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Daniela Schadt im Gespräch : „Ich will das ordentlich machen“

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„Ja, meine Damen und Herren Kollegen: Es ist schön!“: Daniela Schadt im F.A.S.-Interview. Bild: Julia Zimmermann

Seit elf Monaten ist Joachim Gauck Bundespräsident, und seitdem heißt Deutschlands First Lady Daniela Schadt. In ihrem ersten großen Interview spricht sie über ihren Lebensgefährten, die Vorzüge eines engen protokollarischen Korsetts und die ewige Frage, ob sie Gauck heiraten werde.

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          Frau Schadt, Sie waren 25 Jahre Journalistin, jetzt geben Sie Ihr erstes großes Interview. Sind Sie aufgeregt?

          Ja, natürlich. Das ist doch sehr ungewohnt.

          Warum haben Sie so lange geschwiegen? Ihr Lebensgefährte Joachim Gauck ist seit bald elf Monaten Bundespräsident.

          Ich habe nicht geschwiegen. Ich war bei Veranstaltungen von Joachim Gauck dabei und hatte eigene Termine. Aber es ging zunächst nicht um mich, sondern um den Bundespräsidenten.

          Gehören Diskretion und die Bereitschaft, sich im Hintergrund zu halten, zu Ihrer Rolle?

          Ich habe mir abgewöhnt, mir ständig Gedanken über die Rolle zu machen. Aber eine gewisse Zurückhaltung gehört bestimmt dazu. Gewählt ist ein Bundespräsident - und dann gibt es jemanden an seiner Seite, der nicht im Zentrum des Geschehens stehen sollte. Das ist auch keine Gender-Frage. Er hat das Mandat, nicht ich. Ich finde eher erstaunlich, wie groß das Interesse an den Partnern von Politikern und Repräsentanten heutzutage ist.

          Journalisten betrachten das Amt des Bundespräsidenten oft als nachrangig, weil damit keine Macht im klassischen Sinn verbunden ist. War das bei Ihnen auch so?

          Nein. Bei der ersten Kandidatur 2010 hat es mir richtig Spaß gemacht, dass ein ganzes Land über das Amt des Bundespräsidenten diskutierte. Ist das ein Grüßaugust, der repräsentiert, gelegentlich einen Kranz ablegt und wieder verschwindet? Wir sind keine Präsidialdemokratie wie Frankreich oder Amerika, wo der Präsident die operative Politik bestimmt. Aber auch bei uns ist das Amt für das Machtgleichgewicht interessant. Jenseits von parlamentarischen Prozessen und Parteienkonkurrenz gibt es durch das Amt des Bundespräsidenten eine überwölbende Instanz.

          Hat es Ihnen Angst gemacht, wie gerade Joachim Gauck von den Medien hochgeschrieben wurde?

          Ja, das muss ich ehrlich sagen. Das hatte ich so noch nicht erlebt.

          Und jetzt? Wie finden Sie Ihren neuen Job?

          Interessanter, als ich mir ihn vorgestellt habe. Es ist etwas völlig Neues, und damit meine ich nicht nur die großen Empfänge wie kürzlich das Konzert aus Anlass von 50 Jahre Elysée-Vertrag. Interessant finde ich insbesondere die Aufgaben, die ich als Schirmherrin von Unicef, dem Müttergenesungswerk und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung von meinen Vorgängerinnen übernehmen durfte. Es war mir bis vor kurzem nicht klar, wie toll etliche Projekte und Initiativen sind, die diese Organisationen unterstützen.

          Bei einem Ihrer ersten Auftritte sagten Sie, nachdem Sie die Welt lange Zeit vom Schreibtisch aus betrachtet hätten, hätten Sie nun die Chance, sie direkter zu erfahren.

          Ich bin nicht mehr in der Rolle der Kommentatorin, die politische Prozesse und Entscheidungen bewertet, ich gehe hin und unterhalte mich mit den Leuten. Unlängst war ich bei der Veranstaltung des Vereins „Ambulante Sozialpädagogik Charlottenburg“, der Paten sucht für Kinder von psychisch kranken Eltern, sogenannte Verlässlichkeitsgeber. Wenn ein Elternteil einen schizoiden oder depressiven Schub bekommt, was man nie vorhersehen kann, wissen die Kinder, wo sie hinkönnen. Da kann man nicht sagen, ich mach’ das mal ein halbes Jahr, und außerdem passt es mir am Montag nicht, kann statt meiner vielleicht die Nachbarin übernehmen. Das ist eine ganz lange und verbindliche Verpflichtung, da gehört etwas dazu. Und dennoch gibt es Menschen, die diese Verantwortung übernehmen. Davor habe ich Hochachtung.

          Früher haben Sie Politiker interviewt. Jetzt dürfen Sie an vertraulichen Gesprächen mit Ministerpräsidenten teilnehmen und sitzen beim Staatsbankett neben Schimon Peres.

          Ja, meine Damen und Herren Kollegen (lacht): Es ist so schön! Sie sitzen mittendrin und haben nicht den Druck: Was schreibe ich jetzt? Es ist ein ganz normales Gespräch. Mit Schimon Peres zum Beispiel habe ich über seine Jugend in einer Art Kibbuz gesprochen. Darüber, dass er zunächst Landwirtschaft betrieb, wie Ben Gurion ihn entdeckte und wie er in die Politik gekommen ist. Da ist jemand 90 Jahre alt, hat viele Jahrzehnte israelischer Geschichte erlebt, und ich darf mir das einfach erzählen lassen.

          Daniela Schadt an ihrem Schreibtisch in Schloss Bellevue Bilderstrecke
          Daniela Schadt an ihrem Schreibtisch in Schloss Bellevue :

          Was war der bisherige Höhepunkt im neuen Leben?

          Sicherlich die Israel-Reise, aber auch Afghanistan. Ich war noch nie in einem Bundeswehr-Lager, habe noch nie mit Soldatinnen und Soldaten direkt an ihrem Einsatzort gesprochen. Außerdem war es eine große Freude, afghanische Abgeordnete und Vertreterinnen der Zivilgesellschaft zu treffen - sehr mutige, engagierte und selbstbewusste Frauen. Eine von ihnen berichtete zum Beispiel, wie sie sich in einer öffentlichen Diskussionsrunde von zwei Taliban eingerahmt fand, denen sie entschieden Paroli bot. Natürlich ist das nicht der Alltag in Afghanistan. Aber es ist ein Zipfel Wirklichkeit, von dem man hierzulande fast nichts weiß.

          Gab es Momente, in denen Sie sich über sich selbst geärgert haben? Haben Sie Fehler gemacht?

          Bestimmt. Aber meine Technik ist es, mir darüber keinen großen Kopf zu machen. Natürlich bereite ich mich vor. Ich will das auch ordentlich machen. Ich stehe ja nicht nur für mich, mein Verhalten fällt auf Joachim Gauck zurück oder auf das ganze Land. Aber wenn man sich vorher ausmalt, was alles schiefgehen kann, passiert bestimmt etwas. Im Vorfeld sah ich mich in meinen Albträumen mit High Heels und langem Kleid bäuchlings die Treppe von Bellevue heruntersegeln oder beim Staatsbankett den Rotwein umschmeißen über das Kleid einer königlichen Majestät. So etwas verunsichert. Meiner Erfahrung nach ist es besser, man geht beherzt in Situationen rein.

          Finden Sie, Ihre Vorgängerin Bettina Wulff hat übertrieben, als sie sich in ihrem Buch über die Fremdbestimmung und das enge Korsett beschwerte, in das einen Protokoll und Sicherheit zwängen?

          Natürlich gibt es ein Korsett, aber in vielen Fällen hat das auch einen guten Grund. Nehmen wir nur mal ein Zeitkorsett. Ich bin ein herzlich undisziplinierter Mensch und rede mich gerne fest. Wenn man mich da nicht loseist, müssen alle anderen warten. Die Damen und Herren vom Protokoll haben es also nicht immer ganz leicht mit mir, aber ich nehme ihren Rat gerne an. Ein Beispiel: Bei der Planung meines Neujahrsempfangs dachte ich anfangs, Stehtische seien lockerer als ein Defilee, das fände ich gut. Dann wurde mir zu bedenken gegeben, dass ich womöglich am ersten Tisch hängen bliebe und hinterher drei Leute begrüßt und dem Rest der Gesellschaft den Rücken gekehrt hätte. Das leuchtete mir ein. Also haben wir uns für das förmlichere Defilee entschieden.

          Haben Sie das Buch Ihrer Vorgängerin gelesen?

          Nein, noch nicht.

          Die Frau des Bundespräsidenten ist in Deutschland traditionell die Erste Charity-Lady des Landes. Hätten Sie darauf gerne verzichtet?

          Auch diese Erfahrung ist neu für mich, und sie ist schön, denn sie relativiert das Bild von einer Ellenbogengesellschaft, in der sehr viele Menschen nur an ihren Vorteil denken. Die Schirmherrschaften, die Besuche, aber auch die vielen Briefe, die hier ankommen: überall in der Republik setzen ungezählte Frauen und Männer ihre Zeit und ihre Kraft ein, um Probleme anzugehen - das ist schon bewegend! Unlängst war ich bei einer Preisverleihung „Jugend hilft!“ des Vereins „Children for a better World“, da hat die Gewinnerin des Vorjahres eine wunderbare Rede gehalten, ganz ohne Tremolo und Zuckerguss, aber unheimlich aufbauend. Ja, hat sie gesagt, es kommt vor, dass man sich die Finger wund wählt und nur Absagen erhält. Der Saal, den du mieten wolltest, hat einen Wasserschaden, ein wichtiger Termin droht zu kippen, nichts klappt. Und trotz etlicher solcher Erfahrungen zieht sie das Fazit: Sich für andere einzusetzen gibt eine Zufriedenheit, die das eigene Leben erhellt.

          Wo wollen Sie in Ihrer Arbeit Schwerpunkte setzen?

          Es sind Bildungschancen von Jugendlichen, die mich besonders interessieren. Früher habe ich zwar gern gespottet: „Bildung geht immer.“ Welcher Politiker würde je die Hand heben und sagen, er sei gegen Bildung? Aber heute sehe ich, dass der öffentliche Diskurs um Bildung schon noch Luft nach oben hat. Wir reden seit Jahren sehr viel über die frühkindliche Bildung, und das ist gut so. Aber was ist mit den jungen Leuten, wenn sie in die Pubertät kommen und nicht mehr so niedlich sind? Bei einem Jugendlichen mit Sicherheitsnadel durch die Nase fällt der affektive Zugang weniger leicht. Die Pubertät ist ohnehin eine schwierige Zeit, man ist in einer Orientierungsphase und nicht so gut drauf. Und gerade dann soll man Entscheidungen treffen, die das ganze Leben beeinflussen werden. Wer dann keinen Background hat, der ihn stützt . . .

          Wo sehen Sie da das Potential einer First Lady? Was können Sie bewirken?

          Man sollte das nicht überbewerten. Man kann Aufmerksamkeit schaffen, wenn sie noch nicht da ist, oder man kann sie stärken, wenn sie schon da ist. Aber nachdem jetzt unendlich viel über kleine Kinder geredet worden ist, während ältere fast hinten runtergefallen sind, bin ich daran interessiert, die Diskussion ein Stück zu erweitern.

          Was haben Sie vor?

          Ich bin keine Kultusministerin, und wir sondieren noch, auch in Gesprächen mit Bildungsforschern. Aber mal sehen, ob wir dazu beitragen können, dass eine größere Debatte über Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen in Gang kommt. Im Bildungssystem läuft seit Jahren einiges schief. Dabei herrscht an Theorien ja kein Mangel. Es hapert eher an der Umsetzung. Ganz grundsätzlich gilt: Wir müssen uns besonders um die Kinder kümmern, die zu Hause wenig unterstützt werden.

          Arbeiten Sie mehr oder weniger als früher?

          Anders. Es ist nicht so, dass man in meiner Funktion unentwegt Schwerstarbeit vollbringt. Aber an das Ungeregelte muss man sich schon gewöhnen. Es gibt Tage ganz ohne Termine. Es gibt Tage, da stehe ich um 6 Uhr auf und komme um 22 Uhr zurück, was aber nicht die Regel ist. Und dann gibt es Tage, da kommt vormittags ein Besucher, dann sitze ich zwei Stunden am Schreibtisch in meinem Büro, habe anschließend eine Besprechung, fahre, wenn sie zu Ende ist, nach Hause und ziehe mich um für den Abendtermin. Die Arbeit ist zerklüftet.

          Wie viele Termine können Sie selbst bestimmen, wie viele sind Pflicht?

          Ironisch gesagt: Weil es für meine Rolle keine Vorschriften gibt, könnte ich theoretisch auch beschließen, dass ich jetzt fünf Jahre zu Hause auf dem Sofa sitze, mir die Nägel poliere und Casting-Shows gucke (lacht).

          Nur zum Staatsbankett müssten Sie sich blicken lassen?

          Es gibt keinen Arbeitsvertrag oder Ähnliches, das mir vorschreiben würde: Zum Staatsbankett erscheinen Sie!

          Dafür sieht man Sie erstaunlich oft an der Seite des Präsidenten. Wollen Sie möglichst viel mitnehmen?

          Die erste Zeit diente der Orientierung: Wann ist es ein Affront, wenn ich nicht mitkomme, weil jemand denken könnte, ich fände den Termin nicht interessant? Wann ist es eher eine Belastung, wenn ich mitkomme, weil sich die Gastgeber womöglich ein Extraprogramm für mich ausdenken müssen? Beispiel Afghanistan. Ich wollte gerne mit, weil es nicht so aussehen sollte, dass unsere Soldatinnen und Soldaten da sitzen, aber der Bundespräsident lieber alleine kommt, weil es ja doch ein bisschen gefährlich zu sein scheint.

          Sie waren nicht nur neugierig, sondern wollten ein Zeichen setzen?

          Ja. Aber ich habe vorher bei der Bundeswehr nachgefragt und gebeten, wenn damit zu viel Aufwand verbunden wäre und sich alle die Haare raufen würden, möge man es mir bitte sagen. Irgendwann kam die Nachricht, man würde sich freuen. Ehrlich? Ja.

          Als politische Kommentatorin war es Ihr Beruf, Ihre Meinung öffentlich zu formulieren. Jetzt stehen Sie bei repräsentativen Terminen in der zweiten Reihe und schweigen. Wie schwer fällt Ihnen das?

          Überhaupt nicht. Um den Bundespräsidenten herum ist ja immer dieses Gedränge aus Menschen und Kameras, ich nenne das den Klops, da muss ich nun wirklich nicht unbedingt rein. Bei offiziellen Anlässen ist außerdem völlig klar, da geht es um ein Verfassungsorgan, damit habe ich kein Problem. Nur manchmal bei der morgendlichen Zeitungslektüre juckt es mich in den Fingern. Ich rege mich einfach wahnsinnig gerne auf über das Weltgeschehen. Und dann denke ich, jetzt würde ich gerne einen Kommentar schreiben.

          Lesen Sie die Reden des Bundespräsidenten, bevor er sie hält?

          Nicht ich alleine, um Gottes Willen. Und nicht alle. Aber wenn es wirklich um etwas geht, dann frage ich, ob ich auch mal gucken darf.

          Und Sie sagen ihm Ihre Meinung?

          Ich denke, das ist in einer Beziehung normal, dass man über die Dinge redet, die einen gerade beschäftigen. Aber es ist nicht so, dass ich souffliere, was der Bundespräsident zu sagen und zu tun hat. Das sind ganz normale Debatten, und zu meinem großen Leidwesen kann ich ihn nicht in jedem Fall überzeugen (lacht).

          Wie haben Sie sich praktisch organisiert? Sie standen Ihr ganzes Leben beruflich und finanziell auf eigenen Beinen. Bekommen Sie jetzt Haushaltsgeld? Haben Sie einen Vertrag aufgesetzt, was Rentenansprüche angeht?

          Das ist zunächst eine ungewöhnliche Situation. Aber schließlich kriegt man auch die geregelt.

          In den Vatikan durften Sie nicht mit: Das Protokoll wollte dem Papst ersparen, die Begleiterin eines Gastes empfangen zu müssen, der mit einer anderen Frau verheiratet ist. Wie war das für Sie?

          „Dürfen“ ist in dem Zusammenhang falsch. Dass ich mitfahre stand - ebenso wie bei einigen anderen Reisen - für mich nie zur Debatte. Ich habe schon im Vorfeld immer gesagt, bevor es kompliziert wird, bleibe ich hier.

          Würden Sie Joachim Gauck denn gerne heiraten?

          Im Gegensatz zu vielen anderen habe ich die öffentliche Debatte um unseren Familienstand nachvollziehen können, weil ich weiß, dass das für manche Menschen wirklich ein Problem ist. Aber es gilt weiter, was ich immer gesagt habe: Es ist ungewöhnlich, es ist für einige ein Affront, von uns allerdings nicht so gemeint, da wir ja kein bestimmtes Rollenmodell propagieren möchten. Es hat sich einfach ergeben. Aber da die Familie damit leben kann und da wir damit leben können, glaube ich, kann man das so lassen.

          Haben Sie noch ein Privatleben?

          Ja.

          Was machen Sie am liebsten, wenn Sie mal einen Tag frei haben?

          Ich habe hier eine sehr gute alte Freundin wiedergetroffen, die ich seit 1978 kenne und aus den Augen verloren hatte. Sie kennt sich sehr gut in Berlin aus, und ich freue mich, dass wir uns gefunden haben.

          Wie müssen wir uns das vorstellen? Man telefoniert sich zusammen und verabredet sich zum Essen? Oder setzt sich dann sofort der Apparat in Bewegung?

          Privat kann ich wirklich alles machen, ob mit Fahrrad, U-Bahn, Auto, Bus, zu Fuß. Das ist überhaupt kein Problem.

          Verraten Sie uns etwas darüber, wie Sie aufgewachsen sind.

          Ich komme aus einer Art Großfamilie. Ich habe zwar nur eine Schwester, aber meine Mutter hatte sieben Geschwister, und die lebten fast alle in Hanau. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Aber wenn wir zur Oma gingen, klingelte es, dann schaute ein Cousin vorbei, und dann klingelte es wieder, und es kamen zwei Tanten. Oder es hieß, wir machen Erdbeerbowle, und plötzlich saßen zwanzig Leute auf dem Balkon. Das war sehr behütet, aber auch lustig.

          Und ihre Eltern? War Ihre Mutter berufstätig?

          Nein, obwohl immer genügend Verwandte da waren, die uns Kinder hätten betreuen können. Mein Vater hatte eine kleine Lackfabrik.

          Sie sind als Journalistin Innenpolitikchefin gewesen in einer Branche, in der Frauen in Führungspositionen noch immer selten sind. Warum haben ausgerechnet Sie das geschafft?

          Ich habe das nicht „geschafft“ im Sinne von angestrebt und dann bekommen. Wie vieles im Leben ist es irgendwann mal so gekommen. Meine Arbeit hat mir immer wahnsinnig Spaß gemacht, ich habe mich hineingekniet, weil ich viele Fragen, mit denen ich mich beschäftigen musste, ohnehin total interessant fand. Wie funktioniert das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Mentalität und Interessen in einer Gesellschaft, wie die Kooperation oder der Konflikt zwischen Staaten? Wo hakt es und warum? Das wollte ich schon als Jugendliche wissen und habe es genossen, mit einem Bündel Zeitungen auf dem Boden zu sitzen, all diese Informationen in mich aufzusaugen, um dann mit anderen darüber zu diskutieren.

          Bitte erlauben Sie uns eine sehr persönliche Frage. Da führt ein Paar jahrelang eine Fernbeziehung, plötzlich gibt sie ihm zuliebe ihren Job auf, und beide ziehen nicht nur zusammen, sondern arbeiten auch ständig miteinander. Wie kann das gutgehen?

          Es ist kein Modell, das ich zur allgemeinen Nachahmung empfehle. Ein eigenständiges Leben ist schon sehr schön. Zu sagen, ich ziehe dem Partner hinterher, gebe alles auf, strecke die Füße von mir und behaupte, es wird schon - dafür muss es sehr gute Gründe geben. Aber bei mir war eine eigenartige, sehr spezielle Situation. Seien wir mal realistisch: Ich hätte doch nicht weiter bei der „Nürnberger Zeitung“ sitzen und am Wochenende nach Berlin fahren können. Oder wenn ich mir hier etwas gesucht hätte: Jeder Kommentar von mir wäre doch irgendwie dem Bundespräsidenten zugerechnet worden. Selbst wenn ich über Fußball geschrieben hätte! Früher stand mein Name unter dem Artikel, und jeder, der meine Meinung hirnrissig fand, konnte mir einen Brief schreiben - damit war ich gemeint und niemand sonst. Das wäre heute illusorisch.

          Eine Journalistin im Schloss

          Eine Journalistin im Schloss Daniela Schadt, 1960 in Hanau geboren, studierte Germanistik, Politik und französische Literatur in Frankfurt am Main. Nach einem Praktikum beim „Hanauer Anzeiger“ ging sie zur „Nürnberger Zeitung“, wo sie volontierte, 1992 Redakteurin wurde und zuletzt das Ressort Innenpolitik leitete.

          Ihren Lebensgefährten Joachim Gauck lernte sie 1999 in Nürnberg kennen, als der damalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen eine Ausstellung über den DDR-Geheimdienst eröffnete, und die Journalistin berichtete.

          Mit der Wahl Gaucks zum Bundespräsidenten im März 2012 gab sie ihren Beruf auf und zog mit in die Präsidentenvilla in Berlin-Dahlem. Schadt war nie verheiratet und hat keine Kinder. Die Schirmherrin von Unicef, Müttergenesungswerk und Deutscher Kinder- und Jugendstiftung ist unter anderem auch Patronin des Windsbacher Knabenchors und für die Special Olympics engagiert.

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