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Zeichnerin Barbara Yelin : „Eine lange Recherche, bei der es viel um Schreckliches ging“

„Ich habe versucht, an das wichtigste menschliche Gefühl zu rühren, die Empathie“: Yelins Comic zur Flüchtlingskrise, Schlussbild Bild: Barbara Yelin/Reproduktion

Mit ihren Graphic Novels holt Barbara Yelin Comics aus der Ecke der seichten Geschichten für Kinder oder Nerds. Ihre Heldinnen sind oft Frauen, die nach Autonomie streben. Den Grund dafür erzählt sie im Interview.

          10 Min.

          Frau Yelin, jüngst haben Sie unter dem Titel „Es passiert“ einen Kurz-Comic zur Flüchtlingskrise veröffentlicht, in dem Sie einen unbeschwerten Sommertag am Strand in unseren Breiten mit den dramatischen Szenen auf dem Mittelmeer gegenschneiden – bis zum letzten Bild, wo beides miteinander verschränkt wird. Was war der Impuls für diese Geschichte?

          Bertram Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das war ein längerer Prozess. Ich habe überlegt, wie ich meine Gedanken über unsere Gesellschaft visualisieren kann, die sich an das Leid und den Tod anderer Menschen einfach gewöhnt. Ich habe ein kleines Kind. Die Vorstellung, es wäre jetzt oder in zwanzig Jahren auf dem Meer in Not und würde aus Gründen der kühlen Berechnung nicht gerettet, löst unvorstellbares Entsetzen aus. Letztlich habe ich versucht, an das wichtigste menschliche Gefühl zu rühren: die Empathie. Ich weiß nicht, ob es den einen oder anderen erreicht hat. Ich kann es nur versuchen.

          Womit beginnt bei Ihnen generell eine neue Arbeit? Mit einem Bild, einer Figur, einem Satz?

          Unterschiedlich. Es sind oft Bilder, von denen aus man dann eine Phantasiereise macht.

          Wie war das bei „Irmina“, Ihrem bislang größten Erfolg, der auf der Lebensgeschichte Ihrer Großmutter beruht?

          Da war es eine Frage.

          Eine große Zweiflerin, was ihre eigene Arbeit betrifft: Zeichnerin Barbara Yelin

          An wen? An Ihre Familiengeschichte?

          Ja. Da war zunächst dieses Fundstück, der Karton mit Briefen, Tagebüchern und Fotos meiner Großmutter vor allem. Dann die Frage: Was war da geschehen? Da war dieser Widerspruch in der Figur meiner Großmutter.

          Die Anfang der 1930er Jahre zur Ausbildung nach England gegangen war, voller Freiheitsdrang – die sich dann aber, nach der Rückkehr nach Deutschland, wo die Nazis gerade dabei waren, die Macht zu übernehmen, für die Anpassung entschied.

          Zunächst war das nur eine Ahnung. Irgendwann während der Recherche kam der Moment, an dem ich dachte, vielleicht ist es das wert, die Geschichte von dem rein Familiären abzulösen und sozusagen eine prinzipielle Frage an eine Vertreterin einer Generation zu stellen, einen Roman daraus zu machen, eine Charakterstudie.

          „Irmina“ hat 288 Seiten. Überhaupt sprengen mehrere Ihrer Werke das, was man sich gemeinhin unter „Comic“ vorstellt. Sie machen Comics in Buchlänge – „Graphic Novels“; das müssen wir erklären. Man könnte sagen, der Film ist die zugänglichste Kunstform unserer Zeit; vom Roman heißt es, keine andere Form könne einen so tief ins Bewusstsein eines anderen Menschen mitnehmen – was macht die Graphic Novel aus?

          Das Magische für mich ist die Verschränkung von Bild und Text; das sind zwei Erzählebenen, die einander berühren, miteinander agieren, die sich auch widersprechen können, die sich aber auf keinen Fall doppeln sollten, dann wird es langweilig. Beides ist essentiell, je nach Künstler wird mehr über das Bild oder über den Text erzählt; bei mir ist es eher das Bild. Die Graphic Novel hat viele filmische Elemente, aber was ich so toll finde: Der Leser entscheidet noch viel mehr als beim Film – ob er schneller oder langsamer lesen will; wie lange sein Blick auf etwas ruht. Es öffnet wahnsinnig viel im Kopf; das ist das Wunderbare daran: dass der Leser so viel selbst macht. Bei Gemälden sagt die Rezeptionsästhetik: Der Betrachter ist im Bild. Das ist beim Comic ganz stark der Fall: Der Leser ist in der Story.

          Wenn ich meiner Mutter gesagt hätte, ich interviewe eine Comiczeichnerin, die hätte vermutlich gefragt: Ach, so was wie „Spiderman“? Gibt es da eine Abgrenzung?

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