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China : Der gute Deutsche von Nanking

  • -Aktualisiert am

Erinnerungszentrum eröffnet: John-Rabe-Haus in Nanking Bild: picture-alliance/ dpa

1937 rettete der deutsche Kaufmann John Rabe einer Viertelmillion Chinesen in der ehemals chinesischen Hauptstadt Nanking das Leben. Jetzt erinnert eine Ausstellung in seinem damaligen Haus an den „zweiten Schindler“.

          Es war eine Heldentat, die wegen privater und politischer Implikationen lange nicht gebührend gewürdigt wurde. Im Jahr 1937 rettete der deutsche Kaufmann John Rabe 250.000 Chinesen in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanking das Leben. Die japanischen Invasionstruppen hatten Nanking erobert und zogen plündernd und mordend durch die Stadt. Schutz gab es für die Zivilisten nur in der Internationalen Sicherheitszone, die Rabe zusammen mit anderen in Nanking lebenden Ausländern für die chinesische Zivilbevölkerung eingerichtet hatte. Auf einem Gebiet von vier Quadratkilometern drängten sich mehr als 200.000 Flüchtlinge.

          John Rabe, der als Leiter eines internationalen Komitees die Hilfe organisiert hatte und auch auf dem Gelände seines Hauses 600 Flüchtlinge aufnahm, wurde nach dem Krieg von der Nankinger Bevölkerung verehrt. Man bezeichnete ihn als „Lebenden Buddha“, die chinesische nationalistische Regierung verlieh ihm einen Orden. Doch für Rabe, der im Jahr 1938 nach Deutschland zurückging, begann eine Zeit der Armut und Demütigung. Weil er im Dritten Reich über die Greueltaten der mit Deutschland verbündeten Japaner in China berichtete, wurden ihm Veröffentlichungen und Reden untersagt. Rabe starb im Jahr 1950 in Armut und Vergessenheit in Berlin.

          Über Hitlers Politik nicht gut informiert

          Rabe hatte über die Zeit in Nanking ein detailliertes Tagebuch geführt, das über den Krieg gerettet wurde, doch seine Familie wollte es nicht veröffentlichen. Erst auf Dringen Erwin Wickerts, des deutschen Sinologen und früheren Botschafters in China, der Rabe noch als Student in Nanking kennengelernt hatte, stimmte man einer Veröffentlichung zu. Wickert gab die Tagebücher im Jahr 1997 heraus und setzte damit Rabe zum ersten Mal ein Denkmal als dem „Guten Deutschen von Nanking“. Rabes Tagebücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, in Amerika sprach man von einem „zweiten Schindler“.

          In Deutschland wurde der Einsatz Rabes für die chinesische Zivilbevölkerung zum ersten Mal bekannt, doch über ihm lag weiterhin ein Schatten. Der Held Rabe war Mitglied der NSDAP gewesen, das Hakenkreuz wehte über der Sicherheitszone. Diese Flagge und die Binde mit dem Hakenkreuz halfen Rabe dabei, Forderungen gegen die Japaner durchzusetzen. Rabe erscheint in seinen Tagebüchern nicht als glühender Nazi, sondern als Mensch mit Gerechtigkeits- und Gemeinsinn, der über die Zustände im fernen Deutschland und Hitlers Politik nicht gut informiert war.

          Massaker als Zwischenfall bagatellisiert

          In China wurden die Tagebücher ein Politikum anderer Art. Die Beschreibung der japanischen Greueltaten durch einen ausländischen Zeitzeugen waren für die chinesische Regierung ein willkommenes Beweisstück in ihrem geschichtspolitischen Ringen mit den Japanern. Noch immer gibt es in Japan Kräfte und Einzelpersonen, die das Massaker von Nanking leugnen oder als einen Zwischenfall bagatellisieren. Nach chinesischen Angaben sind damals 300.000 Chinesen, vornehmlich Zivilisten, ermordet worden. Zahllose Frauen wurden vergewaltigt und getötet.

          Mit Rabes Tagebüchern hatte die chinesische Regierung ein weiteres Beweisstück in der Hand, mit dem sie von Japanern einen korrekten Umgang mit der Geschichte fordern konnte. Jetzt gibt es endlich auch eine Erinnerungsstätte für den „Guten Deutschen von Nanking“. Am Dienstag wurde Rabes ehemaliges Haus in Nanking als Museum für eine Ausstellung „John Rabe und die internationale Sicherheitszone“ eröffnet. Auch ein Forschungszentrum für Frieden und Versöhnung soll hier angesiedelt werden. Das Projekt konnte vor allem durch Unterstützung des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau verwirklicht werden, der sich bei einem Besuch in Nanking im Jahr 2003 über Rabes Wirken dort informiert hatte.

          Versuch, politische Fallstricke zu umgehen

          Im Beisein von John Rabes Enkel Thomas Rabe eröffneten der deutsche Generalkonsul in Schanghai, Repräsentanten der Stadt Nanking und solche des Unternehmens Siemens die Gedenkstätte. Finanziert wurde die Renovierung des Hauses vornehmlich mit Mitteln von Siemens, dessen Angestellter Rabe damals in Nanking war, und der deutschen Regierung. Die Universität Nanking, auf deren Campus das Haus liegt, ist für die Betreuung der Ausstellung verantwortlich.

          Die Ausstellung versucht, die politischen Fallstricke zu umgehen. Es wird wenig über die japanische Invasion und viel über die internationale Sicherheitszone berichtet. Und an Rabes Nazi-Vergangenheit erinnert nur die Kopie eines „Entnazifizierungsdokumentes“. Während die deutschen Redner die Versöhnungs- und Friedensaspekte einer solchen Ausstellung hervorhoben, wiesen die Repräsentanten der Stadt Nanking auch gern darauf hin, daß Rabe die historischen Fakten dokumentiert habe.

          Nach der offiziellen Eröffnung kamen auch einige alte Nankinger, die die Zeit des Schreckens miterlebt hatten, in die neue Ausstellung. Eine alte Frau erinnerte sich, wie sie als sieben Jahre altes Mädchen in der Sicherheitszone Zuflucht fand, als überall um sie herum die Japaner Menschen erschossen. „John Rabe hat uns Chinesen geholfen. Er war ein guter Mensch.“

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