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Sänger Song Dongye : Auftrittsverbot wegen 57 Gramm Cannabis

Die Sänger Song Dongye (links) und Ma Di während eines Festivals 2016 Bild: imago/Xinhua

Der chinesische Sänger Song Dongye wurde 2016 mit Drogen erwischt – und darf noch immer nicht auftreten.

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          Der chinesische Folksänger Song Dongye wurde vor fünf Jahren beim Marihuana-Rauchen erwischt und dafür mit zehn Tagen Arrest bestraft. Laut ei­ner Zeitung des Justizministeriums wurden bei ihm damals 57 Gramm Cannabis sichergestellt. Das chinesische Kultur­ministerium verhängt in solchen Fällen zusätzlich eine drei Jahre andauernde Auf­­trittssperre. Wer Rauschgifte nimmt, so die Botschaft, darf kein Vorbild für die Jugend sein. Obwohl die obligatorische Auszeit längst verstrichen ist, wurde nun ein Konzert des Sängers in der Stadt Chengdu kurzfristig abgesagt, weil er, wie Song selbst sagt, bei den Behörden an­geschwärzt worden sei. Nach seinen Angaben war es nicht das erste Mal. „Ich verstehe das nicht“, schrieb Song in ei­nem längeren Blogeintrag. „Zählen die Ge­setze und Vorschriften, oder zählt eine Beschwerde von irgendjemandem?“

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          In seinem Beitrag unter der Überschrift „Ich muss etwas sa­gen“ zeigte sich der Mu­siker zutiefst frustriert darüber, dass ihm sein Fehltritt im Jahr 2016 noch im­mer angelastet wird. „Sollte die Gesellschaft nicht Leuten, die das Gesetz gebrochen haben, eine zweite Chance geben?“, schrieb er. Und: „Ich wurde aufgeklärt. Ich habe verstanden. Ich habe mich geändert. Ich habe nie wieder etwas falsch gemacht. Reicht das nicht, damit ich wieder meinen Lebensunterhalt verdienen kann?“ Er be­stehe auf sein Recht zu arbeiten. Daraufhin wurden sein Konto im sozialen Netzwerk Weibo gesperrt und alle seine Beiträge gelöscht. Begründung: Verstoß ge­gen die Richtlinien des Netzwerks.

          Die chinesische Polizei antwortete am Donnerstag mit einem Kommentar auf der Internetseite des Ministeriums für öffentliche Sicherheit: „Drogenbelastete Künstler können natürlich ihre Arbeit wieder aufnehmen, aber sie dürfen nie wieder zu öffentlichen Persönlichkeiten werden und nicht länger Blumen und Ap­plaus genießen.“ Andernfalls würde das „die Atmosphäre in der Unter­hal­tungs­industrie, wenn nicht gar die ganze Ge­sellschaft verpesten“.

          Die Polizei warf Song vor, Rauschgiftdelikte in ­seinem In­ternetbeitrag verharmlost zu haben, weil er zwischen Konsumenten und Rauschgifthändlern unterschieden und weil er ge­schrieben hatte, dass der Druck im Showgeschäft so groß sei, dass viele Künstler unter Depressionen litten. In solchen Momenten der Schwäche seien sie leichte Beute für Drogenhändler. Der Po­lizeikommentator forderte, an dem Sänger müsse ein Exempel statuiert werden. „Nur wenn wir schlechte Künstler einen hohen Preis für ihr illegales Verhalten zahlen lassen, kann das abschreckend auf andere Personen des öffentlichen Le­bens wirken.“ Der Polizist ging so weit, das Blut seiner im Dienst getöteten Kol­legen der Rauschgiftfahndung gegen Songs Auftrittsrecht ins Feld zu führen. Schließlich könnten sie auch nicht mehr zurückkommen. Song hatte in seinem Blog geschrieben: „Ich fühle mich so unfair behandelt. Ich habe schließlich keinen Drogenfahnder getötet.“

          In den Staatsmedien wurde auffallend prominent über den Fall berichtet. Er ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Moralwächter der Kommunistischen Partei die Unterhaltungsindustrie noch stärker als sonst ins Visier genommen haben und nach ihren Wertvorstellungen „säubern“ wollen, um den Einfluss der Partei auf gesellschaftliche Entwicklungen auszuweiten. Der Rockmusiker Cui Jian schrieb auf Weibo, sein CD-Laden sei von der Po­lizei geschlossen worden, nachdem Unbekannte behauptet hätten, er verschenke CDs eines gesperrten Musikers; gemeint war vermutlich Song Dongye. Am Mittwoch traf es einen weiteren Künstler. Die Global Times berichtete, ein Konzert des Sängers Li Daimo in der Provinz Anhui sei abgesagt worden, weil er 2014 wegen Drogenmissbrauchs zu einer mehrmo­natigen Haftstrafe verurteilt worden war. Dabei muss jedes Konzert in China samt aller gespielten Titel vorab genehmigt werden. Bevor es also verboten wurde, hatte eine andere Behörde grünes Licht gegeben.

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