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1000. Tatort-Folge : Er lieh dem „Tatort“-Vorspann Augen und Beine

Bleibt im Kopf: Horst Lettenmayer lieh dem „Tatort“-Vorspann Augen und Beine. Bild: WDR

Er läuft und läuft und läuft: Am Sonntag flüchtet Horst Lettenmayer zum tausendsten Mal im „Tatort“-Vorspann. Mit der Schauspielerei wollte es allerdings nie so recht klappen.

          3 Min.

          Bevor Horst Lettenmayer losrennen konnte, kam erst einmal die Feuerwehr. Verbrecher werden nicht bei Sonnenschein gejagt, daher musste Lettenmayer, der 1969 für den Pilotfilm einer neuen ARD-Reihe einen flüchtenden Verbrecher spielen sollte, über nassen, düsteren Asphalt laufen. Doch an jenem Tag damals im Spätsommer war das Wetter zu schön. Also musste erst einmal die Feuerwehr die Landebahn am Flughafen München-Riem nass spritzen, die eigens für den Dreh stundenlang gesperrt wurde. Dann rannte Lettenmayer los, als ginge es um sein Leben. Bis zu zehnmal hin und her, gehetzt und Haken schlagend sollte es wirken. Die nasse Straße sollte dabei trübes Licht reflektieren. Stunde um Stunde habe er auf der Landebahn verbracht, erinnert sich Horst Lettenmayer. Dann hieß es: „Das nehmen wir!“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im Jahr 1970 lief der erste „Tatort“. Zum tausendsten Mal werden am Sonntagabend die Beine Horst Lettenmayers durch deutsche Wohnzimmer hetzen, wenn der Vorspann für die erfolgreichste und bekannteste deutsche Krimiserie beginnt. Ebenso zu Tatort-Symbolen geworden sind sein Gesicht, das er hinter seinen Händen verbirgt, und seine Augen im Fadenkreuz zu Beginn des Vorspanns. Seine blauen Augen, sagt Lettenmayer, ändern je nach High-Definition-Qualität ihre Nuancen. „In HD sind sie eher schöner.“

          Ausgewählt wurde der damals 28 Jahre alte Horst Lettenmayer von einer Münchner Casting-Agentur. Er kam frisch von der Schauspielschule und konnte die 400 Mark Honorar für den Job gut gebrauchen. Lettenmayer kam es gerade recht, hoffte er doch, mit diesem Auftritt seine Karriere zu beflügeln. Denn Schauspieler wollte er spätestens von dem Zeitpunkt an werden, als er ein paar Jahre zuvor als Praktikant bei Siemens im Münchner Nationaltheater Kabel gezogen hatte.

          Vergeblicher Versuch, in der Schauspielerei Fuß zu fassen

          „Im Orchestergraben wurden zur Akustikprobe die Meistersinger gespielt. Ich saß während der Mittagspause auf der Bühne und dachte mir: Das ist gigantisch!“ Horst Lettenmayer, der schon als Junge mit den Rottweiler Münstersängerknaben auf Tournee gegangen war („wir haben vor Adenauer und zwei Päpsten gesungen“), brach sein Studium des Ingenieurwesens am Münchner Polytechnikum ab und ging zur Otto-Falckenberg-Schule. Seinen Abschluss machte er 1969 an der Schauspielschule Zerboni, an der auch Hans Clarin ausgebildet wurde.

          Mit Trophäe: Schauspieler und Unternehmer Horst Lettenmayer vergangene Woche in seiner Wohnung in Dachau.

          Für den freien Künstler folgten nun Werbeauftritte, dann kam der „Tatort“. Seine Augen fotografierte in einem Studio in München Peter Borsche, der Sohn des Schauspielers Dieter Borsche. „Ich musste durch einen Kartonstreifen schauen, mal nach links, mal nach rechts. Die Augen sollten unruhig umherblicken, auf der Suche nach einem Fluchtweg. Die Anweisung lautete: Frontalbedrohung!“

          Nach dem Einsatz für den „Tatort“ versuchte Lettenmayer vergebens, in der Schauspielerei Fuß zu fassen. Bis auf kleinere Engagements gelang der Durchbruch nicht. Nach sieben Jahren, die er sich als Frist gesetzt hatte, setzte er schließlich sein Studium fort und machte „mit Ach und Krach“ sein Examen.

          Nie sei es ums Geld gegangen, eher ums Prinzip

          Er gründete eine eigene Firma für Beleuchtungstechnik in Dachau, die er nun, mit 75 Jahren, an seine Tochter übergibt. Betrübt über seinen Werdegang ist er nicht. Die Lichtgestaltung habe ihn über seine Kunden, Theater und Galerien, auch immer wieder mit der Schauspielerei in Kontakt gebracht.

          Wenn er heute Krimis schaut, dann gerne die „Rosenheim Cops“, des Humors wegen. Den „Tatort“ schaut er nur sporadisch. Bienzle aus Stuttgart gefiel ihm gut, der Hamburger Ermittler Tschiller weniger – zu viel „Chicago-Anmutung“, zu viele Tote auf einen Schlag. Dass der Vorspann immer noch fast unverändert ist, freut ihn. Aber der Serie insgesamt stünde gerade auch bei den Schauspielern „mehr frisches Blut“ gut an, meint Lettenmayer.

          Seine juristische Auseinandersetzung mit dem Bayerischen Rundfunk hat er verloren. Lettenmayer stritt um eine größere Beteiligung. Damals habe man ihm gesagt, die 400 Mark seien nur für den Pilotfilm. Wenn die Serie komme, dann erhalte er auch einen Vertrag. „Daraus ist jedoch nie etwas geworden.“ Ums Geld sei es ihm, weil er finanziell unabhängig sei, nie gegangen, sagt er. Eher ums Prinzip.

          Doch auch diesen Streit hat er verwunden. Jetzt freut er sich, dass er für Freitagabend zur großen Gala als Ehrengast eingeladen wurde. Es hat sich für ihn alles zum Guten gewendet, seitdem er damals auf dem Flughafen für das deutsche Fernsehen hin und her rannte: „Ich bin ein glücklicher alter Mann.“

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