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Verlorenes Schuljahr : Fernab des Fernunterrichts

Das ging nicht lange gut: Ein Schüler macht sich im November in Rio de Janeiro auf den Weg zum Unterricht – nun sind die Schulen wieder geschlossen. Bild: Getty

Millionen von Schülern in Lateinamerika haben den Schulunterricht im vergangenen Jahr verpasst – die meisten, weil sie arm sind.

          3 Min.

          Schule zu, Kinder zu Hause, Arbeitsplatz zu Hause – Geduld am Ende. Auch in Brasilien kennt man das. Nur wurden die Schulen dort schon im März geschlossen. Und sie blieben es bis heute. Wie es im Februar nach den großen Ferien weitergeht, weiß keiner. Und dennoch sind das Luxusprobleme einer Minderheit in Brasilien. Ihre Kinder gehen an teure Privatschulen, die rasch auf Homeschooling umsatteln und ihre Schüler seither am Computer einigermaßen unterrichten konnten, als die Pandemie anrollte. Die große Mehrheit in Brasilien mit seinen 210 Millionen Einwohnern und im restlichen Lateinamerika kämpft mit ganz anderen Problemen als lahmen Internetverbindungen: Schule zu, kein Internet, kein Unterricht, kein warmes Mittagessen – und ein verlorenes Schuljahr.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Corona-Krise wird die Bildung in Lateinamerika und der Karibik um Jahrzehnte zurückwerfen, befürchten Fachleute. Das Kinderhilfswerk Unicef veröffentlichte schon Ende des vergangenen Jahres einen Bericht, in dem es die Ausmaße und möglichen Folgen aufzeigte. 137 Millionen oder 97 Prozent aller Schüler in Lateinamerika und der Karibik sind laut des Berichts seit März nicht wieder in den Unterricht zurückgekehrt. Die Anzahl der verlorenen Schultage war im vergangenen Jahr in der Region rund viermal so hoch wie im Durchschnitt auf der ganzen Welt. Die meisten lateinamerikanischen Schüler haben praktisch ein gesamtes Schuljahr verloren. Die Mehrzahl der Länder hat kein Datum für die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts. Je nach Ausmaß der zweiten Welle, die Lateinamerika derzeit erfasst, werden viele Schulen vorerst weiter geschlossen bleiben.

          Internetzugang allenfalls auf dem Handy

          Obwohl alle Schüler von den Schulschließungen betroffen sind, haben es Kinder aus reichen Familien und mit gut ausgebildeten Eltern leichter, den Unterricht auch von zu Hause aus zu verfolgen. Schülern aus ärmeren Bevölkerungsschichten ist das nicht möglich. Erst einmal vergingen Monate, bis auch die öffentlichen Schulen Fernunterricht anzubieten begannen. Die größte Schwierigkeit liegt darin, dass es vielen Schülern zu Hause an der nötigen Ausrüstung für Fernunterricht fehlt. Internetzugang haben sie allenfalls auf dem Handy. Meist ist auch die Wohnsituation nicht für Homeschooling geeignet. In der Regel arbeiten zudem die Eltern auswärts und können die Kinder nicht betreuen. Schon die fehlende warme Mahlzeit in der Schule hat Auswirkungen für Millionen Schüler aus armen Verhältnissen und deren Familien.

          Zwar haben einige Regierungen und örtliche Behörden sowie Organisationen Programme lanciert, um Schulunterricht über Radio, Fernsehen oder Internet anzubieten. Doch trotz dieser Anstrengungen kommt nur jeder zweite Schüler an öffentlichen Schulen in den Genuss von Fernunterricht, während es bei den Privatschülern mehr als drei Viertel sind. Die Zahl der Schüler, die in den vergangenen Monaten keine Bildung bekommen haben, ist indes im vergangenen Jahr von vier auf 18 Prozent gewachsen. Nach Unicef-Angaben müssten Behörden und Private gemeinsam die Angebote und den Zugang für die arme Bevölkerung über die Pandemie hinaus verbessern. Für viele ist es schon zu spät. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen geht davon aus, dass rund drei Millionen Schüler in Lateinamerika und der Karibik die Schule in diesem Jahr nicht fortsetzen werden. Viele von ihnen werden sich wohl eine Arbeit suchen.

          Chancen für ärmere Schüler sinken

          Einen statistischen Blick in Brasiliens unterste Einkommensschicht ermöglicht das Forschungsinstitut Data Favela, das sich auf Erhebungen in den vielen Armenvierteln spezialisiert hat. Laut einer Untersuchung haben in den Favelas während der Pandemie nicht einmal die Hälfte aller schulpflichtigen Kinder den Unterricht verfolgt. Drei Viertel aller Eltern machen sich Sorgen um die Schulbildung ihrer Kinder. Und fast die Hälfte aller Schüler in den Favelas denkt darüber nach, den Unterricht abzubrechen, falls er auf Distanz nicht möglich ist. Das vergangene Jahr hat nicht nur viele Lateinamerikaner in die Armut zurückgeworfen und die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft, sondern auch im Bereich der Bildung die Armen wesentlich benachteiligt. Ihre Chancen, die Sekundarschule zu erreichen und einen Abschluss zu machen, sinken im Vergleich zu gleichaltrigen Schülern an den Privatschulen und aus Haushalten mit höherer Bildung weiter.

          Unicef drängt schon seit dem vergangenen Jahr auf eine Rückkehr der Kinder in die Schulen. Wenngleich die Situation der Pandemie unterschiedlich sei in den verschiedenen Ländern der Region, müsse die Wiederöffnung der Schulen für die Regierungen Priorität haben. Dazu müssten die Anstrengungen, die Schulen auf die Rückkehr zum Präsenzunterricht vorzubereiten, verstärkt werden. Für viele öffentliche Schulen bedeutet das jedoch mehr als Alkoholspender zu verteilen und die Lehrer zu schulen.

          Es fehlt an grundlegenden Dingen. So steht in Lateinamerika in einer von sechs öffentlichen Schulen kein fließendes Wasser zur Verfügung. Viele Eltern haben Angst, ihre Kinder zurück in die Schule zu schicken. Da sind wieder die Privatschulen im Vorteil. Sie lassen sich seit Monaten von renommierten Krankenhäusern beraten, um den Schulbetrieb so sicher wie möglich wiederaufnehmen zu können – sobald die Behörden das erlauben.

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