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Chile : Der Turmbau zu Santiago

  • -Aktualisiert am

Horst Paulmanns Denkmal: Der „Große Turm von Santiago“ wird auch kritisch gesehen Bild: Josef Oehrlein

Ein deutsch-chilenischer Geschäftsmann gönnt sich mit dem höchsten Gebäude Lateinamerikas ein Denkmal – für mittlerweile mehr als eine Milliarde Dollar. Seine Kritiker sprechen schlicht von Größenwahn.

          Auch aus der chilenischen Hauptstadt Santiago, deren Geschäftsviertel mit Hochhäusern gespickt sind, ragt er heraus. Der „Große Santiago-Turm“, 300 Meter hoch, ist inzwischen das höchste Gebäude Lateinamerikas und das sechsthöchste der Welt. Der gesamte Komplex „Costanera Center“ im zentrumsnahen Stadtviertel Providencia besteht aus vier Gebäuden, die anderen drei haben eine bescheidene Höhe von 165 und 105 Metern. In den unteren Stockwerken ist eine Shopping-Mall teilweise schon in Betrieb.

          Der Turm selbst scheint zwar vollendet zu sein. Doch im Inneren herrscht noch immer gähnende Leere. Es fehlt an vielem, nicht einmal die Elektro-Anlagen sind installiert. Ursprünglich war die Eröffnung für Mitte 2009 geplant, danach wurde der 27. Dezember 2011 als Tag der Inbetriebnahme ausersehen. Nun heißt es, im zweiten Halbjahr 2014 könnte es soweit sein. Aber wahrscheinlich wird es noch bis 2015 oder gar 2016 dauern.

          Man spricht schon von einem Turmbau zu Babel

          Mit dem Bau war im März 2006 begonnen worden. Immer wieder kam es zu unvorhergesehenen Hindernissen. So entsprach die Pigmentierung der Fenster, die eine chinesische Firma lieferte, nicht den bei der Bestellung festgelegten Normen. Man spricht schon von einem Turmbau zu Babel, weil sich die an dem Projekt beteiligten Firmen und Arbeiter aus den unterschiedlichsten Ländern oft nicht verstanden. Die Pannen und die Finanzkrise von 2008 trugen zu den Verzögerungen bei.

          Der Turmbau zu Santiago war die Idee eines einzigen Mannes, des deutsch-chilenischen Geschäftsmanns Horst Paulmann. Er ist Herr über das Imperium „Cencosud“, das Mega-Kaufhäuser, Supermärkte und Baumärkte umfasst und von Chile und Argentinien aus in den vergangenen Jahren auch in andere südamerikanische Ländern wie Brasilien, Peru und Kolumbien vorgedrungen ist. „Hauptsache, wir werden ein wunderschönes Gebäude haben“, sagt Paulmann stolz über sein Megaprojekt. Für ihn sei es „unglaublich“, dass ein solches Bauwerk in Chile habe errichtet werden können. Seine Kritiker sprechen schlicht von Größenwahn.

          Überragt den Rest der Stadt um Längen: Paulmanns Turm ist 300 Meter hoch

          Studien des Verkehrsministeriums lassen eine Steigerung des Autoverkehrs um 30 bis 50 Prozent in den schon jetzt zu den Stoßzeiten überlasteten Straßen rund um den Komplex erwarten. Zwar ist eine neue Brücke über den Fluss Mapocho gebaut worden und eine Fußgängerüberführung über die Avenida Vitacura, um die U-Bahn mit der Mall zu verbinden. Und es sollen viele Parkplätze entstehen. Doch ist überhaupt nicht klar, wie die Verkehrsströme gelenkt werden sollen, wenn die Büros und Hotels eingezogen sind und Tausende Personen den „Paulmann-Turm“ bevölkern werden.

          In Projektionen ist die Rede von 240.000 Personen, die sich täglich in dem Areal bewegen könnten. Architekt der „Gran Torre Santiago“ ist César Pelli, ein Argentinier, der hauptsächlich in den Vereinigten Staaten wirkt. Er hat auch die Petronas Towers in Kuala Lumpur entworfen. Das Geschäftszentrum und die anderen drei Türme sind von dem chilenischen Architektenbüro Alemparte Barreda y Asociados geplant worden.

          Der Markt werde überschwemmt

          Das Angebot an Büroflächen in Santiago dürfte bei voller Nutzung des Turms um mehr als zehn Prozent wachsen. Santiago hat in Lateinamerika neben Mexiko City und São Paulo schon jetzt das größte Angebot an Büroflächen. Der Markt werde überschwemmt, sagen Immobilienfachleute, und es werde für Paulmann nicht leicht sein, die Büroflächen rentabel zu vermieten. Inzwischen sind auch die Baukosten davongelaufen. Ursprünglich waren einmal 600 Millionen Dollar im Gespräch, inzwischen ist von mehr als einer Milliarde die Rede.

          Der Geschäftsmann hat sich ganz offensichtlich mit dem Wolkenkratzer ein Denkmal setzen wollen, das in absehbarer Zeit nicht mehr aus dem Stadtbild zu tilgen ist und auch schwerste Erdbeben unbeschadet zu überstehen vermag. Horst Paulmann Kemna wurde 1935 in Kassel geboren, 1946 wandert sein Vater Karl Werner Paulmann zunächst nach Argentinien aus, im Oktober 1948 folgt die Mutter Hilde mit ihren sieben Söhnen. Zunächst lebte die Familie in der Provinz Buenos Aires.

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