dahergelaufenen Idioten ohnehin zwei Wochen später in die Wüste schicken würde.

          „Sex kommt zuerst“

          Eines Sommersonntags dann, die Flügeltüren zur Terrasse standen offen, kam seine Tochter mit einem Jungen die Treppe hinab: ein athletischer Typ in kurzer Hose und T-Shirt. Der Vater prustete los. Keiner hatte ihn gewarnt. Seine Frau wurde rot. Eine kurze, höfliche Begrüßung. Dann stand der Finanzexperte auf und verabschiedete sich: Er müsse unbedingt noch Brötchen holen.

          Rory (Alexis Bledel), aus der Serie „Gilmore Girls“, stellt ihren Freund Logan (Matt Czuchry, links) ihrem Vater (David Sutcliffe) vor.

          Das erste Date ist etwas anderes, das erste Mal erst recht. Und Vorstellungsgespräche haben nichts mit Familie zu tun: Es gibt keinen Begriff für den Moment, in dem Kinder ihren Eltern ihren Partner vorstellen. Kein Ritual geleitet durch das unsichere Terrain, weder Regeln noch Konventionen geben Halt. Vorbilder sind, wenn überhaupt, mittelmäßige amerikanische Komödien, in denen die erste Begegnung mit dem künftigen Schwiegersohn unweigerlich zu einer Mischung aus Slapstick und Katastrophe gerät. Man könnte auch sagen: eine klassische Lose-lose-Situation.

          Für eine Beziehung ist dieser Augenblick „ein ganz wichtiger erster Schritt“, sagt der Familiensoziologe Johannes Kopp. Im Zuge der Längsschnittstudie Pairfam zum Familienleben in Deutschland hat der Professor aus Chemnitz untersucht, was es braucht, damit Beziehungen Stabilität gewinnen. Das Kennenlernen der Eltern gehört - bei 96,4 Prozent der befragten Paare - unbedingt dazu, und es passiert zu einem frühen Zeitpunkt. „Sex kommt zuerst“, sagt Kopp. Dann aber markiert das Rendezvous mit den Eltern - wie das Kennenlernen der Freunde - eine erste Stufe dessen, was Soziologen die „Institutionalisierung von Partnerschaften“ nennen. Erst in den weiteren Schritten werden Zahnbürsten mitgebracht, Wohnungsschlüssel getauscht und die gemeinsame Zukunft geplant.

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