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Columbus Day : Kolumbus bleibt italienischer Lokalheld

Eine Statue von Christoph Kolumbus im Bayfront Park ist mit roter Farbe und dem Symbol einer Faust bemalt. Bild: dpa

In Amerika demontieren Demonstranten Kolumbus-Statuen. In Italien feiert man den Seefahrer noch unverdrossen. Einige Politiker haben sogar kontroverse Vorschläge, was mit den amerikanischen Statuen passieren sollte.

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          Wenigstens in seiner Heimatstadt Genua ist Cristoforo Colombo (1451 bis 1506) noch sicher. Das mächtige Kolumbus-Monument in der Nähe des Hafens muss nicht von der Polizei vor drohenden Übergriffen von Bilderstürmern beschützt werden. Am „Columbus Day“, der in immer mehr Städten und Bundesstaaten Nordamerikas gerade in „Indigenous Peoples‘ Day“ (Tag der indigenen Völker) umbenannt wird, feiert man in der ligurischen Hafenstadt den großen Sohn der Stadt, beziehungsweise der Republik Genua, noch unverdrossen. Das offizielle Verzeichnis der Kolumbus-Feierlichkeiten vom Montag listet fast ein Dutzend Veranstaltungen auf, von Kranzniederlegung über Preisverleihung und Ausstellungseröffnung bis Theatervorstellung. In den Zeitungen steht, dass der amerikanische Präsident Donald Trump am Vorabend des „Columbus Day“ den Entdecker als „großen Italiener“ gewürdigt habe, der „ein neues Kapitel der Weltgeschichte aufgeschlagen hat“. Da ist man sich ausnahmsweise in fast ganz Italien einmal einig mit Trump.

          Keine Trennung von Entdecker und Eroberer

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Jedenfalls hat in Italien eine öffentliche Debatte über die historischen Verdienste, aber auch über die Untaten Kolumbus‘ noch nicht wirklich begonnen. Das mag auch damit zu tun haben, dass der große Seefahrer aus Genua im Dienste der spanischen Krone unterwegs war, als er am 12. Oktober 1492 die Neue Welt „entdeckte“. In italienischen Schulbüchern wird bis heute in aller Regel das Geschichtsbild überliefert, wonach Kolumbus seine historische Leistung mit der Überfahrt über den Atlantik erbracht habe, dass für die späteren Untaten an der indigenen Bevölkerung aber die spanischen Konquistadoren vom Schlage eines Hernán Cortés (1485 bis 1547) verantwortlich gewesen seien. Diese Trennung von Entdecker und Eroberer sei aber künstlich und historiografisch nicht haltbar, sagt Giuseppe Marocci, Professor für Iberische Geschichte an der Universität Oxford. In Wahrheit seien „die beiden Prozesse aufs Engste miteinander verbunden“ gewesen.

          Zusätzlich kompliziert wird der Umgang mit dem „Columbus Day“ diesseits und jenseits des Atlantiks durch den Umstand, dass vor allem italienische Emigranten in den Vereinigten Staaten darauf gedrängt hatten, mit einem Feiertag der Verdienste ihres Landsmanns zu gedenken und ihre eigene gesellschaftliche Inklusion voranzutreiben. Mit der gewissermaßen offiziellen Anerkennung der Leistung des Italieners Kolumbus für Amerika sollten die Wunden geheilt werden, welche die Italiener selbst durch die Diskriminierung in Amerika erlitten hatten. Präsident Benjamin Harrison erklärte den „Columbus Day“ 1892 schließlich zum Feiertag – auch als Reaktion auf den Lynchmord an elf sizilianischen Einwanderern vom 14. März 1891 in New Orleans.

          „Bringen wir die Statue dieses großen Italieners zurück“

          Was den Italienern in Amerika vor mehr als einem Jahrhundert als eine Art Wiedergutmachung für selbst erlittenes Unrecht gegeben worden war, soll ihnen nun als Schandmal für begangene Untaten wieder genommen werden. Naturgemäß haben die durchaus komplexen historischen Vorgänge auch Eingang in die gegenwärtige publizistische und politische Debatte gefunden. Die konservativen Publizisten Francesco Giubilei und Marco Valle bezeichneten es als „heuchlerisch und falsch“, wenn die amerikanische Gesellschaft durch die Zerstörung von Kolumbus-Denkmälern ihre heutigen rassistischen Konflikte zu lösen versuche.

          In Genua, so scheint es, haben die Angriffe auf Kolumbus-Denkmäler in Nord- und auch in Südamerika, dessen Status als Lokalheld bisher nicht beschädigt. Giorgia Meloni, Chefin der postfaschistischen Partei „Brüder Italiens“, schlug jüngst vor, die Stadtväter sollten zum Beispiel jene bronzene Kolumbus-Statue aus Columbus im Bundesstaat Ohio, die dort im Juli 2020 nach Protesten von Indigenen auf dem Rathausplatz demontiert worden war, nach Genua holen. „Bringen wir die Statue dieses großen Italieners zurück und stellen wir sie auf einem unserer schönen Plätze auf, statt sie in einem Lagerhaus in Amerika verrotten zu lassen“, forderte Meloni. Das knapp sieben Meter hohe Denkmal, geschaffen von dem italienischen Bildhauer Edoardo Alfieri (1913 bis 1998), hatten die Bürger Genuas einst der Stadt Columbus geschenkt. Enthüllt wurde die Statue am 12. Oktober 1955, anlässlich der Feierlichkeiten zum „Columbus Day“.

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