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Coachella in Kalifornien : Ist das noch ein Festival – oder kann das weg?

  • -Aktualisiert am

Auf dem Campingplatz stehen Duschen mit heißem Wasser 24 Stunden am Tag bereit, jeder bekommt seine eigene Kabine. Die Damen lassen sich Zeit. Jeden Morgen Dreck und Glitzer aus den Haaren waschen, danach unten am Spiegel das Glätteisen anschließen. Das geht, denn wenn es an irgendetwas nicht mangelt, dann sind es Steckdosen. Überall stehen sie bereit, die Charging Stations, kleine Türme mit einem Mosaik aus Steckdosen und Handy-Haltetaschen. Hier trifft sich die Festivalgemeinschaft beim Warten darauf, dass der Akku wieder so voll ist, dass es für Instagram und Snapchat reicht. Für 30Dollar gibt es einen Akku fürs ganze Wochenende – einfach an einer Station abgeben, und den neuen Akku direkt einsammeln und weitermachen.

Strom- und Wasserverschwendung in der Wüste

Die Versuche der Veranstalter, das Festival als umweltbewusst darzustellen, wirken angesichts der Verschwendung von Strom und Wasser inmitten der Wüste geradezu dreist. Die halbe Nacht werden hier Palmen lila und grün beleuchtet – eines der Instagram-Lieblingsmotive.

Ausgelassene Stimmung: Verschiedenste Musik-Acts heizen den Festivalbesuchern so richtig ein.

„Das Coachella ist kein echtes Festival“, schrieb Modebloggerin Masha Sedgwick in einem Abrechnungs-Post schon im April 2017. „Es gibt nur vor, eins zu sein, damit auch die Modepüppchen ein Festivalerlebnis haben, ohne dass sie sich dafür die perfekt manikürten Fingernägel schmutzig machen müssen, denn das Coachella ist alles andere schmutzig. Es ist aalglatt.“

Man kann das alles dämlich finden und mit dem Finger auf die Influencer zeigen, die in den Augen vieler verantwortlich sind für den Verfall des Festivals. Oder man kann sich eingestehen, dass man einem kostenlosen Ticket im sonnigen Kalifornien oder anderweitigen Vorzügen wie endlosem Nachschub von Champagner der Marke Moët & Chandon auch nicht abgeneigt wäre. Dass nicht alle nur hier sind, um ihre volles Instagram-Kapital auszuschlachten, sondern manche tatsächlich für die Musik kommen. Und dass es bestimmt gar nicht allein die Schuld der Influencer ist, dass bei Coachella inzwischen das Marketing wichtiger ist als die Musik.

Jeder will dazu gehören

Die vielen jungen Frauen profitieren von dem, was sich die Festivalleitung und die Marken, die hier über beide Wochenenden aufschlagen, in Sachen Marketing aufgebaut haben. Dieses Festival kann jeder sehen, und jeder möchte irgendwie dazugehören, und sei es nur, dass er seine Begeisterung per Like ausdrückt. Und wer dann wirklich hier ist, klar, der wirbt damit, dass er dazugehört, der will es alle Follower und Freunde wissen lassen, dass er jetzt hier ist und eine magische Zeit erlebt.

Wie viel Instagram kann ein Musikfestival ertragen? Auch am Abend, wenn Beyoncé, alt-J, Haim, The Weeknd oder Eminem auf der Bühne stehen, kommt die Smartphone-Kultur zum Vorschein. Auch hier muss Erlebtes sofort geteilt werden, weil es sonst nichts wert ist. Die Festivalbesucher schauen ihren Stars durch den Instagram-Aufnahmebildschirm zu und schreien in die Handykamera, wenn sie sich selbst filmen. Dann ist die Show zu Ende, und manche klatschen ein bisschen – wenn sie das Smartphone nicht noch in der Hand halten.

Lila Palmen forever

Am Sonntagabend ist das Spektakel vorbei. Wüstenköniginnen, die hier mit silbernen Badeanzug und Kettenkleid aufgelaufen sind, sich Glitzersteine ins Dekolleté geklebt haben oder ihre Tausend-Dollar-Bauchtasche von Gucci in Szene gesetzt haben, können nach Hause fahren und sich morgen mit ihren Freunden, die sie im Getümmel eines vollkommen überfüllten Festivalgeländes nicht finden konnten, über Coachella unterhalten. Mit wem sie darüber sprechen können, wissen sie schon – Instagram hat es verraten.

Mit dem größten Profit aber gehen die Marken nach Hause – und natürlich Philip Anschutz, dem die AEG und damit sozusagen auch Coachella gehört, und der sein Geld gern an schwulen- und einwanderungsfeindliche Organisationen spendet. Darüber postet niemand auf Instagram. Lila Palmen sehen einfach besser aus.

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