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Das Dilemma der Eltern : Mama, machen wir jetzt mein Referat?

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Schon Wochen und Monate vor Beginn dieses Projekts waren alle aufgeregt. Denn keiner wusste so genau: Wie macht man so ein Referat mit 20 Seiten? Wie arbeitet man mit Sekundärliteratur? Wie macht man eine gute Präsentation? Die Schule bot zwar Hilfestellung an, aber selbst Eltern, die sonst nie den Personal Trainer gaben, war klar: Bei so einem großen Projekt müssen wir jetzt auch mit ran. Ohne uns geht das nicht. Schließlich sind Referate die Paradedisziplin für engagierte Hilfslehrer. Fast alle Eltern helfen. Und es soll sogar welche geben, die schreiben später an der Uni noch bei den Seminararbeiten mit.

Ja, natürlich ist das pädagogisch falsch. Es ist auch das Gegenteil von Chancengleichheit für die Kinder. Und ein weiteres schönes Beispiel dafür, warum Schulerfolg vom Elternhaus abhängt: Wer zu Hause Eltern hat, die einen ordentlichen Computer haben, einen Farbdrucker, Kenntnisse im Erstellen und Strukturieren von Präsentationen und vor allem Zeit, sich damit zu befassen, ist klar im Vorteil. Wer das nicht hat – Pech gehabt!

Mama mach mal !

Denn auch wenn die meisten Lehrer es nicht laut sagen würden: Viele scheinen schlicht davon auszugehen, dass zu Hause jemand ist, der sich schon um die Referat-Genese kümmern wird. Oder wie sonst kann man es interpretieren, wenn schon Drittklässler aufgefordert werden, ein kleines Referat zum Killerwal zu machen: „Wir sollen ein paar Infos aus dem Netz holen, Mama. Aber ich darf ja gar nicht alleine an den Computer. Kannst du mit mir mal in das Erwachsenen-Internet gehen und gucken, wie der Killerwal seine Babys kriegt? Und dann sollen wir ein paar Fotos ausdrucken. Und Mama, wie macht man dann dazu fünf Minuten Referat?“

„Man überlegt sich, was wichtig ist. Und macht dazu Stichworte auf ein Blatt. Oder noch besser auf Karteikarten. Und dann erzählt man das vor den anderen.“

„Aber die Lehrerin hat gesagt, wir sollen dazu ein Plakat machen.“

In der Sechsten kommt dann das Englischreferat über ein Thema der Wahl.

„Mama, ich nehm’ James Bond“, sagt das Kind. „Ich mag den Daniel Craig. He’s a very good-looking guy.

„Also gut“, sagt die mütterliche Hilfslehrkraft, „dann recherchier mal. Und dann machen wir ein rehearsal.“

„Re ... was? Aber Mama, was kann ich denn noch schreiben außer das mit dem good-looking?“, fragt das Kind, und schon fängt die mütterliche Hilfskraft an zu googeln: Aston Martin, Ursula Andress, Sean Connery, Skyfall, Casino Royale.

Jetzt also die Neuordnung Osteuropas nach 1918/19 auf 20 Seiten. Und ich war nicht da.

Greta schimpfte noch ein bisschen. Dann ging sie in die Stadtbücherei und holte Bücher. Versuchte Sekundärliteratur zu verstehen und Übersetzungen von Quellen. Fragte Google, Wikipedia und die üblichen Verdächtigen im Netz. Und wurschtelte sich durch die verschiedenen Frontverläufe und Abspaltungsbestrebungen der osteuropäischen Länder zwischen 1914 und 1918, während ich in meiner Hamburger Redaktion Texte aus dem 21. Jahrhundert bearbeitete.

Am Abend saß das Kind in München mit dem historisch interessierten Vater auf dem Sofa und redete über Lenin, den Zaren und die Unabhängigkeit Weißrusslands. Am Ende hatte es den Blocksatz vergessen, die Sekundärliteratur nicht ganz richtig zitiert und wusste in der Ausfragestunde nicht genau, was Kapitalismus ist. Das gab ein paar Punkte Abzug bei Pflicht und Kür. Ich gab ihr eine Eins mit Sternchen für selbständiges Arbeiten. Und mir ebenfalls: fürs Raushalten.

Die hier abgedruckten Auszüge sind Anke Willers’ Buch „Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?“ entnommen, das am 8. Juli erscheint; Heyne Verlag, 19,99 Euro, 272 Seiten.

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