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Clubkultur : Wer darf sich heute eigentlich alles DJ nennen?

Knöpfe drücken und Musik machen ist gar nicht so schwer – oder? Bild: AFP

Ein Rätsel, das viele Clubgänger umtreibt, ist dieses: Was machen DJs oder DJanes überhaupt? Beats? Bässe? Krasse Übergänge? Das und noch so einiges mehr hat unsere Autorin herausgefunden.

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          Als der „Bachelor“ Paul Janke 2012 rote Rosen an diverse junge Damen verteilte, bescherte ihm dieses RTL-Ritual zwar nicht das große Liebesglück, es reichte aber allemal als Sprungbrett in die Welt der Schönen und eher durchschnittlich Begabten: die Riege der deutschen Reality-TV-Stars. Diese nahmen den blonden Schönling, der immerhin mal Vierter bei der Wahl zum „Mr. Germany“ geworden war, auf. Seither sieht man Janke mindestens einmal im Jahr in einer großen RTL-Produktion: „Promi Big Brother“, „Let’s Dance“, „Bachelor in Paradise“. Im „Paradise“, Jankes letzter Station, machte ihn das zwar zum erfolgreichen C-Promi unter lauter D-, E- und F-Sternchen. Sein Geld müsse er aber, so Janke, trotzdem noch verdienen. Und zwar wie? Als DJ, klar.

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dabei ist, was Janke an den Turntables so zaubert, doch wirklich alles andere als hohe Kunst, oder? Ein paar Knöpfchen drehen, ein bisschen tanzen und dabei sein grelles Zahnpastareklame-Lächeln abschießen. Und Janke ist bei weitem nicht der Einzige, der an den Plattentellern steht, wenn er gerade Kohle braucht. Micaela Schäfer, Berufsnackte, macht es auch. In ihrem Fall besteht die Arbeit vor allem darin, Selfies mit Fans zu schießen und alle naselang Schlüpfer in die Menge zu werfen.

          Aber nicht nur Sternchen werden zu DJs, auch Oliver Pocher macht es, Paris Hilton macht es, sogar Prinz Charles wurde einst an einem DJ-Pult gesichtet. Wenn es aber alle machen, dann kann das ja nur eins heißen: Das DJ-Ding ist nicht besonders schwer.

          Was muss ein DJ überhaupt können?

          Die Frage nach einem Zertifikat ist natürlich fast schon vermessen in Anbetracht der Tatsache, dass auch der Zutritt zum Beruf des Journalisten keiner Urkunde bedarf. Echte, gute DJs sind natürlich Künstler. Wem ist es sonst zu verdanken, dass sich manche Partys anfühlen wie eine Weltveränderung?

          Aber darf sich wirklich jeder DJ nennen? Was muss ein DJ überhaupt können? Sind die, die früher Handtaschendesigner waren, heute Discjockeys? Oder benötigt ein DJ oder eine (Achtung, Unwort) DJane besondere Fähigkeiten?

          Musikalisch ist Clemens Bergthaller ohne Frage. Er ist aber, das ist ihm wichtig, mehr als ein DJ: Er ist Live-Künstler. Er produziert also Techno live, reproduziert eigene Stücke live – und spielt nicht einfach vom Band. Da gibt es, Laien mag es überraschen, einen Unterschied. Bergthallers Kölner Projekt heißt Atlantik, sie sind ein Duo und spielen in riesigen Clubs.

          Für Bergthaller ist die Hauptaufgabe eines DJs nicht etwas Technisches oder gar Rhythmusgefühl. Sondern Musikexpertise. „Das Auswählen geeigneter Stücke ist das Wichtigste, was ein DJ leistet“, erklärt Bergthaller. „Es gibt heutzutage Unmengen an elektronischer Musik. Ein DJ muss sich durch diesen Wust durchhören und die Perlen heraussuchen.“ Aber muss man nicht auch ganz viel Rhythmusgefühl haben? Das helfe schon, sagt Bergthaller. Viel wichtiger sei aber neben der Musikkennerschaft noch etwas anderes: die Menschenkenntnis.

          Man kann es auch ganz professionell lernen

          Wirklich? Steht ein DJ nicht vorrangig hinter seinem Pult, ist eher der coole und unnahbare Typ? „Ein DJ muss erkennen, wie die Menschen an dem Abend drauf sind“, sagt Bergthaller, und er meint damit nicht, auf welchen Drogen die Partygäste sind. Vielmehr geht es darum, die Stimmung einzufangen und diese dann mitzuprägen. Wenn die Menge auf bestimmte Beats besonders gut reagiert, auf andere weniger gut, muss der DJ reagieren. Bergthaller schaut sich einen Auftritt von Micaela Schäfer an und vermutet: vorproduziert. Auf die Vorlieben der Partygäste zu reagieren ist da nicht drin.

          Also Musikexpertise und Einfühlungsvermögen im Angesicht der Tanzfläche. Okay. Womöglich sind das ja Fähigkeiten, die man trainieren kann. Obwohl eine gewisse Grundbegabung vermutlich nie schadet. Bergthaller hat sich vieles seiner Kunst selbst beigebracht.

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