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Corona in armen Regionen : Ohne Arbeit hungert die Familie

In Bangladesch fürchten viele nicht nur das Coronavirus, sondern auch Hunger. Bild: AFP

Bei dem katholischen Hilfswerk Missio in Aach gehen verzweifelte Hilferufe aus Ländern der Dritten Welt ein. Wenn die Menschen dort wegen der Eindämmungsmaßnahmen nicht mehr arbeiten können, haben sie nichts zu essen.

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          Seit sich das Coronavirus im globalen Süden ausbreitet und die Regierungen dort Maßnahmen zur Eindämmung verordnen, gehen beim katholischen Hilfswerk Missio in Aachen verzweifelte Hilferufe aus Ländern der Dritten Welt ein. So schreibt etwa der Bischof der Diözese Khulna in Bangladesch, arme Familien, Ältere und Witwen fürchteten, sie könnten nicht nur wegen Covid-19 sterben, sondern auch wegen Hunger.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          In der drittgrößten Stadt von Bangladesch darf man nicht das Haus verlassen und für den Unterhalt der Familie arbeiten. Die Diözese habe daher ein Projekt auf die Beine gestellt, um Nahrungsmittel und den Bedarf für 1200 besonders gefährdete Menschen bereitzustellen. Für sie finanziert nun Missio als Soforthilfe Lebensmittelpakete und Hygiene-Kits. Die örtliche Verwaltung aber, klagen die Betroffenen, starte nur wenige Hilfsaktionen.

          Ein anderer Hilferuf aus dem südindischen Bundesstaat Karnataka bittet um Unterstützung für ein Projekt mit Lebensmittelpaketen für 600 Familien. In der rückständigen Region sind Kinderarbeit, Mangelernährung und soziale Missstände verbreitet, 85 Prozent der Erwerbstätigen verdingen sich als Tagelöhner. Ein bis zwei Euro verdienen sie am Tag. Viele leiden nun seit dem Lockdown, den die Zentralregierung verhängt hat, unter akutem Nahrungsmangel, schreibt die örtliche Caritasorganisation. Missio unterstützt mit einer Soforthilfe auch dieses Projekt.

          Das sind nur zwei Projekte von vielen, die Missio auf den Weg bringt, um in Ländern zu helfen, in denen die Einschränkungen zur Eindämmung des Sars-CoV-2-Virus die Menschen ganz anders treffen als in Deutschland. Dirk Bingener, der Präsident von Missio, sagt: „Wenn die Menschen in armen Ländern nichts mehr zu arbeiten haben, dann hungern sie.“

          Missio hat einen Fonds für Soforthilfe aufgelegt

          Berechtigt sind daher die großen Sorgen über die Ausbreitung des Virus in diesen Ländern. Oberstes Gebot sei es, die Lebensmittelversorgung der gesamten Bevölkerung, vor allem der Armen, zu sichern. Nur dann können die vorgeschriebenen Maßnahmen auch wirken. Viele Projekte klären zudem über die Notwendigkeit von Hygiene auf. Wenn die kirchlichen Schulen geschlossen sind, finden auch keine Schulspeisungen mehr statt. „Für die Familien, die darauf angewiesen sind, müssen wir das, was wir bisher für den Unterhalt der Schulen ausgegeben haben, dafür aufwenden, um den Familien Lebensmittel zu geben“, sagt Bingener.

          Im vergangenen Jahr hatte Missio ein Projektbudget von rund 40 Millionen Euro. Nun hat die Hilfsorganisation zusätzlich für Soforthilfen in der Corona-Krise einen Fonds von 1,5 Millionen Euro aufgelegt, um Anfragen von Partnern erfüllen zu können. Man müsse zügig helfen, fordert Bingener. Die Situation werde in den betroffenen Ländern schwieriger.

          Missio kann rasch handeln, weil die Hilfsorganisation in 70 Ländern mit bewährten Partnern zusammenarbeitet. Allein in Afrika betreibt die katholische Kirche 7300 Krankenhäuser, 2400 Alters- und Pflegeheime sowie 45.000 Schulen und Kindergärten. Missio unterstützt diese Strukturen. In der Krise zahlt sich nun aus, dass man sich seit langem kennt. „Wo staatliche Strukturen nicht mehr greifen, sind die Strukturen der Kirche umso wichtiger“, sagt Bingener. Das gilt vor allem für das Gesundheits- und Bildungswesen, aber auch für die Sozialstationen, die oft an die Gemeinden angeschlossen sind. So seien die Partner derzeit nicht nur Seelsorger, sondern auch Sozialarbeiter und Krisenmanager.

          Kirche als Anwalt

          Der Einsatz für die besonders Verwundbaren bedeutet auch, dass die Kirche politische Lobbyarbeit leistet. „Sie muss Anwalt derer sein, die in dieser Krise schutzlos sind“, sagt Bingener. Den Entscheidungsträgern müsse klar sein, wie die Maßnahmen wirkten. In vielen Ländern der Dritten Welt gilt das Wort der Bischöfe viel, auch das der islamischen Würdenträger. Die Kirche sei sich der Verantwortung bewusst, angesichts von Corona für den Frieden in verschiedenen Ländern mitverantwortlich zu sein. Er hoffe, auch die Politik verstehe, dass die Kirche ein zivilgesellschaftlicher Akteur sei und dass eine Beteiligung der Zivilgesellschaft an den großen Herausforderungen nötig sei.

          In den vergangenen Wochen hatten zunächst Partner aus der ganzen Welt besorgt gefragt, wie es den Menschen hier in Deutschland gehe und was sie für sie tun könnten, beobachtet Bingener. Da hatte sich die Perspektive einmal umgedreht. Das war, bevor das Virus die armen Länder traf. Heute aber sei Soforthilfe für die Ärmsten das Gebot.

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