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Christoph Maria Herbst im Gespräch : „Ich war noch nie so dünnhäutig wie gerade“

Christoph Maria Herbst: Das Einzige, was ich vielleicht habe, ist eine gewisse Selbstdisziplin
          6 Min.

          Herr Herbst, es gehen Gerüchte über Sie, die auch Sie selbst in dem einen oder anderen Interview genährt haben: Sie sollen, so heißt es, ein netter Kerl sein. Warum tun Sie in Ihrer Arbeit alles, um diesen Eindruck zunichtezumachen?

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          (Lacht.) Ich spiele halt gerne diese Kotzbrocken. Am Stadttheater Bremerhaven – ja, in Bremerhaven gibt’s ein Stadttheater – hätte ich vor zwanzig Jahren auch viel lieber den Mercutio gespielt, nur wurde ich als der Langweiler Romeo besetzt, das kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen. „Stromberg“ hat das ja alles losgetreten. Diesen Kreutzer mögen die Leute auch nicht, was ich gar nicht verstehe – ich finde den klasse.

          Der Kommissar Kreutzer, den Sie für Pro Sieben gespielt haben, setzt die Verdächtigen mit Psychotricks unter Druck. Befreundet sein möchte man mit ihm nicht.

          Ja, das hat er gemein mit Stromberg. Ansonsten sehe ich keine Parallelen zwischen den beiden. Der „Stromberg“-Regisseur Arne Feldhusen hat mir erzählt, dass er oft angesprochen wird (flüstert): Das muss doch eine Katastrophe sein, mit dem Herbst zu arbeiten – ist das ein Arsch! Es ist irre, wie sich Fiktion und Realität überdecken. Wie oft wurde ein Georg Uecker schon gefragt, ob er Bescheid sagen könne, wenn in der Lindenstraße eine Wohnung frei würde. Mir hat man nach der ersten „Stromberg“-Staffel in der Fußgängerzone Prügel angeboten, weil die Leute glaubten, das sei echt. Das ist ein merkwürdiges Gesetz der Serie, Fluch und Segen zugleich. Vielleicht versuche ich deswegen, in der Öffentlichkeit einen Kontrapunkt zu setzen, um diese Larve Stromberg komplett abzureißen – damit die Leute sagen: Och, so furchtbar ist er ja gar nicht.

          Christoph Maria Herbst (M.) als Kommissar Kreutzer mit Jan Messutat (r.) und Ludwig Trepte
          Christoph Maria Herbst (M.) als Kommissar Kreutzer mit Jan Messutat (r.) und Ludwig Trepte : Bild: Stefan Erhard

          Im vergangenen Winter waren Sie auf dem ZDF-„Traumschiff“ unterwegs und haben darüber nun Ihr erstes Buch geschrieben, „eine Art Roman“. Auch der Christoph Maria Herbst, der hier als Ich-Erzähler fungiert, ist kein großer Sympathieträger. Er lästert über seine Mitreisenden, er fährt durch die Welt und findet eigentlich alles irgendwie hässlich.

          Stimmt. Bora Bora zum Beispiel habe ich mir als den Südseestaat schlechthin vorgestellt mit schönen Menschen, Palmen ohne Ende und Kokosnüssen, die mir ihren Saft noch von der Palme hängend in den Mund hineintropfen. Weit gefehlt! Ich habe zum Beispiel keinen einzigen Fisch gesehen in dieser Bucht. Dass dann noch ein Zyklon über uns niederging, nun, dafür kann Bora Bora nichts. Doch anscheinend verschwinden auch die letzten Paradiese von der Welt. Aber das Buch sollte ja auch unterhaltsam sein – und das ist es nur, wenn ich eine Fallhöhe aufbaue, indem ich etwa aus meinen Ressentiments keinen Hehl mache.

          War die Idee, ein Buch zu schreiben, älter als die Schiffsreise?

          Überhaupt nicht. Ich habe nie darüber nachgedacht, ein Buch zu schreiben, weil ich meinte, es nicht zu können – ob ich’s kann, weiß ich jetzt auch noch nicht. Ich habe fürs Schreiben einfach kein Gehirnschmalz. Das ist sicherlich biochemisch-physiologisch nachweisbar, dass ich dafür keine trainierten Hirnzellen habe; meine sind nur im Kurzzeitgedächtnis super. Ich hatte einfach nach einer gewissen Zeit auf dem Schiff, wo jede DVD geguckt, jedes Buch gelesen und jedes Bier mit jedem Kollegen und jeder Kollegin getrunken war, eine Art Ventil für meine Langeweile gesucht und es im Schreiben von E-Mails gefunden. Meine Freunde und Familie wollten mehr. Als wir wieder auf deutschem Boden waren, war das Ding schon zu zwei Dritteln fertig. Das letzte Drittel war am härtesten. Ich sitze zwar tatsächlich schon am nächsten Buch, aber ich muss mich prügeln, weil ich als Teamplayer konditioniert bin: Vom Theater bin ich es gewohnt, in Ensembles zu arbeiten. Aber wenn Sie mich fragen würden, ob ich auf etwas stolz wäre im Leben, dann sind es zwei Dinge: einmal der Umstand, dass ich es nach meiner Banklehre geschafft habe, der Bank den Rücken zu kehren und Schauspieler zu werden. Und zum zweiten, dass ich – egal, wie man das Buch findet – etwas, das ich selbst geschrieben habe, ganz konkret ins Regal stellen kann. Das macht mich stolz.

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