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Christine Westermann im Interview : „Erstens alles, zweitens alles, drittens alles“

  • Aktualisiert am

Mit 65: „Wenn ich heute vor einer schwierigen Aufgabe stehe, weiß ich, dass ich es schaffe. Das war vor zehn Jahren anders.“ Bild: Schoepal, Edgar

Christine Westermann über Ampel-Flirts, Chicken Wings an den Oberarmen, das Gefühl, aussortiert zu werden - kurz: das Älterwerden.

          5 Min.

          Frau Westermann, Anfang Dezember ist Ihr 65. Geburtstag. Werden Sie jetzt alt?

          Ja. Jetzt geht es los. Klar kann ich mich die nächsten 20 Jahre mit dem Wort „älter“ durchs Leben hangeln. Aber jetzt ist dieses Gefühl von Altsein da. Das hatte ich mit 60 noch nicht.

          Woran machen Sie das fest?

          An den Dellen am Oberschenkel. An den Chicken Wings an den Oberarmen. An Fotos von mir, bei denen ich mich erschrecke und denke: So siehst du also aus. Ich glaube, es gibt ein Alter von außen und eins von innen, und das von innen variiert. Da bin ich manchmal 18. Manchmal auch uralt und ganz weise. Aber das äußere Alter ist wirklich 65. Ich habe mein Leben lang immer sehr gern geflirtet. Jetzt merke ich, wie mich die Scheu des Alters davor zurückhält.

          Das liegt nicht daran, dass Sie vor 13 Jahren geheiratet haben?

          Überhaupt nicht. Ich stand neulich mit unserem VW Cabrio an der Ampel. Das Dach war unten, ich war ungeschminkt, Westermann pur und gut drauf. Ich höre Musik, wende unbewusst den Kopf nach rechts - und da ist auch ein Cabriolet mit einem Typen, der mich beobachtet. Ein guter Typ. Aber ich hätte bequem seine Mutter sein können. Ich gucke und lache, die alte Routine. In dem Moment trifft es mich wie ein sanfter Schlag: Geht’s noch? Einerseits habe ich mich gefreut, dass der Impuls noch da ist. Andererseits habe ich mich nicht mehr getraut hinzugucken und ganz schnell die Spur gewechselt.

          Eigentlich ist jeder runde Geburtstag eine Art Einladung zur Nabelschau: Wo stehe ich, was habe ich geschafft, wo will ich hin? Was ist mit Mitte sechzig anders?

          65 ist ein Einschnitt. Ich war zwar nie fest angestellt, aber ich kriege jetzt Rente. Ich habe in die Pensionskasse eingezahlt, seit ich 20 bin, und ich hätte nie gedacht, dass ich das Auszahlen dieser Rente einmal erleben würde. Die Krankenkasse schreibt Briefe, dass der Beitragssatz niedriger wird, weil ich 65 werde. Man kriegt so einen deutlichen Eindruck von Zielgerade.

          Was meinen Sie damit?

          Mir ist klargeworden, wie wenig Zeit ich noch habe. Vielleicht sind es noch dreißig Jahre, vielleicht ist es nur ein halbes, keine Ahnung. Aber die Endlichkeit war mir zum ersten Mal bewusst. Plötzlich wusste ich nicht mehr, wo es langgeht, weder mit mir noch mit meinem Leben. Wo will ich denn noch hin?

          Muss man sich entscheiden, wenn die Zeit knapp wird?

          Nein. Aber man muss nach vorn gehen, sich bewegen. Und ich hatte das Gefühl, ich trete auf der Stelle. Ich bin jetzt auf der Höhe meines Schaffens. Ich mache das, was ich tue, leidenschaftlich gerne. Ich bin privat sehr zufrieden. Trotzdem hatte ich das Gefühl, ich müsste herausfinden, wie ich das Ganze mit Sinn fülle.

          Ihr Buch „Da geht noch was“ liest sich streckenweise tatsächlich, als gehe es weniger um eine Auseinandersetzung mit dem Alter als um eine Art Sinn- und Glückssuche.

          Das stimmt. Aber ausgelöst durchs Alter. Plötzlich fragt man sich, ob man sein Leben verplempert hat, weil man immer noch kein zwölfteiliges Geschirrservice und Damasttischdecken besitzt. Andere Leute haben solche Dinge. Ich nicht. An guten Tagen finde ich das völlig in Ordnung. Aber an schlechten hätte ich auch gerne ein Haus in Andalusien.

          Nennen Sie mir drei Dinge in Ihrem Leben, die uneingeschränkt gut waren.

          Ich bin unglaublich dankbar, dass ich meinen Vater hatte, weil der viel gesät hat, was später aufgegangen ist. Auch wenn er das nicht mehr erleben konnte, weil er früh gestorben ist.

          Sie waren 13.

          Das war der Schock meines Lebens, glaube ich. Wir hatten eine sehr, sehr innige Beziehung. Dass ich seinen plötzlichen Tod gut überstanden habe. . . - da habe ich instinktiv viel richtig gemacht. Ich glaube, ich habe alles richtig gemacht in meinem Leben. Erstens alles. Zweitens alles. Drittens alles.

          Was bereuen Sie trotzdem?

          Ich bereue, dass ich mit mir hadere, dass die Selbstzweifel so groß sind. Aber vielleicht wäre ich sonst auch unerträglich - aus Überheblichkeit.

          Sie nennen diese Mischung aus mangelndem Selbstwert und dem Gefühl eigener Unzulänglichkeit Ihren „treuen Begleiter“. Ich hatte gehofft, so etwas würde mit steigendem Alter besser.

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