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Côte d'Azur : Russisches Villen-Roulette

  • -Aktualisiert am

Für 496 Millionen Euro wechselte die Villa Léopolda den Besitzer Bild: dpa

496 Millionen Euro für eine Villa an der Côte d'Azur: Milliardäre aus Moskau halten das für angemessen. Bei Einheimischen sind die Neureichen beliebt - weil sie cash bezahlen.

          5 Min.

          Mit ein paar hundert Millionen Euro kann man einiges anstellen. Möglichkeit A: Man überweist sie im Morgengrauen versehentlich an eine gerade pleitegegangene amerikanische Investmentbank. Wenn man Pech hat, wird man fortan von der Boulevardpresse als „Dumm-Banker“ beschimpft und muss um seine Pension fürchten.

          Erheblich eleganter lässt sich ein so hübsches Sümmchen in einen Zweitwohnsitz an der Côte d'Azur investieren, Möglichkeit B. Wie man so etwas diskret erledigt, bewies ein vermutlich russischer Geschäftsmann Anfang August. Da wurde vermeldet, die „Villa Léopolda“ in Villefranche-sur-Mer, einst Feriensitz des belgischen Königs Leopold II., sei für die Summe von 496 Millionen Euro veräußert worden.

          Nie wurde für eine „Wohnimmobilie eine höhere Summe bezahlt

          Angeblich sei der Kaufvertrag bei einem Notar in Nizza abgeschlossen worden, berichtete das Regionalblatt „Nice-Matin“. Noch nie wurde für eine „Wohnimmobilie“ eine höhere Summe bezahlt. Bislang hielt diesen Rekord der indische Stahlbaron Lakshmi Mittal, doch der hatte im vergangenen Jahr für eine Villa in London nur vergleichsweise läppische 147,28 Millionen Euro auf den Tisch legen müssen. Nun hatte sich die Witwe des libanesisch-brasilianischen Milliardärs Edmond Safra, der 1999 unter mysteriösen Umständen in Monaco verbrannt war, durch die Summe dazu verlocken lassen, die Villa samt ihrer großen Gärten in den Hügeln über Nizza zu veräußern.

          Neuer Besitzer soll Michail Prochorow sein.

          Lily Safra hatte das Anwesen von ihrem Mann geerbt, der wiederum die Villa einst dem Fiat-Boss Gianni Agnelli abgekauft hatte, zu Zeiten, als die Immobilienpreise in diesem Abschnitt der Côte d'Azur noch nicht den Militäretat von Kleinstaaten übertrafen. In den fünfziger Jahren war die Villa ein beliebter Party-Ort des Jetsets. Agnelli bewirtete schon Ronald Reagan und Frank Sinatra.

          Fabelhafter Reichtum

          Der Name des neuen Besitzers blieb zunächst im Dunkeln. Gemunkelt wurde, dass es sich um den russischen Öl-Milliardär Roman Abramowitsch handele. Abramowitsch hatte sich am Cap d'Antibes zuvor bereits das Château de la Croé gesichert - für eminent bescheidene zwanzig Millionen Euro. Der fabelhafte Reichtum des FC-Chelsea-Besitzers führt inzwischen dazu, dass er sofort als Käufer gehandelt wird, wann immer irgendwo auf der Welt eine milliardärgerechte Yacht gebaut oder ein überteuertes Ferienhaus verkauft wird.

          Im Fall der Villa Léopolda hatte Abramowitsch seine Goldfinger jedoch gar nicht im Spiel - was möglicherweise daran lag, dass er momentan zu beschäftigt ist. Er streitet sich seit Monaten mit dem Bürgermeister von Antibes, Jean Leonetti, und dem Präfekten des Départements Alpes-Maritimes, Dominique Vian, und zwar darüber, ob er an seinem Meergrundstück einen Anlegesteg für seine Yachten ausbauen darf. Letzter Stand der Affäre: Er darf nicht.

          Wie schaffen es die Russen, derart viel Geld anzuhäufen?

          Stattdessen, so meldete die Zeitung „Nice-Matin“ einige Tage nach den ersten Berichten über den Verkauf, soll sein kaum minder schillernder Landsmann Michail Prochorow die Villa Léopolda erworben haben. Der 43 Jahre alte Russe war einst Generaldirektor des Minenkonzerns Norilsk Nickel. Nach einigen Berufsjahren ergab sich aus dieser Tätigkeit ein Privatvermögen, das auf 13,5 Milliarden Euro geschätzt wird. Fragt sich jemand, wie diese milchgesichtigen Russen es schaffen, in kurzer Zeit derart viel Geld anzuhäufen?

          Die Grundidee funktionierte lange Zeit ungefähr so: Man suchte sich in einem Staatskonzern einen Job, der die Verantwortung für den Verkauf von Rohstoffen mit sich brachte. Diese vertickte man zu den üblichen innerrussischen Niedrigpreisen an eine Zweitfirma, die man rasch irgendwo gegründet hatte. Über diese Zweitfirma verkaufte man die Rohstoffe dann auf eigene Rechnung zu Weltmarktpreisen weiter. Auf diese Weise kommt man, wenn alles glattläuft, zu ein paar Milliarden, einem Schloss an der Côte d'Azur und einem Fußballclub in der Premier League. Wenn man Pech hat, landet man in einem sibirischen Straflager wie Michail Chodorkowskij.

          Prochorow dementiert den Kauf

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