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Frühere Chemtrail-Anhängerin : Das Muster der Verschwörung

Hilfreich beim Ausstieg war Wittschier auch ihr Partner. „Ruhig bleiben, nicht zu forsch werden“, erklärt er seinen Umgang mit ihrem Wahn. Und erzählt, er habe schnell bemerkt, dass es nichts bringe, inhaltlich zu diskutieren. Statt selbst Argumente vorzutragen, habe er ihr vorgeschlagen, sich doch auch mal auf anderen Seiten zu informieren. Und bei Angstattacken habe er sie beruhigt: So schlimm sei das alles nicht, sie werde daran nicht sterben. „Das war mein Bauchgefühl, dass das so Sinn macht.“

Ein Bauchgefühl, dessen Richtigkeit sich wissenschaftlich begründen lässt: Sachliche Gegenargumente helfen oft nicht, weil sie als „Desinformation der Elite“ verbucht werden und den Verschwörungsglauben eher festigen. Wer dem Anhänger einer Verschwörungstheorie Fakten präsentiert, die der Theorie widersprechen, greift damit dessen Identität an – und stärkt seinen Glauben an die Theorie noch eher, zeigen Untersuchungen. „Studien weisen darauf hin, dass Emotionalität besser funktioniert als Fakten“, sagt der Fachmann Butter: „Also lieber über Kinder sprechen, die an Masern zugrunde gehen, als Gründe fürs Impfen aufzählen.“

Alarmismus hilft nicht weiter

Deshalb sieht Butter auch die Bewegung der Skeptiker kritisch, die Verschwörungstheorien mit wissenschaftlichen Fakten bekämpfen. Als noch kritischer betrachtet er Alarmismus: Man solle Verschwörungstheorien nicht betrachten wie ein Virus, das immer mehr Leute befalle. Während andere Experten warnen, dass sich Verschwörungstheorien verbreiten, sagt Butter: Vor 20, 30 Jahren gab es zwar weniger Anhänger von Verschwörungstheorien als heute, vor etwa 60 aber deutlich mehr – Stichwort jüdische oder kommunistische Weltverschwörung. Und nicht jeder Anhänger wirrer Ideen sei gleich eine Gefahr für die Gesellschaft.

Und der Plan, Piloten zu blenden und abstürzen zu lassen? Bei der Flugsicherung heißt es, von 2010 an habe die Anzahl der Blendungen von Piloten stark zugenommen, in den vergangenen Jahren bewege sie sich konstant um 500 pro Jahr. Die Beweggründe der Blender sind nicht bekannt. Schwerwiegende Folgen hätten ihre Attacken aber nicht, heißt es bei der Vereinigung Cockpit – zumindest für die Flugsicherheit, denn im Zweifelsfall könne bei einer Blendung immer der Copilot übernehmen. Nur von einem britischen Piloten ist bekannt, dass er eine Augenverletzung erlitt.

Also alles halb so wild? Ja und nein. Impfgegnerschaft und abstruse Praktiken wie die Neue Germanische Medizin oder MMS – Einläufe mit einer ätzenden Natriumchlorit-Lösung – können tödlich enden. Die Gewaltbereitschaft von Reichsbürgern ist beängstigend. Und wenn Fakten nichts gelten und die Demokratie als Diktat der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs dargestellt wird, schadet das der politischen Kultur.

Stephanie Wittschier aber weiß, dass es vor allem die Anhänger von Verschwörungstheorien selbst sind, die leiden. Und obwohl ihre Adresse von Verschwörungstheoretikern im Netz veröffentlicht wurde und sie auch schon Morddrohungen bekommen hat, hat sie keine Angst. „Die meisten Verschwörungstheoretiker reden Gott sei Dank nur“, sagt sie, „aber tun nichts.“

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