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Shantel zu Christchurch : „Es kann dich überall erwischen“

Quer durch die Bevölkerung: Mitglieder rivalisierender Banden und Anwohner von Christchurch zollen den Opfern des Anschlags am Samstag Respekt Bild: AFP

Als die Nachricht vom Anschlag Stefan Hantel alias Shantel und seine Band erreicht, warten sie in einem Neuseeländer Hotel auf ihren Auftritt. Binnen Minuten zieht Polizei auf. Ein Gespräch mit dem Musiker über die Stimmung vor Ort und sein trauriges Déjà-vu.

          Der Frankfurter Musiker Stefan Hantel und sein Bucovina-Orkestra touren durch Australien und Neuseeland. An den beiden Abenden nach dem Anschlag von Christchurch spielen sie auf dem Womad-Festival in New Plymouth. Es ist kurz vor 2 Uhr Ortszeit, als wir ihn über Whatsapp um ein Gespräch bitten. Die Antwort kommt prompt. „Im Prinzip jetzt…in 10 Minuten.“

          Herr Hantel, wann haben Sie von dem Anschlag in Christchurch erfahren?

          Sofort. Wir waren gegen kurz nach eins mittags alle in der Hotellobby, zusammen mit 30, 40 internationalen Künstlern aus aller Welt, die mit uns auf dem Womad spielen. Die haben hier sofort Polizei und Security bei uns abgestellt, um uns ein gutes Gefühl zu geben. Aber alle hier waren komplett geschockt. Das macht sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten bemerkbar.

          Ihre Band und Sie haben Kollegen bei den islamistischen Terroranschlägen in Paris auf das Bataclan verloren. Was haben Sie gedacht, als Sie die Nachricht von dem Amoklauf erreichte?

          Ja, das Bataclan in Paris ist im wahrsten Sinne des Wortes mein Wohnzimmer gewesen. Wir haben noch zwei Wochen vor den Anschlägen dort gespielt. Das ist eine Realität, an die ich mich als Künstler nicht gewöhnen kann. Ich verdränge das. Bandmitglieder von mir sagen auch schon mal, wenn wir eine Show in der Türkei oder in Israel haben, kämen sie nicht mit. Aber das ist natürlich Quatsch. Anschläge beschränken sich nicht auf irgendwelche Krisengebiete. Es kann dich überall erwischen. Selbst hier in Neuseeland, dem ziemlich letzten Land also, wo man sich diese Form von Extremismus vorstellen kann. Das passt gar nicht zusammen.

          Inwiefern gehen Sie bei Ihren Auftritten in Neuseeland auf den Anschlag ein?

          Ich habe sofort, als ich das in den Nachrichten gesehen habe, eine Videobotschaft über Instagram und Facebook an meine Follower und Fans gerichtet. Und auch vor dem Konzert eine kleine Ansage diesbezüglich gemacht. Einfach auch, um uns sofort zu positionieren. Wir sind ja zum ersten Mal hier. Wir lassen uns in unserer Freiheit und in unserem kosmopolitischen Denken und Handeln nicht durch rechtsradikalen Terrorismus einschränken.

          In anderen Ländern wurden nach Terroranschlägen Fußball-Länderspiele verschoben. Haben Sie mitbekommen, ob die Neuseeländer ähnliche Gedanken hatten?

          Keiner hat da nur eine Minute dran gedacht. Und die haben hier auch nicht die Kavallerie oder die Artillerie aufgefahren, um die Veranstaltung zu einer Festung zu machen. Dabei ist das Festival eine Riesenproduktion mit Tausenden Leuten aus dem ganze Land. Es ist erstaunlich positiv und entspannt geblieben, auch wenn die Stimmung natürlich emotional ist.

          Haben Sie auf dem Konzert in New Plymouth unter den Fans irgendeine Lähmung bemerkt, oder tanzen und feiern die nach dem Motto „jetzt erst recht“?

          Die tanzen und feiern nach dem Motto „jetzt erst recht“, absolut. Die haben das so abgefeiert, auch die Statements, das ist schon beeindruckend, mit welcher Empathie sie trotz dieser schlimmen Nachrichten dieses Festival zelebrieren. Ich habe auch das Gefühl, dass es hier eine Wahnsinnssolidarität in der Gesellschaft gibt. Da sagt auch jeder: „Wir schützen unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.“ Das kommt hier wie aus der Pistole geschossen, egal ob von älteren Generationen oder von Kindern.  

          Letzten Endes handelt ihre Musik davon, dass Grenzen keine Rolle spielen…

          …richtig….

          … und wir alle Teil eines großen Schmelztigels sind. Der Balkan-Pop, den sie groß gemacht haben, handelt von einer Region, wo Menschen mal friedlich als Nachbarn zusammengelebt haben und sich dann wieder bekriegen. Der mutmaßliche Attentäter spielt in dem Video, das ihn auf dem Weg zu seinem Amoklauf zeigt, ein bosnisch-serbisches Kampflied. Was geht ihnen dabei durch den Kopf?

          Es ist natürlich so, Shantel und der Balkan-Pop werden direkt mit der Region assoziiert, auch wenn ich mich in erster Linie immer als kontinentaleuropäischer Musiker betrachte. Es ist so. Wir haben den Nationalismus und Rechtspopulismus dort schon zu spüren bekommen, bevor sie in Deutschland zum Thema wurden. Das war mir persönlich immer ein absoluter Dorn im Auge. Ich spiele deshalb zum Beispiel auch keine Shows mehr in Serbien, weil mir diese ganze maskuline, chauvinistische und auch nationalistische Haltung zuwider ist, die sich dort durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht.  

          Solche Entwicklungen lassen sich mittlerweile auch in vielen anderen europäischen Staaten beobachten.

          Wir bekommen sie dort ja auch mit. Wir haben letztes Jahr einige Konzerte in Polen gehabt, und in Ungarn, in Budapest spielen wir ja auch sehr oft. Da hat sich über die Jahre hinweg ein ziemlich giftiger, zersetzender Geist verbreitet. Wir spüren das. Das sind die Wurzeln von solchen Anschlägen, die sich auch im Internet beobachten lassen. Es ist schon sehr widerwärtig, was sich da für ein Netzwerk in den vergangenen Jahren zusammengefunden hat, und wie scheinbar ohnmächtig wir dem gegenüberstehen.

          Ist das wirklich Ohnmacht?

          Von den logistischen Möglichkeiten der Institutionen her auf keinen Fall. Aber ich habe das Gefühl, dass der rechtsextreme Terror nicht richtig ernst genommen oder verharmlost wird. Allein der NSU-Prozess und die Aufarbeitung – da sind so viele Sachen schiefgelaufen, dass man sich wundert, wo der allumfassende Aufschrei bleibt. Da laufen schleichende Prozesse, die das alles wieder salonfähig machen. Das macht die Sache schwieriger denn je.

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