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Interview mit Leserin : „Ein Großteil der Bevölkerung ist nicht im Homeoffice“

Alle an einem Tisch zuhause: Die malenden Kinder und die arbeitenden Eltern Bild: dpa

„Sehr geehrte Redaktion, in Ihren Corona-Artikeln finde ich mich nicht wieder. Die meisten von Ihnen sind im Homeoffice und wissen dieses Privileg nicht zu schätzen“ . . . So begann ein Leserbrief an uns, wir haben nachgefragt.

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          Frau Biehler, Sie haben uns einen Brief geschrieben: Sie ärgern sich über unsere Berichterstattung in Zeiten von Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen. Warum?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich mag den „Leben“-Teil eigentlich sehr gerne, so zum Wohlfühlen am Sonntagnachmittag. Aber in den letzten vier Wochen fand ich es zu einseitig. Es geht nur noch um das Thema Homeoffice und die Frage: Was mache ich mit meinen Kindern? Wie gehe ich damit um, wenn die sich langweilen? Und wie kriege ich das überhaupt auf die Reihe, wenn ich zu Hause arbeiten muss?

          Verbindet es uns nicht in dieser Krise, dass so viele zu Hause sitzen? Und in den Familien muss dann dieser Spagat zwischen Schreibtisch und Kindern bewältigt werden . . .

          Ich habe nicht den Eindruck, dass der Großteil der Bevölkerung im Homeoffice ist. Viele arbeiten trotzdem ganz normal an ihrem Arbeitsplatz weiter. Es ist einfach ein Privileg, wenn man zu Hause arbeiten kann.

          In Ihrem Leserbrief schreiben Sie, viele Menschen wären froh über solche Bedingungen und würden gerne tauschen. Was meinen Sie, wenn Sie von „echtem Stress“ sprechen?

          Ich bin auch angestellt, ich arbeite im öffentlichen Dienst. Aber wir haben jetzt beispielsweise Schichtdienst. Meine Kollegen und ich arbeiten zwölf Stunden, von sieben bis sieben, und das jeden zweiten Tag, auch am Wochenende und an Feiertagen, dazu haben wir Rufbereitschaft. Ich war zum Beispiel Karsamstag und Ostermontag weg von meiner Familie. Und ich bin ja noch privilegiert. Ich habe einen festen Job, mein Mann auch, wir haben keine Existenzsorgen. Aber es ist etwas anderes als im Homeoffice.

          Arbeiten Sie mehr als vor der Pandemie?

          Definitiv, ja. Ich arbeite im Gesundheitsamt.

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          Bei Ihnen rufen die Leute an, wenn sie fürchten, sich angesteckt zu haben? Sie tragen all die wichtigen Zahlen zusammen, die das Robert-Koch-Institut veröffentlicht? Sie kümmern sich um die Infektionsketten?

          Genau das. Als Hygieneinspekteure machen wir normalerweise Trinkwasser- und Badewasserüberwachung, Infektionshygiene in Krankenhäusern und Pflegeheimen und ermitteln bei Erkrankungen wie Tuberkulose und Masern. Jetzt dreht sich seit Anfang März fast alles um Corona. Seit fünf Wochen sind wir im Notbetrieb. Eigentlich sollten also maximal fünfzig Prozent der Belegschaft arbeiten, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Das funktioniert bei uns so nur bedingt, weil wir gleichzeitig viele zusätzliche Kräfte rekrutieren mussten für die Fallbearbeitung. Wenn ich dann lese, dass Sie im Homeoffice unbedingt wieder ins Büro wollen . . .

          Sie meinen, das ist gar nicht so erstrebenswert?

          Bei uns im Büro ist nichts mehr wie vor dieser Krise. Wir ziehen uns vor der Arbeit, draußen, einen Mundschutz an, können uns nicht mehr bei einem Kaffee über den ein oder anderen Fall mit den Kollegen in Ruhe austauschen. Unsere Abteilung gleicht einem Bienenstock mit all den neuen Mitarbeitern. Wir haben unglaublich viele E-Mails, Faxe und Anrufe.

          Es ist Donnerstagvormittag, ich bin im Homeoffice. Und Sie?

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