https://www.faz.net/-gum-99q2p

Rosamund Pike und Daniel Brühl in einer Szene des Films „7 Tage in Entebbe“. Bild: dpa

Daniel Brühl im Interview : „Die 40 nervt irgendwie“

  • -Aktualisiert am

Daniel Brühl über die Wehmut beim Älterwerden, seine Anfänge bei „Verbotene Liebe“ und seine Rolle als Terrorist in „7 Tage in Entebbe“.

          5 Min.

          Herr Brühl, „7 Tage in Entebbe“ ist der unter anderem mit Hollywood-Geldern finanzierte Film eines Brasilianers über die Flugzeugentführung im Sommer 1976. Eine Geschichte über deutsche und palästinensische Terroristen, jüdische Geiseln und das israelische Militär birgt auch 40 Jahre später noch Zündstoff. Haben Sie gezögert, diese Rolle anzunehmen?

          Ich war auf jeden Fall skeptisch. Das Thema ist brisant und hoch komplex. Deswegen habe ich mit dem Regisseur José Padilha viel gesprochen, noch bevor ich ihm für die Rolle zugesagt habe. Mir wurde dabei schnell klar, dass er nicht vorhatte, einen Propagandafilm aus dieser Sache zu machen. Ihm ging es darum, die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Einen Film über die heroischen israelischen Soldaten und die kaltblütigen Terroristen-Monster hätte ich tatsächlich nicht gedreht. Nur böse mit einer Kalaschnikow herumstehen hätte mich wirklich nicht interessiert.

          Der Film wird es trotzdem nicht jedem recht machen.

          Natürlich nicht. Egal, wie man es macht, wird man mit dieser Geschichte anecken. Das ist kein Rundum-Sorglos-Paket als Film, mit dem man alle umschmust. Sondern es wird auf allen Seiten Leute geben, die etwas gegen „7 Tage in Entebbe“ haben. Darauf habe ich mich von Anfang an eingestellt. Wenigstens macht man mal wieder etwas, bei dem es wirklich um etwas geht.

          Waren Sie denn mit dem Thema und der Zeit schon vertraut?

          Beim Stichwort Entebbe klingelte etwas. Aber wie so viele habe ich doch wieder einiges mit der Entführung der Landshut nach Mogadischu durcheinander gebracht. Ich hatte also Wissenslücken. Aber nicht zuletzt deswegen war ich auch so überzeugt von dem Film. Die Produzentin Kate Solomon und der Drehbuchautor Gregory Burke hatten sich so lange mit dem Thema Linksextremismus beschäftigt – man spürte wirklich, dass es ihnen um mehr ging als einen coolen Siebziger-Jahre-Actionthriller.

          Sie spielen den Terroristen Wilfried Böse, den Mitgründer der „Revolutionären Zellen“, der maßgeblich an der Entführung eines Airbus der Air France mit etwa 250 überwiegend jüdischen Passagieren nach Entebbe beteiligt war. Wie sehr können Sie sich in solche Radikalität hineinversetzen?

          Das bleibt eine Annäherung. Denn wenn es darum geht, den letzten Schritt zu gehen, also zur Waffe zu greifen und bereit sein zu sterben, hört mein Verständnis doch auf. In mir schlummert wirklich nichts Radikales und Extremes. Aber das kommt natürlich auch auf die Biographie und die Generation an. Aus mir wäre vielleicht auch etwas anderes geworden, wäre ich nicht in einer Zeit und in Umständen aufgewachsen, in der sich die Frage gar nicht stellte, radikal zu werden.

          Ein gewisses Verständnis ist aber durchaus vorhanden?

          Ja, und durchaus auch eine Empathie für die Grundmotivation. Dieser Impuls bei vielen damals in der Achtundsechziger-Generation, etwas gegen den verhassten Staat und dessen dunkle Vergangenheit zu unternehmen, ist ja nachvollziehbar. Aber dann über starkes politisches Engagement hinaus den Extra-Schritt zu gehen, bei dem man auch davon ausgehen muss, dass man sein Leben lässt? Da stoße ich doch an meine Grenzen.

          Ihre Filmpartnerin Rosamund Pike – sie spielt die Terroristin Brigitte Kuhlmann – hat erzählt, dass Sie ihr bei den deutschen Dialogen geholfen haben.

          Ja. Sie hatte zwar einen tollen Sprachcoach, aber ich fand mich auch oft in der Rolle des Deutschlehrers wieder. Das hat mir richtig Spaß gemacht, auch weil ich es meistens andersherum kenne, wenn ich englischsprachige Filme drehe. Es war bis zum Schluss nicht klar, ob die Produzenten sich aus Vermarktungsgründen trauen, eine Version mit deutschen Dialogen und Untertiteln ins Kino zu bringen. Deswegen haben wir jede Szene erst auf Deutsch und dann auf Englisch gedreht. Aber Rosamund und ich waren uns in jeder Szene einig, dass die deutsche Fassung die bessere war und die englische an Kraft verlor. Das sollte man später auf DVD mal im direkten Vergleich zeigen!

          Sie selbst dürften doch im Englisch nach jahrelanger Dreherfahrung keine Probleme mehr haben, oder?

          Natürlich gibt es immer mal Unsicherheiten oder Stolperer. Nicht bei den großen Worten, sondern bei den Kleinigkeiten. Aber insgesamt ist mein Englisch schon sehr gut geworden. Ich finde es schön zu spüren, dass das Gehirn selbst in meinem Alter noch etwas ranschaffen kann. Wobei nichts so sehr hilft wie intensive Zeit, die man mit Muttersprachlern verbringt. Während der Arbeit an der Serie „The Alienist“ habe ich zum Beispiel sechs Monate lang nur Englisch gesprochen. Da wird der Wortschatz immer größer, und man fühlt sich stetig sicherer.

          Im Juni werden Sie 40 Jahre alt.

          Ja, die 40 nervt irgendwie. Natürlich ist es eigentlich Quatsch, das Leben numerisch in Dekaden zu unterteilen, man sollte ganz andere Abschnitte nehmen. Aber ich kann mich dem dann doch nicht entziehen. So wie ich an Weihnachten und Silvester ganz wehmütig werde. Der 1. Januar, wenn alles von vorne losgeht, ist für mich immer ein ganz schlimmer Tag. Obwohl ich weiß, dass das eigentlich nichts bedeutet. Die Woche vor meinem 40. Geburtstag werde ich also mit Sicherheit eher etwas muffelig gestimmt sein.

          Ziehen Sie eine positive Bilanz?

          Ja, vor allem, was die Familie angeht. Auch weil der Job gerade ein bisschen weniger wichtig wird. Ich kann durchaus ein sehr negativer, fast destruktiver Mensch sein, der zu selbstkritisch ist. Inzwischen habe ich aber festgestellt, dass ich zu oft zu viel Zeit mit den falschen Gedanken verbracht habe. Heute merke ich, dass vieles am Ende auch egal ist. Und das hat natürlich viel mit dem kleinen Racker zu tun, den ich jetzt zu Hause habe. Das ist ein sehr gutes Gefühl. Die 40 kann also kommen.

          Ihre Kolleginnen werden immer gern gefragt, wie sie Kind und Karriere unter einen Hut bringen. Dabei gilt die Frage für Väter wie Sie ja genauso.

          Sicher. Plötzlich spielen andere Faktoren in die Entscheidungen hinein, wenn es um Rollenangebote oder Reisen geht. Bislang ist mein Sohn noch so klein, dass wir noch flexibel sind. Aber bald ist das ein echtes Thema. Das finde ich aber auch gut. Dann muss ich eben nicht mehr alles machen. Brauche ich dann auch nicht mehr. Mit Anfang 20 habe ich noch fast alles zugesagt, weil ich Angst hatte, etwas zu verpassen. Das ist jetzt definitiv anders.

          Bereuen Sie Entscheidungen von damals?

          Nein, ich habe mir auch damals schon genau überlegt, was ich machen will. Aber ich war sehr begeisterungsfähig. Ich war flexibel, und es hat Spaß gemacht, ständig unterwegs zu sein. Das hat sich schon verändert. Man macht sich mehr Gedanken, wie man seine Zeit verbringen will. Und ich bin dann eben im Zweifelsfall mittlerweile doch lieber bei meiner Familie, als dass ich an Sets in einem Wohnmobil herumhocke. Obwohl ich gleichzeitig beruhigt bin zu spüren, dass ich noch für meinen Job brenne und keine Altersroutine eingetreten ist.

          Wobei die Routine nicht verwunderlich wäre. Im kommenden Jahr ist es 25 Jahre her, dass Sie das erste Mal vor der Kamera standen.

          Klingt echt hart, oder? Daran musste ich neulich schon denken, als ich morgens, noch ganz verpennt, auf der Internet Movie Database entdeckte, dass sie mir ein Mini-Porträt gewidmet hatten. Das sind so kleine Clips von ein oder zwei Minuten, in denen Schauspieler vorgestellt werden. Für mich hatten sie die unglaublichsten Dinge ausgegraben. Sogar einen Ausschnitt aus „Verbotene Liebe“ von 1995. Unfassbar, wie ich da aussah, mit Mittelscheitel und langen Haaren! Hatte ich vollkommen verdrängt. Aber das hat mir mal wieder gezeigt, wie lange ich schon in diesem Beruf bin. Wie meine Freundin Julie Delpy beim letzten Europäischen Filmpreis so schön gesagt hat: Die Tatsache, dass man überhaupt noch da ist, muss man auch zu schätzen wissen. Ich klopfe auf Holz, dass ich nach 25 Jahren noch arbeiten darf.

          Daniel Brühl und Lebensgefährtin Felicitas Rombold bei der Berlinale

          Gab es denn in all der Zeit auch mal Phasen, in denen das Feuer für die Schauspielerei nicht so intensiv brannte?

          Ja. Ich wollte immer raus aus Deutschland und in Amerika meinen Fuß in die Tür kriegen. Das habe ich geschafft. Trotzdem macht man natürlich auch ein paar Dinge, bei denen man merkt, dass die nicht so dolle waren. Die dämpfen auch mal den Enthusiasmus. Aber das gehört eben dazu, das Scheitern ebenso wie das Hineinstürzen in Dinge, aus denen dann nichts wird. Das ist das Spannende an diesem Beruf, der von so vielen Faktoren abhängt, die man nicht voraussehen kann. Auf diese kleinen Abenteuer habe ich nach wie vor Bock.

          Wie sind Sie als Jugendlicher überhaupt bei „Verbotene Liebe“ gelandet?

          Da ging es für mich vor allem drum, meine ersten Brötchen zu verdienen. Was cool war, weil ich mir tatsächlich mein erstes eigenes Mountainbike kaufen konnte von dem Geld. Aber ich hatte noch nicht ernsthaft die Ambitionen, Schauspieler zu werden. Das war damals in Köln eine kleine Welt. Die Serie war eine WDR-Produktion. Irgendwer muss mich da empfohlen haben, weil er mich über meine Hörspiel-Jobs oder meine Familie kannte – mein Vater war Fernsehregisseur beim WDR. In einer Agentur für Kinderschauspieler war ich auch schon vertreten. „Verbotene Liebe“ war mein erster echter Job: Ich spielte einen schwierigen Jungen von der Straße namens Benji, mit schlechter Lederjacke und einer Ratte auf der Schulter. Nach einigen Folgen wurde mir das allerdings zu bunt, und ich bin ausgestiegen. Ich weiß gar nicht mehr, ob sie mich haben sterben oder nach Australien auswandern lassen. Für mich war nur wichtig, dass ich nicht wiederkommen muss.

          Zur Person

          Seine zweite Tapas-Bar in Berlin musste er zwar im vergangenen Jahr schließen – doch ansonsten läuft es gut bei Daniel Brühl. Seit anderthalb Jahren sind seine Lebensgefährtin und er glückliche Eltern eines Sohns, und beruflich ist der Wahl-Berliner, der am 16. Juni 40 Jahre alt wird, präsent wie lange nicht. Auf Netflix ist gerade seine neue Serie „The Alienist – Einkreisung“ angelaufen, in der er an der Seite von Luke Evans und Dakota Fanning die Hauptrolle spielt. Im Kino ist er von diesem Donnerstag an als Terrorist Wilfried Böse in „7 Tage in Entebbe“ zu sehen. (F.A.Z.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          F.A.Z. exklusiv : Wie die Krise Familien verändert

          Zwischen Verzweiflung und Glück: 25.000 Familien sind in einer Studie befragt worden, wie sie die Corona-Krise erleben. Welche Familien hart getroffen sind – und für welche die Krise eine Erleichterung ist.
          Eine Frau demonstriert in Minneapolis gegen die brutale Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in Amerika

          Polizeigewalt in Amerika : „Ein wiederkehrender Alptraum“

          Wieder ist ein Afroamerikaner nach einem brutalen Polizeieinsatz gestorben. Die beteiligten Beamten aus Minneapolis in Minnesota wurden entlassen. Ähnliche Fälle gehen häufig straflos aus.
          Schwere Zeiten: auch in der sonst so florierenden Metropole Frankfurt muss künftig gespart werden.

          Frankfurter Haushalt : Kassensturz im Krisenmodus

          Im Herbst will die Römerkoalition entscheiden, wie sie auf Steuereinbruch und Haushaltsloch reagiert. Gedanken machen müssen sich Magistrat und Stadtverordnete aber jetzt schon.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.