https://www.faz.net/-gum-9ylsu

Interview mit Leserin : „Ein Großteil der Bevölkerung ist nicht im Homeoffice“

Alle an einem Tisch zuhause: Die malenden Kinder und die arbeitenden Eltern Bild: dpa

„Sehr geehrte Redaktion, in Ihren Corona-Artikeln finde ich mich nicht wieder. Die meisten von Ihnen sind im Homeoffice und wissen dieses Privileg nicht zu schätzen“ . . . So begann ein Leserbrief an uns, wir haben nachgefragt.

          4 Min.

          Frau Biehler, Sie haben uns einen Brief geschrieben: Sie ärgern sich über unsere Berichterstattung in Zeiten von Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen. Warum?

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich mag den „Leben“-Teil eigentlich sehr gerne, so zum Wohlfühlen am Sonntagnachmittag. Aber in den letzten vier Wochen fand ich es zu einseitig. Es geht nur noch um das Thema Homeoffice und die Frage: Was mache ich mit meinen Kindern? Wie gehe ich damit um, wenn die sich langweilen? Und wie kriege ich das überhaupt auf die Reihe, wenn ich zu Hause arbeiten muss?

          Verbindet es uns nicht in dieser Krise, dass so viele zu Hause sitzen? Und in den Familien muss dann dieser Spagat zwischen Schreibtisch und Kindern bewältigt werden . . .

          Ich habe nicht den Eindruck, dass der Großteil der Bevölkerung im Homeoffice ist. Viele arbeiten trotzdem ganz normal an ihrem Arbeitsplatz weiter. Es ist einfach ein Privileg, wenn man zu Hause arbeiten kann.

          In Ihrem Leserbrief schreiben Sie, viele Menschen wären froh über solche Bedingungen und würden gerne tauschen. Was meinen Sie, wenn Sie von „echtem Stress“ sprechen?

          Ich bin auch angestellt, ich arbeite im öffentlichen Dienst. Aber wir haben jetzt beispielsweise Schichtdienst. Meine Kollegen und ich arbeiten zwölf Stunden, von sieben bis sieben, und das jeden zweiten Tag, auch am Wochenende und an Feiertagen, dazu haben wir Rufbereitschaft. Ich war zum Beispiel Karsamstag und Ostermontag weg von meiner Familie. Und ich bin ja noch privilegiert. Ich habe einen festen Job, mein Mann auch, wir haben keine Existenzsorgen. Aber es ist etwas anderes als im Homeoffice.

          Arbeiten Sie mehr als vor der Pandemie?

          Definitiv, ja. Ich arbeite im Gesundheitsamt.

          F.A.Z. Newsletter Coronavirus

          Täglich um 12.30 Uhr

          ANMELDEN

          Bei Ihnen rufen die Leute an, wenn sie fürchten, sich angesteckt zu haben? Sie tragen all die wichtigen Zahlen zusammen, die das Robert-Koch-Institut veröffentlicht? Sie kümmern sich um die Infektionsketten?

          Genau das. Als Hygieneinspekteure machen wir normalerweise Trinkwasser- und Badewasserüberwachung, Infektionshygiene in Krankenhäusern und Pflegeheimen und ermitteln bei Erkrankungen wie Tuberkulose und Masern. Jetzt dreht sich seit Anfang März fast alles um Corona. Seit fünf Wochen sind wir im Notbetrieb. Eigentlich sollten also maximal fünfzig Prozent der Belegschaft arbeiten, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Das funktioniert bei uns so nur bedingt, weil wir gleichzeitig viele zusätzliche Kräfte rekrutieren mussten für die Fallbearbeitung. Wenn ich dann lese, dass Sie im Homeoffice unbedingt wieder ins Büro wollen . . .

          Sie meinen, das ist gar nicht so erstrebenswert?

          Bei uns im Büro ist nichts mehr wie vor dieser Krise. Wir ziehen uns vor der Arbeit, draußen, einen Mundschutz an, können uns nicht mehr bei einem Kaffee über den ein oder anderen Fall mit den Kollegen in Ruhe austauschen. Unsere Abteilung gleicht einem Bienenstock mit all den neuen Mitarbeitern. Wir haben unglaublich viele E-Mails, Faxe und Anrufe.

          Es ist Donnerstagvormittag, ich bin im Homeoffice. Und Sie?

          Ich habe heute tatsächlich frei. Ich war morgens schon laufen, bevor die Kinder aufgestanden sind, so konnten wir zumindest zusammen frühstücken. Ansonsten ist jeder „freie Tag“ komplett durchgeplant. Bei uns im Saarland haben die Osterferien diese Woche erst angefangen, die Kinder sind noch nicht durch mit den Schulaufgaben, und ein bisschen Unterstützung brauchen sie schon. Außerdem gibt es so viele Sachen, die anfallen oder liegenbleiben, wenn man von morgens bis abends weg ist. Das Auto muss in die Werkstatt, die Kinder müssen zum Kieferorthopäden . . .

          Und was machen Ihre Kinder, wenn Sie bei der Arbeit sind?

          Sie sind wirklich die meiste Zeit allein. Das ist nicht so schön für mich als Mama. Auch mein Mann ist nicht oft zu Hause. Wir haben Zwillinge, 13 Jahre alt, die Große ist 16. Sie machen alle viel Sport, und die Schule ist ein Thema, klar. Ansonsten müssen sie ganz viel mit übernehmen. Sie gehen einkaufen und kochen teilweise für sich allein. Wenn ich dann lese, dass die Kinder im Homeoffice stören, denke ich: Ach, wenn ich doch mal ein bisschen mehr Zeit mit ihnen hätte!

          Das verstehe ich gut.

          Wie geht es Ihnen denn im Homeoffice? Ist das wirklich so, wie man immer liest? Die Kinder springen im Hintergrund rum, und man kann sich nicht konzentrieren?

          Mir geht meistens wie Ihnen: Ich arbeite viel und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht genug Zeit für die Belange der Kinder habe. Manchmal beneide ich durchaus die Leute, die wie immer das Haus verlassen können. Deshalb finde ich interessant, dass Sie sagen: Sie gehen zwar noch arbeiten, aber das ist alles überhaupt nicht mehr normal.

          Egal ob in der Pflege, im Altenheim, im Krankenhaus oder wenn jemand irgendwo an der Kasse sitzt: Mein Gefühl ist, die Leute arbeiten im Moment nicht weniger, sondern mehr. Bei mir sind jetzt bereits Überstunden für einen ganzen Monat angefallen.

          Was macht Ihnen persönlich am meisten Sorgen?

          Bei der Arbeit hatten wir am Anfang vor allem mit jungen, sportlichen Infizierten zu tun, die vom Skifahren zurückkamen und die Infektion recht gut weggesteckt haben. Das hat sich zum Großteil in die Altenheime verlagert. Das finde ich besorgniserregend. Wenn man sich mit Betroffenen unterhält, teilweise auch mit den Hinterbliebenen, wenn man diese ganzen Infektionsketten nachvollzieht – das ist schon belastend. Das schüttelt man nicht einfach ab.

          Wann kommen Sie an Ihre Grenzen?

          Am Ende des Tages weiß ich oft nicht, wo die Stunden hin sind. Es gibt Tage, da habe ich keine Pause gemacht und vergessen, etwas zu essen oder zu trinken. Dabei kann ich eigentlich mit Druck ganz gut umgehen – solange ich Aufgaben abschließen kann. Wenn sich aber stattdessen drei neue Sachen auftun, dieses Gefühl, dass man nicht fertig wird und nicht so weit ist, wie man gerne will und eigentlich müsste . . .

          Hat die Politik Ihre Lage ausreichend im Blick?

          Ich habe nicht das Gefühl, dass wir die Vergessenen wären. Und es hilft nichts, unsere Arbeit muss gemacht werden. Man kann nicht von jetzt auf gleich überall aufpersonalisieren. Wo sollen denn die Leute herkommen?

          Was würden Sie denn gerne bei uns in einer der nächsten Ausgabe lesen?

          Wie wäre es mal mit Stressbewältigung? Was mache ich eigentlich, wenn ich abends völlig fertig nach Hause komme, der Kopf raucht und ich nicht abschalten kann? Wenn die Familie ins Bett gehen will und ich merke, ich bin noch nicht so weit?

          Das Telefongespräch mit Antje Biehler führte Julia Schaaf.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ministerpräsident Mateusz Morawiecki war am Mittwoch im Land unterwegs und äußerte sich auf Anfrage nicht.

          EuGH verhängt Strafe für Polen : „Um schweren Schaden abzuwenden“

          Eine Million Euro am Tag muss Polen bezahlen, solange die politisch besetzte Disziplinarkammer am obersten Gericht des Landes fortbesteht. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden. Warschau spricht von „Erpressung“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.