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„Cumhuriyet“-Prozess : Canim Babam – mein lieber Vater!

  • -Aktualisiert am

Muratcan Sabuncu ist der Sohn des Chefredakteurs der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“, Murat Sabuncu. Unermüdlich ist er im vergangenen Jahr durch Europa gereist, um Solidaritätsveranstaltungen für die inhaftierten Journalisten von „Cumhuriyet“ zu organisieren. Bild: privat

Nach fast neun Monaten Untersuchungshaft steht in Istanbul nun der Chefredakteur der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“ vor Gericht. Für FAZ.NET hat der Sohn von Murat Sabuncu nun einen Brief an seinen Vater geschrieben.

          Nach fast neun Monaten Untersuchungshaft hat in Istanbul am Montag endlich euer Prozess begonnen. Seit neun Monaten bist du im Gefängnis Silivri inhaftiert, du, der Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“, eine der wenigen verbliebenen kritischen und angesehenen Stimmen in den türkischen Medien, und elf deiner Kollegen aus der Zeitung.

          Ihr habt in dieser Zeit erlebt, was Isolation bedeutet. Familienangehörige und der Anwalt dürfen euch jeweils eine Stunde in der Woche besuchen. In zwei Wochen darfst du einmal zehn Minuten telefonieren, alle zwei Monate dürfen dich auch andere besuchen. Du darfst keine Briefe aus dem Gefängnis schicken, und du darfst auch keine empfangen. Daher schreibe ich dir diesen Brief von dem Platz deiner Kolumne in der Zeitung, die seit deiner Verhaftung verwaist ist und die schweigen soll. Die längere Fassung dieses Briefs, der aus Solidarität mit dir in der F.A.Z. erscheint, wirst du aber nicht sehen können.

          Schlagzeilen, Nachrichten, Berichte und Meinungskolumnen

          Erst nach fünf Monaten Untersuchungshaft habt ihr die Anklagepunkte gegen euch herausgefunden. Ihr werdet beschuldigt, Verbindungen zu diversen Terrorgruppen zu unterhalten. Dafür könnt ihr zu Haftstrafen von siebeneinhalb Jahren bis 43 Jahren verurteilt werden. Wer aber in der Anklageschrift blättert, kann nichts anderes finden als Schlagzeilen, Nachrichten, Berichte und Meinungskolumnen aus der Zeitung sowie Tweets. Wir alle wissen, dass der Prozess nicht auf die Journalisten und Angestellten von „Cumhuriyet“ zielt, sondern auf den Journalismus und die Pressefreiheit.

          Ich habe als Student mein viertes Jahr an der Sorbonne Law School beendet. Weil du in Haft bist, kann ich das, was ich theoretisch gelernt habe, nun in der Türkei praktisch anwenden. Deinetwegen habe ich die erste Anklageschrift gründlich gelesen, habe ich das erste Mal ein Gefängnis besucht und wohne ich nun das erste Mal einem Prozess bei. Nennen wir das einfach „Sommerpraktikum“ und lächeln dazu!

          Ich gebe zu, ich freue mich darauf, deiner Verteidigung und deiner Erwiderung auf die Klage zuzuhören. Ich frage mich nicht, was du auf die Anklagepunkte antworten wirst. Wir wissen, dass die Antwort auf jeden Punkt „Pressefreiheit“ lauten wird. Ich will dir zuhören, um aus dem, was du sagst, zu lernen und es weiterzugeben, um meine Menschlichkeit und Empfindungen einen Schritt nach vorne zu bringen. Ich weiß um die Ironie, dass deine Verteidigung am 24. Juli auf den „Tag der Journalisten und der Presse“ in der Türkei fällt. Mit Freude feiern können wir den Tag aber nicht. Deine Verteidigung wird jedoch der Mauer für den Kampf um die Pressefreiheit einen weiteren Stein hinzufügen. Wir kennen die Geschichten der Journalisten und was sie allem ausgesetzt waren – Zensur, Druck, Drohungen, Arbeitslosigkeit, Haft, sogar dem Tod. Seit ich ein Kind war, habe ich als Beobachter diese Geschichten von dir und deinen Freunden verfolgt. Und heute bin ich Zeuge einer Geschichte, wie mein Vater und seine Freunde Geschichte schreiben.

          Überall auf der Welt bringen Journalisten Licht in Geschichten, die sonst in der Dunkelheit bleiben. In der Türkei versuchen wir nun, dass unsere Journalisten nicht vergessen werden, die im Gefängnis sitzen, und wir erzählen die Geschichte von diesen mehr als 150 verhafteten Journalisten. In dieser Woche bin ich im Çaglayan-Gerichtsgebäude nicht nur als dein Sohn, lieber Vater, sondern auch als junger Leser von „Cumhuriyet“ und als ein Bürger, der seine Informationsfreiheit schützen will. Wie ich ist hier im Gerichtsgebäude von Çaglayan jeder Bürger, der glaubt, dass wir nur dank der Freiheit der Presse, die die Grundlage aller Rechte und Freiheiten ist, gute und sinnvolle Entscheidungen treffen können. Jene, die solidarisch mit dir sind, jene, die für Gerechtigkeit kämpfen, und jene, die den Mut haben, heute die Wahrheit zu sagen, sprechen sich auch in der Zukunft für die Demokratie und die Menschenrechte aus.

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          Ein Jahr nach der Gründung der Republik, die auf Türkisch Cumhuriyet heißt, wurde die Tageszeitung mit dem gleichen Namen gegründet. Sie hat die gesamte Geschichte der Republik Türkei erlebt. Ich bin mir sicher, dass unsere Zeitung und unsere Republik stärker werden – trotz des Ausnahmezustands, trotz des Präsidialsystems, trotz der eingeschränkten Grundrechte und Freiheiten. Du und deine Freunde, lieber Vater, ihr müsst überzeugt sein, dass wir, die türkische Jugend, uns unserer Verantwortung gegenüber der Zukunft unseres Landes bewusst sind. Auch wenn viele Menschen behaupten, dass die Türkei ihre Verbündeten verliert und sich isoliert, kämpfen die türkischen Demokraten Hand in Hand mit Menschen aus aller Welt für Gerechtigkeit für alle. So gewinnen die Türken Freunde, mit denen sie die gleichen humanistischen und demokratischen Werte teilen. Darüber hinaus soll dieser Prozess zu einer Orientierung und zur Hoffnung für alle die Länder werden, die eine ähnliche Erfahrung machen wie wir in der Türkei. Der Prozess in Istanbul ist ein Zeichen der starken Bindungen zwischen Ländern und Nationen, deren Herzen für Toleranz, Pluralismus und Demokratie schlagen.

          Wir, die türkische Jugend, werden die Architekten des Wandels sein. Was wir heute erleben, sind Meilensteine für die wirkliche Demokratie in der Zukunft. Meine herzliche Dankbarkeit dir und deinen Freunden in Silivri, und der Wunsch für einen fairen Prozess und Gerechtigkeit für alle.

          Ellerinden öperim, ich küsse deine Hand!

          Oglun Muratcan, Dein Sohn Muratcan

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